Swetlana Tichanowskaja wirkt blass und zerschlagen. Foto: dpa/Sergei Grits

Die Herausforderin des Präsidenten flieht ins EU-Land Litauen – ihr Mann sitzt in einem Sondergefängnis in Haft.

Minks - Blass sieht sie aus und erschöpft. Wie zerschlagen. Und dann nennt sich Swetlana Tichanowskaja in einer Videoansprache an ihre Anhänger auch noch eine „schwache Frau“. Weil sie die Flucht ergriffen hat, aus dem Land des Diktators Alexander Lukaschenko. „Ich dachte, dieser ganze Wahlkampf hätte mich gestählt und mir so viel Kraft verliehen, dass ich alles ertragen könnte.“ Doch die Oppositionsführerin in Belarus gibt am Dienstag auf. Erst einmal. Sie lässt sich mit logistischer Hilfe des Regimes ins benachbarte EU-Land Litauen bringen, statt dem Druck standzuhalten, wie sie es wohl von sich selbst erwartet hatte. Sie klingt, als würde sie sich dafür verachten. „Ich war schon immer eine schwache Frau.“

Damit ist Tichanowskaja in ihrem Urteil über sich selbst am härtesten. Niemand von ihren Unterstützern macht der Mutter von zwei Kindern nach ihrer Ausreise einen Vorwurf. Schließlich wissen alle um die psychischen und physischen Foltermethoden des berüchtigten Geheimdienstes, der hier noch immer KGB heißt. Drei Stunden, so dringt am Dienstag durch, befand sich die 37-Jährige nach der so hoch umstrittenen Präsidentenwahl am Sonntag in den Fängen der Sicherheitsorgane. Viele ihrer Anhänger halten den Inhalt von Tichanowskajas Ansprache deshalb für erpresst. Sie selbst sagt in dem Video: „Ich habe die Entscheidung absolut unabhängig getroffen.“

Ist die Aussage der Oppositionsführerin Teil eines Deals mit dem Diktator?

Oder gehört auch diese Aussage zum Deal mit dem Diktator? Sicher ist: Genug Druckmittel gegen Tichanowskaja hat das Regime. Die Kinder leben zwar bereits im Ausland. Ihr Mann jedoch sitzt seit Juni in einem Sondergefängnis. Sollte die Mutter riskieren, auch inhaftiert zu werden, wie so viele frühere Lukaschenko-Herausforderer? Für ihren Mann Sergei, einen populären Videoblogger, war die Lehrerin und Dolmetscherin im Frühsommer in die politische Arena gestiegen. Ihr Mut machte sie schnell zur stärksten und viel umjubelten Lukaschenko-Gegnerin.

Das Wahlergebnis hält nicht nur die Opposition für schlicht ausgedacht

Doch damit war es nach der Wahl am Sonntag vorbei. Lukaschenko, der in Belarus seit 26 Jahren mit diktatorischer Machtfülle regiert, ließ seinen Sieg mit 80 Prozent Zustimmung erklären. Das Ergebnis hält nicht nur die Opposition im Land für schlicht ausgedacht. Internationale Wahlbeobachter, die nicht ins Land gelassen worden waren, urteilten am Dienstag aus der Ferne: „Es gibt keinen Grund, die verkündeten Resultate zu glauben.“

Dem Dauerpräsidenten sind solche Einlassungen nach eigenem Bekunden so gleichgültig wie Überlegungen in Berlin und Brüssel, neue EU-Sanktionen gegen sein Regime zu verhängen. Stattdessen macht er das westliche Ausland für die Massenproteste verantwortlich. Am Dienstag legten in mehreren Industriebetrieben Beschäftigte aus Protest die Arbeit nieder. Bereits in der Nacht zuvor war es in vielen Regionen des Landes erneut zu Straßenschlachten gekommen. Mindestens ein Regimegegner starb dabei unter ungeklärten Umständen.

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