Petra Schamber betreut den Stellplatz in Nürtingen. Sie weiß aus eigener Erfahrung, was Reisemobilisten brauchen. Foto:  

Der Trend zum Urlaub mit dem Wohnmobil ist weiter ungebrochen. Je mehr Neuzulassungen, desto größer der Bedarf an Stellplätzen in der Region. In Beuren ist ein neuer Stellplatz in Planung, und in Nürtingen soll jetzt erweitert werden.

Kreis Esslingen - Immer mehr Menschen schaffen sich ein Reisemobil an und ziehen das Ferienhaus auf Rädern einem festen Urlaubsdomizil vor. Mitte Mai meldete die deutsche Caravaning-Branche einen Anstieg der Neuzulassungen von Reisemobilen und Wohnwagen um 13,7 Prozent auf knapp 32 000 Fahrzeuge. Allein im April wurden bundesweit 9571 Reisemobile neu zugelassen. Für dieses Jahr erwartet die Branche einen neuen Höchstwert.

Das Netz in der Region wird mehr und mehr ausgebaut

Der Boom spiegelt sich auch in der Region Stuttgart wider. Waren im Kreis Esslingen vor acht Jahren noch 2591 Wohnmobile angemeldet, so ist die Zahl inzwischen auf rund 4000 angestiegen. Bemerkbar macht sich diese Entwicklung auch bei den Reisemobilstellplätzen. Immer mehr Kommunen suchen nach Möglichkeiten, um diesem Tourismussegment gerecht zu werden.

Vier neue Reisemobilstandorte sind im Rahmen des Projekts „Wohnmobilfreundliche Region Stuttgart“ mit Unterstützung der Zeitschrift „promobil“ zuletzt entstanden, um dem Hinterherhinken der Infrastruktur hinter den Zulassungszahlen entgegenzuwirken. Die neuen Standorte sind in Aidlingen, Jettingen, Bondorf und Waldenbuch (Kreis Böblingen) eingerichtet worden. Der bestehende Stellplatz in der Leonberger Mitte wurde aufgewertet. „Wir bauen das Netz von Reisemobil-Standorten in der Region Stuttgart mehr und mehr aus. Das ist ein wichtiger Baustein für den Tourismus“, zitierte „promobil“ Thomas Bopp, den Vorsitzenden des Verbands Region Stuttgart.

In Kirchheim ist der Stellplatz aufgegeben worden

Im Kreis Esslingen gab es vor einem Jahr zunächst einmal einen Rückschlag. Kirchheim hatte 2016 einen Stellplatz mit modernen Anlagen eröffnet, aufgrund von Anwohnerprotesten musste er allerdings wieder geschlossen und abgebaut werden. Derzeit steht in der Teckstadt nur ein einfacher Übernachtungsplatz zur Verfügung.

Dessen ungeachtet plant die Gemeinde Beuren aber einen Stellplatz für 63 Reisemobile. Im Neuffener Tal warten Neuffen mit 16, Frickenhausen mit acht und Kohlberg mit fünf Standplätzen auf. In Weilheim ist kürzlich ein Stellplatz für bis zu 13 Wohnmobile eingeweiht worden. In der Stadt Nürtingen, die in der Gegend Vorreiter war, gibt es ebenfalls Bewegung. Dort steht die Sanierung und Erweiterung des Reisemobilstellplatzes in Oberensingen auf der Agenda. Im vergangenen Jahr verzeichnete die Anlage mit zwölf Standplätzen einen Anstieg der Übernachtungen um elf Prozent gegenüber dem Vorjahr. „Im Sommer war der Platz oft voll belegt, sodass später anreisende Mobilisten wieder abreisen mussten“, berichtet die Nürtinger Tourismusförderin Jasmin Groß. „Das erfordert eine Vergrößerung des Stellplatzes“, sagt sie.

