Blick vom Fernsehturm auf die Stadt: In Stuttgart wohnen mehr Menschen als früher, die Zahl der Wohnungen steigt jedoch nicht im selben Maß. Foto: Lichtgut/Leif Piechowski

Seit 2010 sind mehr als 40 000 neue Einwohner nach Stuttgart gekommen. Im gleichen Zeitraum sind jedoch weniger als 10 000 Wohnungen hinzugekommen. Eine Folge: im Schnitt leben mehr Menschen in einer Wohnung als früher.

Stuttgart - Wenn mehr Menschen in einer Stadt leben, müssen dort zusätzliche Wohnungen entstehen. Doch offenbar gilt das nur bedingt für die Landeshauptstadt. Seit 2010 hat Stuttgart mehr als 40 000 Einwohner gewonnen. Doch im selben Zeitraum sind netto weniger als 10 000 Wohnungen hinzugekommen. Die Stadt selbst attestiert: „Der Zuwachs an Einwohnern war zum Teil deutlich stärker als die Zahl der Baufertigstellungen.“ Eine Folge dieser Entwicklung: die Menschen rücken enger zusammen.

1,95 Personen wohnen in Stuttgart derzeit durchschnittlich in einer Wohnung. „Diese Zahl ist gestiegen“, erklärt der Sprecher der Stadt, Sven Matis. Zum Vergleich: 2010 lag dieser Wert noch bei 1,87 Personen pro Wohneinheit. Die Menschen rücken also zusammen, obwohl eigentlich ein gegenläufiger Trend zu beobachten ist. Denn in Stuttgart werden Jahr für Jahr mehr Singlehaushalte gezählt. Die Erklärung für diese Entwicklung : „Es gibt deutlich mehr WGs als früher“, erklärt der Stadtsprecher.

Leerstand ist gesunken

Auch die Quote an leer stehenden ­Wohnungen ist aufgrund des starken Zuzugs in den vergangenen Jahren deutlich ge­sunken. Der Zensus aus dem Jahr 2011 kam für Stuttgart auf die Summe von mehr als 11 000 leeren Wohnungen. Die Zahl hatte angesichts der schon damals attestierten ­Wohnungsknappheit zahllose Debatten ­ausgelöst. Seit rund einem Jahr können die Eigentümer grundlos leer stehender Wohnungen nun mit Geldstrafen von bis zu 50 000 Euro belegt werden – in Stuttgart gilt das Zweckentfremdungsverbot. Die Leerstandsquote wird vonseiten der Verwaltung aktuell auf rund zwei Prozent geschätzt. Stadtsprecher Matis sagt: „Der Wohnungsleerstand in Stuttgart ist in den vergangenen Jahren zurückgegangen.“

Fragt man in diesem Zusammenhang nach, wie viele Wohnungen in den vergangenen Jahren neu gebaut wurden, wird von der Stadtverwaltung stolz auf den ­Zuwachs im Wohnungsbau verwiesen. Wurden im Jahr 2010 noch rund 1500 neue Wohneinheiten in Stuttgart gebaut, waren es im Jahr 2015 bereits schon mehr als 2100. „Dieser Trend wird sich wohl fortsetzen“, erklärt Sven Matis. Insgesamt wurden in diesem Zeitraum knapp 10 400 Wohnungen neu gebaut – das ist nicht viel bei rund 40 000 neuen Einwohnern und einer Auslastung von knapp zwei Personen pro Wohnung.

Weniger als 10 000 zusätzliche Wohnungen verfügbar

Betrachtet man jedoch die Zahl der Abrisse und damit die tatsächlich neu zur Verfügung stehenden Wohnungen, wird klar, weshalb von einem Missverhältnis von Neubau und Zuzug gesprochen werden kann. In den Jahren 2010 bis 2015 sind 2539 Wohnungen in Stuttgart weggefallen. „Der Nettozuwachs an Wohnungen lag in diesem Zeitraum folglich bei rund 7800 Wohnungen“, so Matis. Der Druck auf den ohnehin schon angespannten Wohnungsmarkt der Stadt nimmt folglich weiter zu.

Die Verwaltung verweist jedoch darauf, dass nur ein Teil der Zuwanderung auf die Flüchtlingsbewegung zurückzuführen sei, und „dass sich insbesondere der Zuzug von Flüchtlingen nicht im vollen Umfang in der Baustatistik widerspiegelt“, so Matis. Das bedeutet: Die eigens für die Flüchtlinge geschaffenen und dicht belegten Unterkünfte haben keinen Einfluss auf die derzeit gültigen Statistiken zum Wohnungsmarkt.

Um all dem entgegenzuwirken, scheinen sich auf kommunalpolitischer Ebene inzwischen ungewöhnliche Bündnisse herau­s­zubilden. So rütteln die beiden Fraktionsvorsitzenden von Freien Wählern (Jürgen Zeeb) und SPD (Martin Körner) an den Grund­festen der Stuttgarter Stadtentwicklungspolitik. „Wir müssen mehr Grund­stücke auf den Markt bringen“, sagt Zeeb. Martin Körner fügt hinzu: „Wir wollen eine vorsichtige Außenentwicklung.“ Und: „Was die Verwaltung bislang tut, ist uns zu wenig“, betonen beide. Gemeinsam wollen sie nach neuen Flächen suchen, die bislang nicht als Baugebiete vorgesehen sind.

Finden die zwei Fraktionschef Mehr­heiten für ihre Vorschläge, würde das einen spürbaren Wandel für die Bodenpolitik der Stadt bedeuten. Denn bislang gilt in ­Stuttgart der strikte Vorrang der Innenentwicklung. Das bedeutet, neue Bauvorhaben dürfen momentan nur auf bereits bebauten Flächen entstehen. Besonders für die Sozialdemokraten ­bedeutet dieser Weg eine Abkehr von ihrer bisherigen Politik. „Es stimmt, wir waren vor Jahren noch gegen die Bebauung von Gebieten wie dem Schafhaus in Mühlhausen“, sagt Körner. Doch die Situation habe sich spürbar verändert, und „darauf müssen wir reagieren“.

Die SPD wechselt die Meinung

Die Kritik am möglichen Meinungsumschwung im Gemeinderat ließ nicht lange auf sich warten. Der Umweltschutzbund BUND etwa meldete sich prompt zu Wort: „Auch in Stuttgart gibt es Grenzen des Wachstums, und am deutlichsten sichtbar wird dieser Fakt auf den Feldern im Gewann Schafhaus“, erklärt Regionalgeschäftsführer Gerhard Pfeifer.

Hat Ihnen der Artikel gefallen? Jetzt teilen: