Die Mercedes-Benz-Arena soll fit gemacht werden für die Fußball-EM 2024. Foto: Lichtgut/Achim Zweygarth

65 Millionen Euro soll alles kosten, 20 Millionen soll die Stadt geben. Die Stadträte sehen das gelassen und wohlwollend. Sie würden sich noch mehr freuen, wenn da nur nicht die Ungewissheit über den VfB wäre.

Stuttgart - Der Ball rollt in der Partie, in der es um den Ausbau der Haupttribüne im Stadion geht. Mit der Beschlussvorlage über das 65 Millionen Euro schwere Projekt, von dem die Stadt 20 Millionen bezahlen soll, hat sich am Freitag das erste gemeinderätliche Gremium befasst. Der Ausschuss für Wirtschaft und Wohnen brachte dem Vorhaben großes Wohlwollen entgegen. Allerdings: Das Konzept ist auf einen Erstligisten zugeschnitten, und es gab einige Stimmen, die meinten, man müsse noch „die Reißleine ziehen“ können, wenn der Stadionpächter VfB Stuttgart zweitklassig bliebe. Zudem gibt es mindestens beim Linksbündnis Ärger darüber, dass die Verwaltungsspitze und die Stadionverantwortlichen den Vorstoß unternahmen wie einen steilen Überraschungsangriff auf dem Rasen. Erst am 23. September hatten OB Fritz Kuhn (Grüne) und Finanzbürgermeister Thomas Fuhrmann (CDU) bei der Vorstellung ihres Haushaltsentwurfes für 2020/2021 einen größeren Kreis der Stadträte und die Öffentlichkeit eingeweiht.

Es sei schwer gewesen, weitergehende visionäre Ideen des Vereines zu entkräften, verriet im Ausschuss nun Martin Rau, von der Stadt entsandter Geschäftsführer der Stadion KG. Die Variante für 65 Millionen sei eine gute Basis für den Stadionausbau. Es müsse aber möglich sein, meinte auch Rau, die Reißleine zu ziehen, falls der VfB noch länger in Liga 2 dahindümpeln sollte. Damit verbunden wäre, das Projekt auf das zu beschränken, was nötig ist, dass der europäische Fußballverband Uefa die Arena als Spielort bei der Europameisterschaft 2024 zulässt. Andererseits sagte Rau auch, mit einem zweiten Jahr in der zweiten Liga wäre das Finanzierungskonzept noch machbar. Die Schulden der Stadion KG wären zu Beginn der neuen Stadionära dann bei 75 Millionen Euro. Der Hintergrund: Wenn der VfB wie jetzt zweitklassig ist, reduziert sich die jährliche Fixpacht von 5,33 Millionen Euro für das Stadion auf die Hälfte. Für den Ausbau ist sogar eine jährliche Pachtzahlung von 6,335 Millionen Euro eingeplant. Ob die Reißleine gezogen werden muss, soll sich nach dieser Saison im Frühjahr klären. Bis dahin versuche man ein „Alternativszenario für den Worst Case“, den schlimmsten Fall, vorzubereiten, so Rau.

Besseres Flutlicht und bessere Datenleitungen

Co-Geschäftsführer Stefan Heim vom VfB Stuttgart verwies stolz auf einen Zuschauerschnitt, der Weltspitze sei im Bereich des Zweitligageschäftes. Sportlich gab er sich auch optimistisch, räumte aber ein: „Ein Restrisiko bleibt.“ Doch das sei branchentypisch. „Willkommen im Profifußball“, sagte Heim zu den Stadträten. Durch weitere Businesssitze und eine Aufwertung des Businessbereichs mit Logen und Küche, wofür der VfB im Rahmen einer Beteiligung von 22,5 Millionen Euro aufkommt, erwartet sich der Verein Mehreinnahmen von mindestens vier Millionen Euro. Die Stadt soll ihre 20 Millionen für EM-relevante Maßnahmen bezahlen, etwa die Verbesserung von Flutlicht, Datenleitungen, Sicherheitstechnik, Videowänden und Lautsprecheranlage. Zur Restfinanzierung nimmt die Stadion KG Darlehen auf 20 Jahre in Höhe von 22,5 Millionen Euro auf.

Von den insgesamt 65 Millionen Euro entfallen 49 Millionen auf die Haupttribüne inklusive Erweiterung nach hinten und besserem Spieler- und Pressebereich. 13 dieser 49 Millionen sind auf die EM zurückzuführen. Bei den insgesamt 16 Millionen für die Stadiontechnik werden 6,5 Millionen von der EM verursacht. Schöner Nebeneffekt: Zuschauer sollen in der Halbzeitpause ihre Wurst auch auf der Ebene 3 der Haupttribüne kaufen können.

Fotovoltaik-Anlage rechnet sich noch nicht richtig

Von unten müssen die Zuschauer künftig aber über die Seitenbereiche zur Ebene 1 hochsteigen. Die Wege werden neu geordnet, weil hinter der Tribüne ein besucherfreier Platz für bis zu zehn Busse mit Spielern und Crews geschaffen wird. Ganz oben auf dem Runddach will man zusammen mit den Stadtwerken eine Fotovoltaikanlage installieren. „Aber noch ist die Wirtschaftlichkeit schwierig darzustellen“, verrieten die Architekten.

„Die Rechnung stimmt“, sagte Vittorio Lazaridis (Grüne). Wer bestelle, zahle. So gingen die 20 Millionen Euro, die die Stadt wegen der EM übernehmen soll, in Ordnung. Maximilian Mörseburg (CDU) sah das Geld gut angelegt. Wie der Fußball verbinde dieses Projekt die Menschen, und die CDU fördere auch den VfB gern. Luigi Pantisano (SÖS) war zwar dafür, dass nötige Sanierungsmaßnahmen ergriffen werden. Das Finanzkonzept mit dem Beitrag direkt aus der Stadtkasse lehnt er jedoch ab. Stefan Conzelmann (SPD) erinnerte, es gehe hier zu Teilen auch um dringende Sanierungsmaßnahmen. Ernstlichen Widerspruch gab es nicht. Die Entscheidung fällt aber erst am 20. Dezember im Gemeinderat.

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