Otto expandierte von Nürtingen nach Wendlingen, Die Spinnerei in Unterboihingen ging im Jahr 1861 in Betrieb. Foto: Horst Rudel

Die Firma Otto hat die regionale Industriegeschichte maßgeblich mitgeprägt. Das Stadtmuseum und die städtische Galerie Wendlingen zeigen den Aufstieg des Firmenimperiums, das seine Fühler einst bis nach Afrika ausstreckte.

Wendlingen - Für Napoleon war es das Ende einer mehr als zehn Jahre währenden Alleinherrschaft über Frankreich. Für die Familie Otto hingegen markierte der 18. Juni 1815 – der Tag der Entscheidungsschlacht bei Waterloo – den Beginn einer Textildynastie, die – wenngleich längst nicht mehr so bedeutend wie zu den Hochzeiten – noch bis heute fortdauert. An jenem Tag wagte der aus einer Stuttgarter Kaufmannsfamilie stammende Immanuel Friedrich Otto den ersten Spatenstich für eine Baumwollspinnerei in Nürtingen. Die Firmengeschichte beleuchten das Stadtmuseum und die Galerie der Stadt Wendlingen jetzt mit einer Doppelausstellung.

Der Neckar treibt die Turbinen an und sorgt für Strom

„Mit dem Faden durch die Zeit“, so der Titel der Schau anlässlich des 200-jährigen Firmenbestehens, welche die Besucher von Nürtingen wenige Kilometer den Neckar abwärts bis zum Wendlinger Stadtteil Unterboihingen führt. Dort hatten die Ottos 1861 eine neue Spinnerei in Betrieb genommen. Im Unterschied zu Nürtingen war der Fluss an dieser Stelle begradigt und hatte eine höhere Fließgeschwindigkeit. Dies wiederum ermöglichte eine höhere Stromausbeute der Turbinen und letztlich eine höhere Produktivität der Fabrik.

In der städtischen Galerie steht ein Sessel, den ein geschnitzter Fischotter ziert – das 1590 verliehene Wappen der Familie Otto. Fertigen lassen hat die Sitzgelegenheit Robert Otto für seinen Vater Heinrich, den Sohn des Firmengründers Immanuel Friedrich Otto. Der Überlieferung nach hatte der Blitz im Jahr 1875 eine auf dem Firmengelände stehende Linde getroffen. Der Baum musste gefällt werden und lieferte so das Holz für den „Großvatersessel“.

Nürtingen widmet sich ebenfalls der Firmengeschichte

Wer sich mit der Firmengeschichte der Ottos beschäftigt, sieht sich mit einem weitverzweigten Stammbaum konfrontiert. Beim Studium der Verwandtschaftsbeziehungen taucht neben den Namen Otto und Engels – Robert Ottos Frau Emma Engels war eine Nichte Friedrich Engels, des Mitstreiters von Karl Marx – häufig auch der Name Melchior auf. Heinrich Otto hatte 1873 die Firmen geteilt. Während das Werk in Unterboihingen an seinen ältesten Sohn Robert ging, übertrug er den Nürtinger Betrieb seinem Schwiegersohn Albert Melchior.

Melchior-Handstrickgarne standen einmal hoch im Kurs – auch bei Burda Moden.
Letzterer ist der Namensgeber für das Melchiorareal in Nürtingen gewesen. Seit mehreren Jahrzehnten nutzt die Freie Kunstakademie Nürtingen (FKN) die denkmalgeschützte Fabrik für Studienzwecke. In Zusammenarbeit mit dem Stadtmuseum Nürtingen feiert die FKN in diesem Jahr das Jubiläum mit einem abwechslungsreichen Programm, dessen Auftakt eine Doppelausstellung im Museum und in der Galerie der Fabrik Melchior bildet.

Eine Diaschau zeigt den Ablauf der industriellen Produktion

Der Name Melchior begegnet einem auch im Obergeschoss der Wendlinger Galerie, wo die Produktion und die Produkte des Textilunternehmens vorgestellt werden. Melchior-Handelsstrickgarne sind dort unter anderem ausgestellt, und es gibt auch eine Strickanleitung aus Burda-Moden für ein Kleid mit Motivstreifen – der Optik nach könnte es sich um ein Beispiel aus den 1970er-Jahren handeln.

