Seit März ist Emil Ruff nicht mehr bei seinen Kollegen in den USA gewesen. Foto: privat

Emil Ruff ist Wissenschaftler an einem amerikanischen Institut. Als er im März nach Leipzig zu einer Konferenz kam, wurde ihm die Rückreise in die USA wegen der Corona-Pandemie verwehrt. Er quartierte sich im Büro seines Vaters in Kernen ein.

Stetten - Eigentlich sollte es für Emil Ruff nur ein kurzer Aufenthalt in Deutschland sein. Der studierte Meeresbiologe arbeitet seit fast zwei Jahren am renommierten Marine Biological Laboratory auf der Halbinsel Cape Cod, nord-östlich von New York. Für eine Konferenz in Leipzig und einen Snowboard-Urlaub in Österreich kam der gebürtige Schwabe nach Europa. „Ich hatte also alle meine Snowboard-Klamotten dabei, aber keine kurzen Hosen, nichts für den Sommer und auch nur ein Paar Turnschuhe“, erzählt Ruff. „Innerhalb einer Woche haben dann viele Länder, auch die USA, ihre Grenzen abgeriegelt, und ich konnte nicht mehr zurück.“ All sein Hab und Gut war in Amerika, sein Haus mit seinem kleinen Regenwald an Topfpflanzen plötzlich verlassen.

Ruff vermietet sein Haus in USA an Studenten

Die Einreise aus Schengen-Ländern in die USA ist bis heute noch immer untersagt. „Ich hätte also in ein Land außerhalb des Schengen-Gebiets reisen müssen, dort zwei Wochen bleiben und dann wäre die Einreise erlaubt“, erklärt der Wissenschaftler. „Das war mir aber bisher zu riskant.“ Außerdem war das Institut, wie fast alle Forschungseinrichtungen, die meiste Zeit geschlossen. „Ob ich drüben im Homeoffice arbeite oder hier, ist egal“, erzählt Ruff.

So vermietete er sein Haus in Amerika an Studenten, ließ sich seine Festplatte zuschicken und richtete sich im Haus seines Vaters Hanspeter Ruff in Stetten ein provisorisches Büro ein. Der Laptop steht auf einem Schuhkarton, an der Wand das ehemalige Zeichenbrett seines Vaters. Dazu noch Internet, viel mehr braucht der 39-Jährige nicht, um zu arbeiten und Vorlesungen zu halten.

Ein kleiner Unterschied zum Homeoffice in Amerika gibt es aber: die Zeit. „Mein Arbeitstag in Stetten fängt offiziell um 15 Uhr an, das ist drüben am Institut um 9 Uhr“, erklärt Emil Ruff. „Zweimal die Woche halte ich Vorlesungen von 15 bis 18 Uhr, danach noch Praktika und Sitzungen – oft geht mein Arbeitstag bis 22 oder 23 Uhr.“ Mit der im Laptop eingebauten Kamera lassen sich die Vorlesungen und Sitzungen problemlos bewältigen – der modernen Technik und dem guten Internet in Deutschland sei Dank.

Ruff geht jeden Abend in die Weinberge radeln

Die Zeitverschiebung hat für Ruff auch viele Vorteile. „Die Leute verstehen es, wenn ich um 22 Uhr sage, ich gehe jetzt langsam ins Bett“, sagt er. „Und ich habe hier jeden Tag den ganzen Morgen für mich.“ So fährt Ruff bereits um 9 Uhr deutscher Zeit den Rechner hoch. „Sechs Stunden Zeit, in denen ich ungestört arbeiten kann“, schwärmt der Wissenschaftler. „Keine Studenten, keine Sitzungen, da habe ich jetzt relativ viel, was liegen geblieben ist, weggeschafft.“ Dadurch hatte er zwar zum Teil sehr lange Arbeitstage, war aber auch sehr produktiv. Das köstliche Essen seiner Mutter Helga und die Besuche bei seinen Geschwistern taten ihr Übriges. „Ich war ein Corona-Gewinner, könnte man sagen“, lächelt Ruff.

So spannend seine Forschung aber auch ist, zehn Stunden in einem wenige Quadratmeter großen Büro zu sitzen, das ist eigentlich nicht Ruffs Ding. „Zu Hause in Amerika steht ein Schlagzeug, Gitarren und eine Posaune, die vermisse ich sehr“, gesteht er. „Ich wäre mit Sicherheit viel am Schlagzeug gesessen, einfach mal zehn Minuten zwischendurch, um einen klaren Kopf zu bekommen.“ Sein Vater ist zwar auch Musiker beim Musikverein Stetten, doch im Gegensatz zu seinem Junior spielt Hanspeter Ruff Flügelhorn.

Noch ein Vorteil hatte sein Arbeitsplatz in Amerika: „Mein Büro am Institut hat Meerblick“, schwärmt er. „Da bin ich gerne mal in der Mittagspause eine Runde schwimmen gegangen. Hier in Stetten gehe ich dafür jeden Abend in die Weinberge zum Radfahren.“

Auch wenn die Lage in Amerika immer noch angespannt ist, öffnet das Marine Biological Laboratory langsam wieder seine Pforten, und Ruff kann dort dann wieder in seinem Büro arbeiten. Der Forscher hat nun einen Härtefallantrag bei der amerikanischen Botschaft gestellt, der es ihm ermöglichen würde, direkt aus Frankfurt zurückzufliegen. Mittlerweile wurde der Härtefallantrag bewilligt. Ein Sonderfall in nationalem Interesse (National Interest Exception), wie es heißt. Emil Ruff darf also direkt von Frankfurt nach Boston fliegen – und zwar am kommenden Montag, 7. September.

Aus Stetten in die Welt

Sebastian Emil Ruff, Jahrgang 1981, wuchs in Stetten auf. Er studierte Technische Biologie und machte 2010 sein Diplom an der Universität Stuttgart. Für seine Doktorarbeit ging er ans Max-Planck-Institut für Marine Mikrobiologie in Bremen. Anschließend arbeitete er drei Jahre in Kanada, finanziert von einem Forschungsstipendium.

Seit November 2018 ist er Leiter einer Arbeitsgruppe am Marine Biological Laboratory, einem unabhängigen privaten Forschungsinstitut nahe New York. Es zählt zu den ältesten und wichtigsten Meeresforschungsinstituten der Welt.

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