Der Volkskrankheit Vitamin-D-Mangel vorbeugen: Eine Viertelstunde in der Sonne reicht aus. Foto: Shutterstock.com / Maridav

Wie wichtig ist Vitamin D für unsere Gesundheit? Prof. Stefan Pilz klärt die wichtigsten Fragen rund um das "Sonnenvitamin".

Vitamin D ist wichtig für Knochen und Immunsystem und das nicht nur im Winter. Trotzdem sind 50 Prozent der Deutschen von einem Vitamin-D-Mangel betroffen. Durch die Corona-Pandemie und den damit zusammenhängenden veränderten Lifestyle der Menschen - vermehrter Aufenthalt zuhause durch Homeoffice-Pflicht oder Quarantäne, weniger oder keine Urlaubsreisen - wurde die Volkskrankheit Vitamin-D-Mangel zusätzlich verstärkt. Die gute Seite der Medaille: Das Bewusstsein für ein gutes Immunsystem und die Notwendigkeit, gesund zu bleiben, wurde ebenfalls geschärft.

Prof. Stefan Pilz, Facharzt für Endokrinologie an der medizinischen Universität Graz und einer der meistzitierten Experten für das Thema Vitamin D im deutschsprachigen Raum, erklärt im Interview unter anderem, warum gerade dieses Vitamin so wichtig ist, wie der Körper es produzieren kann und was der Sommerurlaub auf Mallorca damit zu tun hat.

Was ist Vitamin D und wofür braucht es der Körper?

Prof. Stefan Pilz: Vitamin D wirkt in unserem Körper wie ein Steroidhormon und hat auf quasi alle Zellen im Körper eine Wirkung. Grundsätzlich brauchen wir das Vitamin D für die Knochengesundheit, es hat aber auf alle Organe wichtige physiologische Effekte. Das sehen wir zum Beispiel auch beim Immunsystem, wo es eine wichtige beeinflussende Funktion hat. Es schützt uns vor dem Auftreten von Atemwegsinfekten, weshalb Vitamin D vor allem auch in der Winterzeit ein wichtiger Bestandteil der Immunprophylaxe ist.

Wie bekommt der Körper Vitamin D und was sind die Hauptursachen für einen Vitamin-D-Mangel?

Prof. Pilz: Vitamin D wird zu 80 Prozent vom Körper selbst produziert. Wenn wir in der Sonne sind, wird durch das UV-B-Licht Vitamin D in der Haut erzeugt. Das heißt, Vitamin D Mangel ist kein Ernährungsthema, sondern ein Lifestyle-Thema. Denn über die Ernährung nehmen wir nur 10 bis 20 Prozent des Vitamin D-Bedarfs auf. Wir sind also einfach zu wenig in der freien Natur, zu wenig dem Sonnenlicht ausgesetzt. Daher haben wir in Deutschland und Österreich auch häufig einen Vitamin-D-Mangel. Eine weitere wichtige Rolle beim Thema Vitamin D spielt das Übergewicht. Bei Übergewicht wird Vitamin D im Fettgewebe abgelagert und steht dem Menschen nicht zur Verfügung.

Wie macht sich ein Vitamin-D-Mangel bemerkbar?

Prof. Pilz: Bei einem Vitamin-D-Mangel kommt es einerseits zu ausgeprägten biochemischen Veränderungen, die wir im Blut feststellen können. Wir sehen, dass der Körper einen Calcium-Mangel entwickelt. Wir sehen bei den Betroffenen aber vor allem auch, dass es zu Problemen mit den Knochen und der Muskulatur kommt. Das äußert sich unter anderem durch die sogenannte Rachitis [Knochenkrankheit bei Kindern, Red.] und beim ausgewachsenen Knochen durch die Osteomalazie [Knochenerweichung, Red.]. Dabei kann es zu Knochenverbiegungen und Knochenschmerzen kommen. Bei älteren Patienten kann es auch zu einer Muskelschwäche kommen. Und es können diverse andere Symptome auftreten, unter anderem eine erhöhte Infektanfälligkeit.

Ist Vitamin-D-Mangel ein Winterproblem?

Prof. Pilz: Vitamin-D-Mangel beobachten wir ganzjährig. Wir können davon ausgehen, dass etwa jeder Zweite in Deutschland einen ungenügenden Vitamin-D-Spiegel im Blut hat beziehungsweise die offiziell empfohlenen Zielwerte nicht erreicht. Das Problem ist naturgemäß am Ende des Winters am stärksten ausgeprägt, weil uns zu dieser Jahreszeit einfach die Sonneneinstrahlung fehlt oder unzureichend ist.