Spulen, Garne, sowie historische Labor- und Prüfgeräte: wer sich umsieht, bekommt einen lebhaften Einblick in die industrielle Produktion von Garnen von früher bis heute. Nicht zuletzt mittels einer Diaschau lernt der Laie den Ablauf von der Anlieferung der Baumwolle bis zum fertigen Produkt kennen.

Nach dem 1. Weltkrieg verloren die Ottos ihre Plantage

Bis zur Erfindung der Synthetikfaser war Baumwolle für die Herstellung von Textilien unentbehrlich. Um sich von der marktbeherrschenden amerikanischen Baumwolle unabhängig zu machen, hatten die Ottos und Engels im damaligen Deutsch-Ostafrika eine große Baumwollpflanzung aufgebaut. Dieser Plantage Kilossa widmet sich die Parallelausstellung im Stadtmuseum. Nach dem Ersten Weltkrieg wurden die Ottos enteignet, die Plantage war weg. Ein Zeitungsartikel gibt den chauvinistischen Geist jener Zeit wieder: „Seither ist die Pflanzung gänzlich verwildert. Möge der Zeitpunkt nicht mehr fern sein, wo deutsche Kultur wieder ihren Einzug in unsere Kolonien und damit auch auf der Otto-Pflanzung Kilossa halten kann.“

Das Firmenimperium Otto/Melchior – gemessen an der Zahl der Spindeln und Webstühle waren die Firmen einst die mit Abstand größten in Württemberg – war über viele Jahrzehnte hinweg ein wichtiger Arbeitgeber, nicht nur im Raum Nürtingen/Wendlingen, sondern auch in Reichenbach, Offenburg und Wangen im Allgäu. An all diesen Standorten hatte die Firmengruppe während ihrer 200-jährigen Geschichte Dependancen aufgebaut. Die Wendlinger Ausstellung dokumentiert auch die soziale Seite der Ottos. Bereits im Jahr bevor Bismarck im Zuge seiner Sozialgesetzgebung die Krankenversicherung einführte, hatte Otto 1882 eine Betriebskrankenkasse gegründet. Fünf Prozent des Lohns führten die 280 Beschäftigten ab. Das Geld wurde mit fünf Prozent verzinst. Bereits 1872 reduzierte die Firma die Arbeitszeit von den damals üblichen 13 auf zwölf Stunden. Von 1889 an war ein Arbeitstag noch elf Stunden lang.

Heute beschäftigt die Firmengruppe noch 84 Mitarbeiter

Der allgemeine Niedergang der Textilindustrie in Deutschland durch die Billiglohnkonkurrenz aus Asien traf nach dem Zweiten  Weltkrieg gerade auch den Mittleren Neckarraum. Heute hat die Firmengruppe Otto noch 84 Beschäftigte. Die Melchior Textil GmbH in Wangen stellt Berufsbekleidungsgewebe her. Die Tochtergesellschaft Luxorette-Haustextilien betreibt in Wendlingen einen Fabrikverkauf. Der Schwerpunkt der Muttergesellschaft Heinrich Otto & Söhne liegt neben dem Beteiligungsmanagement auf der Vermietung und Verpachtung von Immobilien und auf der Stromerzeugung durch Wasserkraft. Vom einstigen Glanz der Firma zeugt die Spinnerei in Wendlingen. In historischen Gebäuden werden dort technologisch hochwertige Garne für Bekleidung, Haus- und Heimtextilien, sowie für den Medizinbereich hergestellt.

zwei Ausstellungen parallel

Galerie
Die Ausstellung „Mit dem Faden durch die Zeit“ in der Galerie der Stadt Wendlingen, Weberstraße 2, dauert bis zum 29. Mai. Geöffnet hat sie mittwochs bis samstags von 15 bis 18 Uhr sowie an Sonn- und Feiertagen von 11 bis 18 Uhr. Führungen bietet der Seniorchef Hartmut Otto jeweils samstags um 15 Uhr und sonntags um 11 Uhr an.

Museum
Die Parallelausstellung „Otto-Pflanzung Kilossa“ im Wendlinger Stadtmuseum, Kirchstraße 4, ist bis zum 30. Juni zu sehen, donnerstags von 16 bis 20 Uhr, samstags von 14 bis 17 Uhr sowie an Sonntagen von 10 bis 12 Uhr und von 14 bis 17 Uhr.

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