Mitsuko Uchida schwört auf Flügel von Steinway. Am Sonntag tritt die Pianistin um 18 Uhr in Bietigheim auf. Foto: Decca/Justin Pumfrey

Sie bespielt die großen Konzertsäle dieser Welt – und Bietigheim-Bissingen. Wie Mitsuko Uchida nach Bietigheim kam, ist eine Geschichte großer Zufälle, unermüdlichen Netzwerkens und eines besonderen Konzertflügels.

Bietigheim-Bissingen - Elbphilharmonie Hamburg, Royal Festival Hall London, Carnegie Hall New York – und das Kronenzentrum Bietigheim-Bissingen. Das Konzert der Weltklasse-Pianistin Mitsuko Uchida an diesem Sonntag fällt ein wenig aus der Reihe ihrer ansonsten sehr hochkarätigen Konzertorte. Den Kulturamtsleiter Stefan Benning freut es natürlich: „Das ist die Champions League im klassischen Bereich.“ Uchida gilt als eine der führenden Interpretinnen von Mozart, hat zahlreiche Preise gewonnen, darunter einen Grammy und eine Goldmedaille der Royal Philharmonic Society – einer der höchsten Auszeichnungen im Feld der Klassischen Musik. Die Queen adelte sie im Jahr 2009.

Das Konzert in Bietigheim-Bissingen ist nicht nur irgendeines auf ihrer Liste. Es ist der Auftakt von Uchidas Tournee durch die großen Konzertsäle der Welt – und natürlich schon lange vor Beginn der Veranstaltung restlos ausverkauft.

Früher hieß es bei Anfragen: „Bietigheim, wo bitte?“

Wie es dazu kam, dass eine Pianistin, die Konzertsäle auf der ganzen Welt füllt, regelmäßig im beschaulichen Bietigheim-Bissingen auftritt, ist eine Geschichte, die viel mit glücklichen Zufällen, einem besonderen Konzertflügel im Kronenzentrum, aber auch mit unermüdlichem Netzwerken zu tun hat.

Am besten erzählen kann sie Heinz Steidle. Er war von 1976 bis 2012 der Kulturamtsleiter der Stadt Bietigheim-Bissingen – und ohne ihn würde Uchida wohl nicht zu den Dauergästen der Stadt zählen. „In Pianistenkreisen ist Bietigheim heute eine bekannte Adresse“, sagt er. Früher habe die Szene bei Anfragen eher so reagiert: „Bietigheim, wo bitte?“. Seit Uchida hier spiele, wisse man, dass es in Bietigheim einen guten Konzertfügel gebe. Dieser gab auch den Ausschlag für die britische Pianistin japanischer Herkunft.

Ammann liest den Pianisten die Wünsche von den Fingern ab

Ein Flügel der Marke Steinway schmückte damals, vor knapp 15 Jahren, das genaue Jahr weiß Steidle nicht mehr, das Kronenzentrum. Nun gibt es Flügel und Klaviere dieser extravaganten Marke aus New York in vielen Konzertsälen. Das besondere an jenem in Bietigheim-Bissingen war, dass er gestimmt wurde von Georges Ammann. Der gebürtige Schweizer ist ein Klaviertechniker von Weltrang, er arbeitet im Auftrag von Steinway für die Weltelite der Pianisten und liest ihnen quasi die Wünsche von den Fingern ab.

Für ein Konzert im Kronensaal stimmte er auch den Flügel dort. Steidle sprach mit ihm darüber, wie es denn wäre, wenn Mitsuko Uchida hier auftreten würde – damals erschien das für beide völlig utopisch. Ammann ist auch der persönliche Stimmer von Uchida. Auf ihren Tourneen stellt er die Flügel so ein, damit die Pianistin den optimalen Klang herausholen kann. Wenn ihr ein Flügel in einem Konzertsaal nicht zusagt, kommt sie erst gar nicht – oder bringt ihren eigenen Flügel mit.

Der Kulturamtsleiter als persönlicher Betreuer

Steidle gab aber nicht auf und schrieb Uchidas Agentin: Es gebe ja manchmal Zufälle im Leben. Falls sich also mal eine Lücke in Uchidas Tourplan auftäte – in Bietigheim stünde ein Flügel bereit, der von ihrem Lieblingsstimmer abgenommen worden war. Und tatsächlich: Zwei Wochen später rief die Agentin an. Uchida habe einen Auftritt in Salzburg, würde ihr Programm aber gerne vorher in Bietigheim spielen.

Steidle gab dann ihren persönlichen Betreuer: Er holte sie am Flughafen in Stuttgart ab, organisierte ihr ein schönes Zimmer in einem Hotel am malerischen Marktplatz und ging auf alle Wünsche des Stargastes ein. Wer als Kulturmanager den Kontakt zu den Stars nicht verlieren will, sollte in Diskretion geübt sein. Auch Steidle hat nie öffentlich über die Allüren seiner Gäste gesprochen. Er verrät nur so viel: „Frau Uchida mag gerne bittere Schokolade. Deswegen hatte ich eine Portion in ihrem Hotelzimmer deponiert.“

In Salzburg gibts noch Karten

Die Rundum-Betreuung lohnte sich: „Sie hat sich bei uns so wohl gefühlt, dass sie nach dem Konzert bei einem Glas Wein gesagt hat: ‚Es war so schön hier, ich komme gerne wieder’“, sagt Steidle. Und seitdem spielt Mitsuko Uchida alle zwei Jahre im Kronenzentrum in Bietigheim.

Der Flügel ist mittlerweile zwar ein anderer, aber er ist auch von Steinway und auch von Georges Ammann gestimmt.

Und wer sich ärgert, dass er kein Ticket mehr für Uchidas Konzert zusammen mit dem Mahler Chamber Orchestra am Sonntag bekommen hat: für das gleiche Konzert im Mozarteum in Salzburg am kommenden Dienstag gibt es – Stand Freitagnachmittag – noch sieben Restkarten.

Hat Ihnen der Artikel gefallen? Jetzt teilen: