Wem diese Wohnzimmerausstattung eine Spur zu dick aufgetragen erscheint, für den ist der folgende Artikel gedacht. Foto: dpa

Eigentlich wollte unser Autor einen Text für all jene geschundenen Seelen schreiben, denen das EM-Gedöns auf den Wecker geht. Aber dann hat das mit der fußballfreien Kolumne doch nicht so ganz geklappt.

Stuttgart - Geht Ihnen das ganze Fußballgeschrei auf den Geist? Dann sind Sie hier goldrichtig. Sie sind im Begriff, eine fußballfreie Zone zu betreten. Keine Aufstellungen, keine Prognosen.

Habe den Bericht eines Mannes gelesen, der im Netz nicht mehr mit Fußballmeldungen bombardiert werden wollte – und dem Wahnsinn nur knapp entkam. Erst musste er tagelang fußballaffine Begriffe eingeben (etwa die Namen sämtlicher EM-Spieler), die der Rechner blockieren sollte. Am Ende landete der Mann nachrichtenmäßig im Nichts.

Beim Stichwort Latte macchiato wird über Lattentreffer diskutiert

Auch im echten Leben rennt man ständig gegen Bälle. Selbst die, die sonst nie was zum Thema beizutragen haben, wissen plötzlich Bescheid. Wenn ich jetzt keine Namen nenne, dann nur deshalb, weil ich die vage Hoffnung habe, dass es ein Leben nach der EM gibt. Wobei, sicher bin ich mir da nicht, seit ich am Kaffeeautomaten in der Cafeteria eine Latte macchiato herauslassen wollte, und sie hinter mir begannen, über einen Lattentreffer zu diskutieren. War vielleicht auch dämlich von mir. Für gewöhnlich trinke ich Filterkaffee.

Das Elend fängt schon beim Frühstück an. Die Titelseite meiner Lieblingszeitung ignoriere ich vorsichtshalber seit Tagen, aber um das Nutella-Glas komme ich nicht herum. Das Etikett schaut aus wie eine „Kicker“-Gedächtnisausgabe. Wo sonst steht, warum das Zeug mir den Tag versüßt, prangt nun die Finalaufstellung der deutschen EM-Elf von 1996.

Hinter der Fleischtheke war die halbe Nationalelf versammelt

Habe ich eigentlich schon über die Frauen gesprochen, dass die, vom Fußballvirus infiziert, noch schlimmer als die Kerle sind? Habe ich nicht? Gut, dann sollte ich das vielleicht auch lassen, muss ja morgen auch noch ins Büro. Oder neulich beim Metzger, ich dachte hinter der Fleischtheke ist die halbe Nationalelf versammelt. Alle Damen in Deutschlandtrikots. Habe mich gefragt, warum der Metzger die Saiten verschont und sie nicht in schwarz-rot-goldene Därme gepresst hat.

Meine ganze Hoffnung ruht auf der Wissenschaft. Rechne täglich mit der Meldung, dass alles nur eine optische Täuschung war und die Erde in Wahrheit nicht rund wie ein Fußball, sondern flach wie eine Diskusscheibe ist.

Lobe mich ungern, aber bei dem EM-Wahn ist es wichtig, dass man wenigstens versucht, sich mit dem Leben abseits des Fußballs zu beschäftigen.

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