Wenn Mutter oder Vater zum Pflegefall werden, müssen schnell Hilfen organisiert werden. Foto: dpa

Wenn Eltern pflegebedürftig werden, stellt das Familien oft vor große Probleme. Der Pflegewissenschaftler Peter König hat beim Forum Gesundheit unserer Zeitung erklärt, wie man sich rechtzeitig vorbereiten und im Ernstfall Lösungen organisieren kann.

Stuttgart - Wenn Mutter oder Vater in die Jahre kommen und zum Pflegefall werden, muss es meist ganz schnell gehen. Der Pflegeexperte Peter König von der Hochschule Furtwangen hat beim Forum Gesundheit, der gemeinsamen Veranstaltung von Techniker Krankenkasse und unserer Zeitung, Tipps für den familiären Ernstfall gegeben.

Herr König, wenn Pflegebedürftigkeit eintritt, müssen zeitnahe Lösungen her. Zum Beispiel nach einem Krankenhausaufenthalt, wenn klar wird, Mutter oder Vater schaffen es daheim nicht mehr, sich selbst zu versorgen. Wie geht man vor?

Krankenhäuser sind gesetzlich verpflichtet, ein Entlassmanagement anzubieten. Man sollte den Sozialdienst darauf ansprechen, aber man kann sich auch an Pflegekräfte und Ärzte wenden. Im Idealfall kann das Krankenhaus eine pflegerische Versorgung im Anschluss an den Klinikaufenthalt organisieren, zum Beispiel eine Kurzzeitpflege in einem Pflegeheim. Darauf darf man sich allerdings nicht verlassen.

Warum?

In Krankenhäusern geht es meist hektisch zu. Die Mitarbeiter sind häufig überlastet und können die Dinge nicht so regeln, wie man sich das wünscht. Man sollte sich also möglichst früh selbst einschalten und einen Beratungstermin bei einem Pflegestützpunkt vereinbaren. Die Stützpunkte gibt es in allen großen Städten und Landkreisen. Sie kennen sich sehr gut aus mit pflegerischen Angeboten vor Ort durch Pflegeheime oder ambulante Pflegedienste.

Im Ernstfall wünschen sich viele, man hätte früher über das Thema Pflegebedürftigkeit geredet. Wann sollte man es in der Familie ansprechen?

Auf jeden Fall so früh wie möglich. Allerdings muss man beachten, dass die meisten Menschen nicht so gerne darüber sprechen. Wir neigen ja dazu, unangenehme Dinge eher zu verdrängen, und die Vorstellung, dass man vielleicht einmal auf Hilfe angewiesen sein könnte, ist unangenehm. Die Situation in den Familien ist unterschiedlich. Es gibt ältere Menschen, die das Thema von sich aus mit den Kindern ansprechen. Der umgekehrte Fall ist sicher häufiger. Grundsätzlich gilt, dass man sehr vorsichtig und diplomatisch vorgehen sollte.

Im Fall einer Pflegebedürftigkeit hat man Anspruch auf Geld- oder Sachleistungen aus der Pflegeversicherung. Worauf muss man achten?

Ganz wichtig ist, dass man den Antrag so früh wie möglich stellt, wenn Pflegebedürftigkeit absehbar ist. Die Leistungen werden nämlich rückwirkend gezahlt. Maßgeblich ist der Tag der Antragstellung. Da die Betroffenen selbst oft nicht in der Lage sind, den Antrag zu stellen, sollte die Angehörigen das Heft in die Hand nehmen. Auch hier kann der Pflegestützpunkt helfen. Die Pflegekassen sind ebenfalls ansprechbar.

Wie geht es weiter, wenn der Antrag gestellt ist?

Der Medizinische Dienst der Krankenkassen (MDK) schickt binnen weniger Wochen einen Mitarbeiter, um die Pflegebedürftigkeit festzustellen. Bei der Begutachtung sollte sich die Pflegebedürftigen so verhalten wie sonst auch im Alltag. Es gibt Menschen, die reißen sich extrem zusammen, weil sie denken, dass jemand vom Amt kommt und sie sich deshalb von der besten Seite zeigen müssen. Manche wiederum tun so, als könnten sie gar nichts mehr. Beides ist nicht zu empfehlen, weil die MDK-Mitarbeiter merken, wenn etwas nicht stimmig ist. Grundsätzlich sollte eine Vertrauensperson des Pflegebedürftigen anwesend sein, die seinen Alltag kennt und weiß, was sie oder er noch kann und was nicht. Das können Kinder oder Ehegatten sein.

In Baden-Württemberg entscheiden sich besonders viele Familien dafür, Angehörige daheim zu pflegen. Worauf sollte man achten?

Allen Beteiligten muss klar sein, dass es eine gewaltige zusätzliche Belastung ist, die man in so einem Fall auf sich nimmt. Darüber sollte im Familienrat unbedingt ausführlich gesprochen werden. Da muss man dann beispielsweise ehrlich klären, wer denn überhaupt mit welchen Ressourcen zur Verfügung steht. Wenn man das nicht tut, dann kann es passieren, dass die Angehörigen, die die Pflege maßgeblich übernehmen, nach einigen Monaten oder Jahren so schwer belastet sind, dass das ganze Hilfesystem zusammenbricht.

Wie geht man vor, wenn man sich für eine professionelle Pflege entschieden hat? Wie findet man zum Beispiel ein gutes Pflegeheim? Kann man einen Schnuppertag machen?

Ja, so etwas gibt es durchaus in Pflegeheimen. Man macht einen Termin und geht gemeinsam mit Mutter oder Vater hin. Die Pflegedienstleitung des Heims nimmt sich Zeit, beantwortet alle Fragen, es gibt eine Besichtigung. Das alles kann natürlich nicht mehr als einen ersten Eindruck bringen. Man kann sich nicht sicher sein, ob man die Realität erlebt.

Mit welchem Blick würde der Profi dorthin gehen? Worauf würde er achten?

Zum Beispiel auf die personelle Ausstattung. Danach sollte man unbedingt fragen, denn die Besetzung entscheidet darüber, wie viel Zeit die Pflegekräfte pro Bewohner haben. Man kann die Unterschiede auch am Preis erkennen: Häuser mit überdurchschnittlicher personeller Ausstattung sind tendenziell auch teurer. Zudem würde ich darauf achten, welcher Träger hinter dem Heim steht. Private Träger sind gewinnorientiert. Ein Teil des Geldes, das man bezahlt, bleibt deshalb nicht im Unternehmen. Danach würde ich gezielt fragen. Zuguterletzt würde ich mir auch das schwarze Brett anschauen. Wenn da Veranstaltungen aus dem letzten Jahr angekündigt werden – kein gutes Zeichen.

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