Ein ziemlich cooler Typ: der Bayer Markus Eisenbichler Foto: AFP/Jure Makovec

Ohne Severin Freund und Andreas Wellinger schlüpft Markus Eisenbichler in die Rolle des Frontmanns bei den deutschen Skispringern.

Stuttgart - So ist er, der „Eisi“, immer schön geradeaus. Das ist wohltuend in diesen hochsensiblen Zeiten, in denen man sich mehr denn je um Kopf und Kragen reden kann. Davor hat Markus Eisenbichler keine Angst. Also sagt er über den neuen Bundestrainer Stefan Horngacher jüngst bei der Einkleidung der DSV-Athleten bei Ulm: „Früher als Co-Trainer hab’ ich ihn nicht so mögen – da bin ich ganz ehrlich. Aber er hat sich auch sehr weiterentwickelt in Polen, und wir können viel von ihm profitieren, weil er mit Weltklasse-Athleten zusammengearbeitet hat wie Kamil Stoch.“

Horngacher ist der Nachfolger von Werner Schuster, dem erfolgreichen Österreicher, mit dem sie beim DSV gerne weitergemacht hätten. Und Horngacher wird gut daran tun, Eisenbichlers Ehrlichkeit nicht zu dessen Problem werden zu lassen – denn der „Eisi“ war der beste deutsche Skispringer des vergangenen Winters. Erst wurde er Sensations-Zweiter bei der Tournee, dann räumte er von der Großschanze, mit dem Team und der Mixed-Mannschaft bei den Weltmeisterschaften in Seefeld drei blitzsaubere Goldmedaillen ab. Ausgerechnet Eisenbichler, der Mann, der zuvor überwiegend eher der zweiten Reihe zugeordnet wurde und bei den Olympischen Winterspielen in Südkorea ein internes Ausscheidungsspringen gegen Stephan Leyhe verlor. Damit gehörte Eisenbichler nicht zum deutschen Silber-Quartett.

Zu Freund immer hochgeschaut

Heute ist der Mann mit dem Bart die Nummer eins im Team. Das war früher mal Severin Freund, bevor ihn Verletzungen zurückwarfen. Doch von der Leader-Rolle will Markus Eisenbichler, ein bescheidener, aber kernig-humorvoller Ur-Bayer aus Siegsdorf, natürlich nichts wissen. „Ich hab’ mich früher am Severin hochgezogen, hab’ g’schaut, was der macht. Mittlerweile ist es so, dass wir alle zusammen generell auf einem sehr guten Level sind“, sagt Eisenbichler. Heute pusche man sich gegenseitig hoch, und das im positiven Sinn. „Man gönnt dem anderen, wenn er gut springt“, meint der DSV-Adler, der mit seinen immerhin auch schon 28 Jahren in seiner zweiten Karrierehälfte erst so richtig durchstartet.

Warum das so ist, es hat Gründe. Im September 2012 hätte ihn ein Trainingssturz fast die Karriere gekostet. In Oberstdorf war es, wo Eisenbichler beim Absprung die Kontrolle verlor und wo es ihn übel hingeschmissen hatte. „Ich sah nur den Boden und schlug mit dem Kopf und mit dem Rücken auf den Hang“, erinnert sich der Sportler, und als er so da lag, dachte er nur noch an eines: Aus und Ende – das war’s.

Eisenbichler brach sich den dritten Brustwirbel, die darauffolgenden Wirbel vier bis sechs waren angebrochen. Er hätte auch für immer im Rollstuhl sitzen können, das weiß er. Die Entscheidung gegen eine Operation aber war eine Entscheidung für den Sport. Er hätte es nach eigener Einschätzung nicht geschafft, sich nach einer OP ein Jahr lang wieder heranzukämpfen an die Leistungen der anderen. Er wollte es also noch einmal so versuchen.

Es hat seine Zeit gedauert

Es hat ein bisschen Zeit gedauert, doch die Geduld hat sich gelohnt. Eisenbichler ist selbst am meisten davon überrascht, dass bei ihm vor allem im vergangenen Jahr eine Leistungsexplosion stattgefunden hat, die er so niemals erwartet hätte. „Stand jetzt kann ich auf eine Karriere zurückblicken, wo ich sage: Das hätte ich mir nie erträumt.“ Nun hat er es einigermaßen eilig, sich noch ein paar Wünsche zu erfüllen – und das möglichst schnell, denn mit 35 Jahren sieht er sich nicht mehr auf der Schanze. „Mein Traum war immer, Gesamtweltcup-Sieger und Skiflug-Weltmeister zu werden. Das steht noch aus“, sagt der Bayer, der mit seinem rustikalen Humor eine der Stimmungskanonen innerhalb der Mannschaft ist. So nahm er kürzlich den Preis als DSV-Sportler des Jahres völlig emotionsfrei mit dem Satz in Empfang: „I nehm’s halt mit.“

Unter Druck setzen will sich Eisenbichler, an den die Erwartungen für die an diesem Wochenende im polnischen Wisla beginnende Saison enorm gestiegen sind, natürlich nicht. Das Erreichte ist genug, er könnte aufhören, alles was noch kommt, ist die Kür. Die Mutation vom grundsoliden Top-Ten-Springer zum Sieganwärter ist geglückt. Doch nun ist er schon in einem Alter angekommen, in dem er sich vor allem vor Skiflug-Terminen über Gefahren und die Gesundheit Gedanken macht. „Skispringen macht man nicht so ewig lang wie der Noriaki Kasai. Es gibt auch noch ein Leben nach dem Sport“, sagt Markus Eisenbichler, grübelt ein bisserl – und legt noch einmal nach: „Genaugenommen fängt das Leben dann erst richtig an.“

Hier geht es zu einer Fotostrecke mit den deutschen Adlern für diese Saison.

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