Etwa jeder Zweite ist also von einem Vitamin-D-Mangel betroffen. Hat die Corona-Pandemie auch einen Einfluss darauf (gehabt)?

Prof. Pilz: Das können wir noch nicht abschließend beurteilen. Wir wissen aber, wenn man durch Quarantänemaßnahmen zuhause bleiben muss, dass man dann nicht die Möglichkeit der Sonnenlichtexposition hat. Wir können also davon ausgehen, dass sich der Vitamin-D-Mangel durch solche Maßnahmen in der Pandemie verstärkt hat. Wir sehen auch eine interessante Parallele. Der Vitamin-D-Mangel ist sehr häufig im Winter, wo wir auch die meisten Infektionen und Todesfälle beobachtet haben. Das heißt wenn der Vitamin-D-Mangel stärker ausgeprägt ist, haben wir auch mehr Probleme mit dem Infektionsgeschehen.

Stecke ich mich mit einem Vitamin D-Mangel eher mit dem Coronavirus an?

Prof. Pilz: Einer aktuellen Studie aus den USA zufolge ist ein niedriger Vitamin-D-Spiegel kein Risikofaktor für eine Infektion mit dem Coronavirus. Bisherige Meta-Analysen zeigen hingegen einen Zusammenhang zwischen einem niedrigen Vitamin-D-Spiegel und dem Risiko, sich mit Covid-19 zu infizieren, beziehungsweise der Schwere des Verlaufs der Krankheit. Unser Wissen in der Medizin befindet sich ständig im Fluss und wir weisen keine physikalischen Gesetzmäßigkeiten nach. Daher stehen finale Erkenntnisse zum Zusammenhang zwischen Vitamin D und Corona noch aus - unabhängig von der schon gesicherten einzigartigen Rolle von Vitamin D bei der Regulierung des Immunsystems.

Wie kann man abgesehen vom Sonnenlicht für einen ausreichenden Vitamin-D-Spiegel sorgen?

Prof. Pilz: Wir können es auch über die Nahrung zuführen zum Beispiel durch fettreiche Fische, Pilze oder Eier. Es gibt allerdings nur ganz wenige Menschen, die es über die Nahrung schaffen, ausreichend Vitamin D zu sich zu nehmen. Das sind zum Beispiel die Inuit, die sich von früh bis spät von Fisch ernähren. Es gibt aber Möglichkeiten, wie man einem Mangel gegensteuern kann. Man kann zum Beispiel Vitamin-D-Supplemente [Nahrungsergänzungsmittel, Red.] einnehmen, die den Spiegel sehr effektiv und sicher anheben können.

Sollte man Nahrungsergänzungsmittel nur im Winter oder auch im Sommer nehmen?

Prof. Pilz: Es ist schon sinnvoll, Vitamin D ganzjährig zuzuführen. Bei den meisten Menschen, die im Winter einen Vitamin-D-Mangel haben, ist dieser im Sommer zwar weniger stark ausgeprägt. Bei vielen Menschen sehen wir den Mangel aber ganzjährig. Meist empfehlen wir eine ganzjährige Supplementierung mit Vitamin D aber auch, um es den Menschen leichter zu machen, Dosierungsproblemen zu vermeiden.

Besteht die Gefahr einer Überdosierung, wenn man im Sommer Vitamin D supplementiert?

Prof. Pilz: Alles, was eine Wirkung hat, kann eine Nebenwirkung haben. Das gilt auch für das Vitamin D. Man muss sich hier aber vor Augen halten, dass wir mit den empfohlenen Dosierungen von 800 internationalen Einheiten Vitamin D pro Tag sehr sicher sind. Höhere Dosierungen sollten nur unter ärztlicher Kontrolle erfolgen. Doch auch wenn wir als Erwachsene eine tägliche Gesamtzufuhrmenge für Vitamin D in Höhe von 4.000iE über Nahrungsergänzungsmittel einnehmen, besteht noch kein Risiko für unsere Gesundheit. Auch nicht über einen langen Zeitraum hinweg. Das hat die Europäische Behörde für Lebensmittelsicherheit, kurz EFSA, in einem Statement definiert. Wenn man in die Sonne geht, kann der Körper sogar bis maximal 20.000 internationale Einheiten Vitamin D pro Tag in der Haut produzieren. Es gibt keine Vitamin-D-Intoxikation oder Vergiftung durch Sonneneinstrahlung. Wenn wir also Sorgen hätten, dass 800 oder 1.000 internationale Einheiten Vitamin D am Tag Nebenwirkungen haben, dann müssten wir den Menschen auch verbieten, in die Sonne zu gehen.