Wer mit dem Wohnmobil fährt, schätzt die Unabhängigkeit

Dieser Überzeugung ist auch Petra Schamber. Die Nürtingerin war die treibende Kraft, als vor 13 Jahren der Platz in Oberensingen eingeweiht wurde. Die Bürgermentorin, die gemeinsam mit ihrem Mann Gerhard Schamber die Anlage seither betreut und für Gäste als Ansprechpartnerin bei allen möglichen Fragen zur Verfügung steht, ist selbst passionierte Reisemobilistin. Vier bis fünf Mal pro Jahr macht das Ehepaar sein Fahrzeug flott. Derzeit sind sie mit dem Wohnmobil in Irland auf Tour. Der Norden Deutschlands und Europas hat es den beiden besonders angetan.

Vor 25 Jahren begann die Leidenschaft für diese spezielle Form des Reisens – damals noch mit einem gemieteten Reisemobil. „Wenn man einmal mit dem Wohnmobil unterwegs war, dann kommt man nicht mehr davon los“, schwärmt Gerhard Schamber vom Caravaning. Es sei, als würde man von einem Virus befallen. Einer Branchenumfrage zufolge gibt es viele Gründe, die für den Urlaub mit dem Reisemobil sprechen. „Ich kann unabhängig reisen“ steht bei 94 Prozent der Befragten aber an oberster Stelle. „Ich genieße es, zeitlich flexibel zu sein“, sagen 77 Prozent der Wohnmobil-Fans. Die Schambers können das nur bestätigen. „Wenn wir im Stau stehen, ist das kein Problem. Man kann nach hinten gehen und einen Kaffee trinken, und eine Toilette gibt es auch“, sagt Gerhard Schamber. „Man ist nicht gebunden, und wenn das Wetter nichts ist, fährt man einfach weiter“, fügt Petra Schamber hinzu.

Der Südwesten liegt bundesweit auf Platz drei

Reisemobilisten können aus einem breiten Angebot wählen. Der aktuelle Stellplatzatlas führt 6300 Stellplätze in Deutschland und Europa auf. Und wer ein Smartphone hat, kann die Stellplatz-Radar-App mit GPS und Umkreissuche nutzen. Allein in Deutschland gibt es laut dem Caravaning Industrie Verband 3600 Reisemobilstellplätze. Knapp zehn Prozent entfallen davon auf Baden-Württemberg. Nur Bayern (rund 18 Prozent), Niedersachsen und Nordrhein-Westfalen (jeweils rund 16 Prozent) liegen beim Anteil an den Reisemobilstellplätze weiter vorne. Schon seit Jahren fordert die Caravan-Branche einen weiteren Ausbau der bestehenden Infrastruktur.

Nürtingen bemüht sich um Fördermittel des Landes

Indessen zögert der Nürtinger Gemeinderat noch, das Geld für die Sanierung und Erweiterung des Stellplatzes in Oberensingen freizugeben. 125 000 Euro sind insgesamt veranschlagt. Jasmin Groß ist überzeugt, dass das Geld gut angelegt wäre, weil die Reisemobiltouristen ein Wirtschaftsfaktor mit wachsender Bedeutung seien. Nürtingen müsse aufpassen, im Wettbewerb mit anderen Kommunen in diesem Segment nicht zurückzufallen. Um dem Gemeinderat die Zustimmung zu erleichtern, sollen nun Fördermittel beantragt werden. Dazu ist auch der Schulterschluss mit anderen Kreiskommunen geplant, die ebenso wie Nürtingen am reizvollen Neckartalradweg liegen.

Je mehr Stellplätze entstehen, desto besser ist das laut Petra Schamber für die Entwicklung des Reisemobiltourismus. Die Gefahr eines Verdrängungswettbewerbs sieht sie nicht. Die 60-Jährige bricht eine Lanze für die nach ihrem Geschmack beste Art des Reisens: „Ich setze mich in das Wohnmobil und bin zuhause. Mein Urlaub beginnt, wenn ich drin sitze und den Zündschlüssel umdrehe.“

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