Ein Comedian der anderen Art: Chris Tall Foto: dpa

Der Comedian Chris Tall will mit Witzen über Minderheiten Diskriminierung überwinden – doch die Betroffenen sind da eher skeptisch.

Stuttgart - Satire dürfe alles, sagte Kurt Tucholsky bereits 1919. Das hätte auch Wolfgang Marmulla noch vor einigen Jahren gesagt. Doch der Programmplaner des Stuttgarter Theaterhauses weiß, dass heutzutage mehr Sensibilität herrscht. Der Hamburger Comedian Chris Tall erfuhr dies jüngst am eigenen Leib. Ende Oktober trat er wie schon früher in der Pro-Sieben-Sendung „TV total“ von Stefan Raab auf – hatte diesmal am nächsten Tag aber plötzlich 20.000 Fans mehr auf Facebook.

Auslöser war ein Auftritt, in dem er das Publikum ermutigte, Witze über Minderheiten zu machen. „Über alle. Über Behinderte, über Schwule, über Schwarze.“ Die antizipierte Schockreaktion – „darf er das?“ – machte Chris Tall im Programm selbst zum geflügelten Wort. Und seither bastelt er für Vermarktungszwecke an T-Shirt-Entwürfen mit der Aufschrift „#darferdas?“.

Zwei Wochen nach seinem Auftritt bei Pro Sieben war die Zahl seiner Fans von 66.000 auf über 400.000 explodiert. Die Medien thematisierten dann jene Humor-Frage, die Tall selbst ironisch aufgriff: Darf er das?

Comedy brauche „natürlich ein Höchstmaß an Freiheit“, sagt Wolfgang Marmulla. „Sonst wird sie schnell leer und irrelevant.“ Zugleich hat er aber festgestellt, dass gegenwärtig eine „wahnsinnig hohe Angst“ herrsche, unkorrekt zu sein. Wenn Christen über Juden Witze machen, „dann rutscht die Akzeptanz runter“, hat Marmulla das Gefühl.

In den USA war die aufkommende politische Korrektheit der jüngeren Generation zuletzt auch ein Thema für berühmte Komiker wie Jerry Seinfeld und Oscar-Moderator Chris Rock. Beide beklagten, Studenten an den Universitäten würden immer konservativer und Witzen über Minderheiten kritischer und empfindlicher begegnen.

„Wir sind alle gleich. Das ist die Message“

Chris Tall rechtfertigte seine Witze in seinem Auftritt damit, dass es vielmehr diskriminierend sei, wenn man über Minderheiten keine Witze machen würde. Diese also aus der Humorlandschaft ausgrenzen. „Wir sind alle gleich. Das ist die Message“, erläuterte er danach beim Internet-Fernsehsender Joiz.

Ähnlich sah es der Vorsitzende des Allgemeinen Behindertenverbands in Deutschland, Ilja Seifert. Es sei eher diskriminierend, jemand wegen bestimmter Merkmale aus der allgemein üblichen Kommunikation auszuschließen, sagte Seifert. Das sehen ­jedoch nicht alle Betroffenen so.

„Damit macht man es sich zu einfach“, sagt Markus Ulrich vom Lesben- und Schwulenverband. Natürlich dürfe man über Minderheiten Witze machen, „aber wann wird eigentlich über Mehrheiten gelacht“? Die Frage sei für ihn immer, was mit dem Witz bezweckt werde. Wichtig ist, so Ulrich, dass sich der Komiker nicht über andere erhebt.

Eine Meinung, die Jutta Pagel-Steidl teilt. Eine Karikatur müsse überzeichnen, sagt die Geschäftsführerin des Verbands für Menschen mit Körper- und Mehrfachbehinderung in Baden-Württemberg. Es komme darauf an, wer sich in welchem Umfeld über eine Minderheit lustig mache.

Chris Tall muss sich auch Kritik anhören

Weitaus weniger Verständnis zeigt derweil die Initiative schwarzer Menschen in Deutschland (ISD). Für deren Sprecher Tahir Della steht im Mittelpunkt, Diskriminierung abzubauen, statt zu fördern. So kritisierte die ISD jüngst auch die Vermarktung der Müllermilch-Geschmackssorte „Schoko“ mit einem farbigen Pin-up-Girl. „Schwarze sind normale Menschen – gut: großer Penis, rennen schnell“, hatte Chris Tall bei „TV total“ gescherzt. „Ich kann überhaupt nicht erkennen, wie das zum Abbau rassistischer Klischees führt“, sagt Della. Er kenne diese Stereotypen sein ganzes Leben lang. Comedy funktioniere für ihn nur, wenn Stereotypen ad absurdum geführt und mit Klischees gebrochen würden.

Der Mannheimer Comedian Bülent Ceylan räumte 2011 in einem Interview ein, dass er in seinem Programm mit seinen türkischen Figuren eigentlich ein Vorurteil auf die Bühne stelle. „Aber das Klischee ist in dem Moment gebrochen, in dem die Leute drüber lachen“, so Ceylan.

Gökhan Rizov, Veranstalter des Formats Comedy King in Stuttgart, kennt Chris Tall, der in der Vergangenheit bereits bei Comedy King auftrat. Er findet es schade, dass Tall auf der Videoplattform You Tube jetzt nur wegen des kontrovers wahrgenommenen Auftritts bei „TV total“ so oft aufgerufen werde, sagt Rizov. „Denn er ist ein super Künstler.“ Er selbst habe Talls Programm bei „TV total“ nicht wirklich schlimm gefunden. Zugleich spricht er sich aber für Grenzen im Comedy-Bereich aus, findet, man sollte Menschen nicht persönlich angreifen. „Es gibt einen Unterschied zwischen einem Witz und sich lächerlich machen“, sagt Gökhan Rizov.

Chris Tall hat sich inzwischen auf seiner Facebook-Seite zu der Diskussion um seinen Auftritt gemeldet. Für ihn „müssen Witze grundsätzlich über jede und jeden möglich sein. Falls ich jedoch jemanden tatsächlich durch meinen Stand-up verletzt haben sollte, bitte ich um Entschuldigung“, schreibt er. Rückmeldungen von Betroffenen hätten ihm aber gezeigt, dass diese „damit sehr gut umgehen können und dass sie das sogar sehr lustig finden“. Vielleicht ist es doch so, wie der britische Übersetzer Lionel Strachey einst meinte: „Wenn der Humor ernst genommen wird, hört der Spaß auf.“

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