Wie lange kann der Körper Vitamin D speichern?

Prof. Pilz: Vitamin D hat im Blut eine Halbwertzeit von drei Wochen. Das heißt, selbst wenn wir im Sommer hohe Vitamin-D-Werte im Blut aufbauen, indem wir viel in der Sonne sind, kommen wir damit nicht über den Winter.

Wie lange dauert es, bis der Vitamin-D-Spiegel wieder auf einem guten Niveau ist?

Prof. Pilz: Wenn man Vitamin D zum Beispiel durch eine tägliche Supplementierung zuführt, dann dauert es im Schnitt zwei Monate, bis man seinen Vitamin-D-Spiegel wieder aufgefüllt hat. Dann sollte man aber bitte nicht mit der Therapie beziehungsweise mit der Supplementierung aufhören, denn sonst würde der Vitamin-D-Spiegel wieder auf den Vorwert zurückfallen.

Kann man die optimale Vitaminversorgung überhaupt allein mit der Sonne erreichen?

Prof. Pilz: Man kann durch die Sonneneinstrahlung natürlich ausreichend Vitamin D bilden. Das ist die optimale Quelle, die wir für die Vitamin-D-Bildung haben. Aber wir haben bei uns leider die Winterzeit mit der geringen UV-Einstrahlung und da schaffen wir es nicht, ausreichend Vitamin D zu bilden. Deswegen haben wir im Winter auch das große Problem mit dem Vitamin-D-Mangel. Dazu muss man aber sagen, dass Menschen mit einer besonders hellen Hautfarbe besser Vitamin D bilden. Sie brauchen also weniger Sonne, um ausreichend Vitamin D zu erzeugen.

Bei intensiver Sonneneinstrahlung besteht doch aber Hautkrebsgefahr...

Prof. Pilz: Wie bei vielen Sachen im Leben kommt es auf die Dosis an. Eine moderate Sonnenexposition ist auch bei Menschen mit einer hellen Haut empfohlen - auch von dermatologischen Gesellschaften und Hautärzten. Eine ausreichende Vitamin-D-Bildung durch die Sonne erreicht man auch schon lange, bevor man einen Sonnenbrand oder Hautschäden bekommt. Daher ist eine moderate Sonnenexposition absolut zu empfehlen. Wenn wir uns zu lange in der Sonne aufhalten, steigt das natürlich das Hautkrebsrisiko. Wobei der Körper das sehr elegant geregelt hat: Wenn ich eine Viertelstunde in der Sonne bin, bilde ich ausreichend Vitamin D. Wenn ich stundenlang in der Sonne bin, wird das Vitamin D in der Haut dagegen wieder abgebaut. Der Körper reguliert das selbst.

Eine Woche am Strand von Mallorca vs. eine Woche auf dem eigenen Balkon in Hamburg - gibt es einen Unterschied bei der Vitamin-D-Bildung?

Prof. Pilz: Es gibt einen sehr großen Unterschied bei der Vitamin-D-Bildung, ob ich in Norddeutschland oder auf Mallorca bin. Der Körper bildet Vitamin D wesentlich schneller und effektiver, wenn man sich dem Äquator annähert. Gleiches gilt für die Berge, auch hier funktioniert die Vitamin-D-Bildung besser.

Hat auch der Lifestyle im Urlaub einen Einfluss? Also weniger Stress, lockere Kleidung, fischreiche Ernährung, etc.

Prof. Pilz: Der Lebensstil ist für die Vitamin-D-Bildung ganz entscheidend. Je mehr wir an der Sonne sind, je weniger Körperoberfläche wir bedecken, desto besser bilden wir Vitamin D. Dazu gehört aber auch ausreichend Bewegung, dass wir auf ein normales Körpergewicht achten. Denn wenn man Übergewicht hat, geht das Vitamin D nach unten, weil es vermehrt im Fettgewebe abgelagert wird. Außerdem beobachten wir, dass übergewichtige Menschen sich nicht so gerne mit unbedeckter Haut zeigen. Das ist also auch ein psychosoziales Problem.

Noch mal zusammengefasst: Was sind Ihre Tipps für eine optimale Vitamin-D-Versorgung?

Prof. Pilz: Jeden Tag eine moderate Sonnenlichtexposition, an die Sonne zu gehen, ohne eine Hautrötung zu entwickeln, Bewegung und auf sein Körpergewicht zu achten und auf eine ausgewogene Ernährung zu achten, die mehrmals pro Woche auch Fisch beinhaltet.

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