Joachim Materna und Ellen Kuhn zehren von den Eindrücken ihrer Reisen. Foto: Gottfried Stoppel

Die Eventmanagerin Ellen Kuhn und der Arzt Joachim Materna lassen ihr bisheriges Leben in Backnang radikal hinter sich, erfüllen sich den Traum einer Weltreise – und machen das zu einem Geschäftsmodell.

Backnang - Achim, ein erfolgreicher Arzt, und Ellen, eine umtriebige Managerin, fühlen sich magisch voneinander angezogen. Aber Achim ist 57, Ellen 25, als sie sich zum ersten Mal begegnen...“ Was klingt, wie der Klappentext eines Kitschromans ist tatsächlich einer – und doch aus dem wahren Leben berichtet. Ellen Kuhn und Joachim Materna aus Backnang haben ihr bisheriges Leben vor drei Jahren grundlegend umgekrempelt, sich zur gemeinsamen Selbstfindung den Traum einer Weltreise erfüllt, darüber und über ihre Beziehung zueinander ein Buch geschrieben – und den Weltreise-Traum schließlich zu ihrem neuen Beruf gemacht.

„Wir sind ein besonderes Paar“

Es hat sie beim Spinning in einem Backnanger Fitness-Studio erwischt. Ellen Kuhn, die dort nebenberuflich Kurse gab, verliebte sich in ihren Schüler, den Internisten Joachim Materna – und er in sie. Dass er 32 Jahre älter ist, spielte und spielt für sie keine Rolle. „Wir sind ein ganz besonderes Paar“, sagt die heute 30-Jährige, „wie ein Steckkontakt mit hunderten von Verbindungen.“ Nur eines wurde ihr durch der Altersunterschied bewusst: „Wir werden vermutlich nicht so viel Zeit zusammen verbringen können wie andere Paare.“

Obwohl beide mit ihren Jobs sehr zufrieden waren – er ein anerkannter Kardiologe und Nephrologe in Backnang, sie Eventmanagerin bei einem renommierten Maschinenbauunternehmen in Ditzingen –, habe man nur noch auf das Wochenende hin gearbeitet. „Wir haben nächtelang durchgeredet und schließlich beschlossen, uns eine gemeinsame vierteljährige Auszeit zu nehmen und zu reisen“, sagt der heute 62-jährige Joachim Materna.

Fast ein Jahr lang hätten sie ihren Weltreise-Traum durchgeplant, sagt Materna – und währenddessen sei ihnen immer klarer geworden: „Wenn wir das gemacht haben, wollen wir nicht mehr zurück.“ Also kündigte das Paar seine Jobs, verkaufte die Autos – mit der vagen Idee, die Erlebnisse am Ende in einem Buch niederzuschreiben sowie einem sehr konkreten Reiseplan. Am 15. November 2013 startete der Trip, der Kuhn und Materna über viereinhalb Monate und rund 60 000 Kilometer nach Nepal, Bali, Australien, Neuseeland, Fidschi, Französisch-Polynesien, Chile, Argentinien, Bolivien und Curaçao führte und ihr Leben komplett veränderte. Am Ende landeten sie wieder auf Bali, weil sie sich zu dieser Insel hingezogen fühlten, und sie beschlossen, sich eine Weile dort niederzulassen. Aus der Weile wurden zwei Jahre. Nicht nur der autobiografische Roman „Keine Angst vorm Fliegen“ entstand dort, sondern auch die Idee, ihre Erfahrungen und ihren Enthusiasmus bei der Planung und Organisation von individuellen Weltreisen kommerziell anzubieten, wurde auf Bali in die Tat umgesetzt.

„Wir haben einen Nerv getroffen“

Schon bei den Recherchen für den Aufbau der speziellen Online-Reiseagentur hätten sie festgestellt, auf eine echte Marktlücke gestoßen zu sein, behauptet Joachim Materna: „Es gibt zwar Millionen Plattformen für Backpacker, aber keinen einzigen Anbieter für individuelle Weltreisen auf hohem Niveau.“ Die enorme Nachfrage, von der man geradezu überrollt worden sei, seit die Internetseite im März 2015 freigeschaltet worden war, habe die Einschätzung bestätigt, sagt Materna: „Wir scheinen einen Nerv getroffen zu haben.“

Seither planen Kuhn und Materna, unterstützt von ein paar Freelancern, individuelle Langzeitreisen für Menschen, die den gleichen Traum haben wie sie. Das Paar erstellt ein dezidiertes Profil des Kunden – ist er sportlich, kulturinteressiert, ernährungsbewusst, romantisch oder musikbegeistert? – und organisiert alles bis ins kleinste Detail: von den Flügen und Unterkünften über Abholdienste, Events und Touren, Führungen, bis hin zu Restaurant-Reservierungen. Das komplette „Framing“, wie Ellen Kuhn es ausdrückt, sei schon vor der Reise minutiös geregelt, so dass sich der Kunde vor Ort hundertprozentig auf das einlassen könne, was ihm wichtig ist.

Dank Mail, Skype, E-Boarding und anderer digitaler und elektronischer Möglichkeiten sei ihr neuer Job von fast jedem Ort der Erde aus machbar. Die einzige Voraussetzung sei eine Internetverbindung, sagt Materna. Natürlich ist nicht alles völlig unkompliziert – eine Gewerbeanmeldung von Bali aus im Backnanger Bürgeramt etwa – „aber es geht“. Und so kann das Paar „nebenher“ seinen Lebenstraum weiterleben: Sie arbeiten an den schönsten oder interessantesten Orten der Welt, bleiben dort länger, wo es ihnen besonders gut gefällt, und lassen sich nicht mehr in ein fremdbestimmtes Korsett zwängen.

Gerade sind sie für ein paar Wochen in Backnang, zurück von ihrer jüngsten Reise, die sie von Rom über Miami Beach, Panama City, Rio de Janeiro und Buenos Aires nach Kapstadt geführt hatte. Danach wollen sie wieder für eine etwas längere Zeit auf Bali sesshaft werden.

„Wir helfen, Träume zu verwirklichen“

Wer dabei an Strand-Dauerräkeln und Cocktail-Schlürfen von morgens bis abends denke, liege falsch, sagt Joachim Materna und schmunzelt. Die Betreuung von Weltreisenden sei ein aufwendiges Geschäft. „Oft kommen die Leute nicht mit viel mehr als ,ich will mal um die Welt, Südamerika und Afrika sollte dabei sein’ zu uns und wir machen dann ein Gesamtkunstwerk daraus.“ Dafür habe man für sich selbst die Freiheit geschaffen, sich keinem Zeitschema oder gesellschaftlichen Konventionen mehr unterordnen zu müssen. „Wir können uns unsere Arbeit selber einteilen, alles gemeinsam tun und gemeinsam ständig Neues erleben“, sagt Materna. Und Ellen Kuhn fügt hinzu: „Es macht riesigen Spaß, anderen Menschen zu helfen, ihren Traum zu verwirklichen – so, wie wir das auch für uns getan haben.“

Das spezielle Reisebüro findet man im Internet hier.

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