Das Objekt der Begierde: die Werkstatt in Weissach. Foto: Julia Schweizer

Die Gesellschaft zur Erhaltung von Schienenfahrzeugen liebäugelt mit einem neuen Standort – der Werkstatt der Strohgäubahn in Weissach. Diese wird in wenigen Wochen von der Gesellschaft WEG aufgegeben. Doch die Schienen bis dorthin sind marode.

Kornwestheim - Schon seit Jahren nutzen die Ehrenamtlichen der Gesellschaft zur Erhaltung von Schienenfahrzeugen (GES) das Gelände der einstigen Güter­wagen-Ausbesserung in Kornwestheims Nordwesten, um dort historische Loks und Waggons zu restaurieren. Und fast genauso lange schon träumen sie von einem zweiten, wettergeschützteren Standort: der mehr als 100 Jahre alten Betriebswerkstatt der Württembergischen Eisenbahn (WEG) in Weissach. Die soll nun – nach Inbetriebnahme einer neuen WEG-Werkstatt in Korntal-Münchingen – in wenigen Wochen endgültig frei werden, und gerade in der Weissacher Politik und Verwaltung gibt es viele Stimmen, die die GES gerne langfristig im Ort sehen würden. Der Traum des zweitältesten Museumsbahnvereins Deutschlands, der seit 1990 sein Domizil in Kornwestheim hat, könnte damit endlich in Erfüllung gehen – lägen da nicht rund sechs Kilometer Gleis dazwischen.

Denn der Abschnitt von Ditzingen-Heimerdingen nach Weissach gilt nicht nur als der schönste der Strohgäustrecke, sondern stellenweise auch als ziemlich marode, berichtet Armin Herdecker, der stellvertretende Vorsitzende der GES. Selten fahren dort deshalb reguläre Züge, nur noch für die erste und letzte Strohgäubahn eines Betriebstages wird die Strecke genutzt. Und bei einer Sanierung sei es nicht damit getan, einige Schwellen auszutauschen, was die Mitglieder auch selbst tun könnten. „Die Werkstatt alleine würde uns nicht selig machen“, sagt Herdecker. Denn dorthin müssten die Züge ja auch fahren können. Bei Begehungen prüfe die Aufsichtsbehörde den Schienenzustand und könne auch entsprechende Maßnahmen anordnen.

Um genauere Auskünfte über den Abschnitt sowie die Kosten für eine Instandsetzung und den künftigen Unterhalt zu bekommen, haben die Gemeinde Weissach und der Landkreis Böblingen ein Gutachten in Auftrag gegeben. Das Ergebnis soll laut dem Weissacher Bürgermeister Daniel Töpfer „im Laufe des Sommers vorliegen“, erst danach werde man sich dem Thema näher widmen. Untersucht werden zwei Varianten, einmal für eine dauerhafte Streckensicherung und einmal nur für die Durchführung eines Museumszugbetriebes, so das Landratsamt. Heidecker rechnet mit Kosten von einem mittleren sechsstelligen Betrag. Deutlich zu viel für den Verein, der deshalb auf finanzielle Unterstützung angewiesen wäre. Aus dem Böblinger Landratsamt kommen zwar – vorbehaltlich der Ergebnisse des Gutachtens – positive Signale: „Der Landkreis Böblingen hat ein primäres Interesse an einer Streckensicherung, der Streckenerhalt soll für künftige Generationen gesichert bleiben.“ Doch da wäre noch die andere Seite der Landkreisgrenze. Der Ludwigsburger Behörde sind auf Anfrage keine konkreten Angaben zu entlocken. Und das Interesse der Stadt Ditzingen (Landkreis Ludwigsburg) schätzt Herdecker als gering ein, weil das Projekt im Prinzip nur Weissachs Tourismus nütze. Fahrten ins Strohgäu mit dem Feurigen Elias werde es selbst bei einer Stilllegung des letzten Abschnitts weiterhin geben, dann eben nur noch zwischen Korntal und Heimerdingen.

Vielleicht wäre die Bereitschaft für eine finanzielle Unterstützung größer, wenn irgendwann doch wieder auch reguläre Züge bis nach Weissach fahren würden. Aber: „Die Chance, dass wir den Schienen-ÖPNV wieder reaktivieren, schätze ich nach meiner derzeitigen Kenntnis als sehr gering bis gar nicht ein. Die Streckenführung und -bedienung bis nach Weissach ist wirtschaftlich nicht darstellbar, die Fahrgastzahlen sind deutlich zu niedrig“, sagt der Weissacher Bürgermeister Töpfer.

Schon mit der Gründung des VVS sei die Strecke bedeutungsloser geworden, erinnert sich Gerhard Mann, Fraktionschef der Unabhängigen Liste Weissach und Flacht. Und heute gebe es Buslinien zu jedem nahe gelegenen Bahnhof der Linie S 6.

„Es wäre ein Jammer, wenn das mit der GES nicht klappt“, sagt er, auch weil man nie sagen könne, ob sich in zehn oder mehr Jahren nicht doch wieder etwas beim ÖPNV tue und man deshalb die Trasse erhalten solle. Ähnlich sieht das Andreas Pröllochs von der Bürgerliste Unabhängige Wählervereinigung-Weissach. Man könne aber die Kosten nicht außer Acht lassen, sagt er ebenfalls. Zumal Weissach derzeit nicht mehr wie früher von Porsche als Gewerbesteuerzahler profitiert. Dazu kommt, dass die Gemeinde nach Unregelmäßigkeiten und der Abwahl von Töpfers Amtsvorgängerin vor drängenderen Aufgaben steht. Töpfer schätzt deshalb, dass selbst die Entscheidung über die Zukunft der WEG-Werkstatt nicht mehr in diesem Jahr im Gemeinderat fallen wird.

Und es sind nicht nur die Finanzen, die eine Rolle spielen. Es bedürfe auch eines „touristischen Pakets“, wie Herdecker es nennt. Die Beteiligten müssten sich etwas einfallen lassen, um mehr Gäste ins Heckengäu rund um Weissach zu locken. „Es muss ein Ausflugsziel da sein“, sagt er. Und da reiche es nicht allein wie bislang, dass einige örtliche Vereine ihre Feste auf den Elias-Fahrplan abgestimmt hätten. Gut beschilderte Wanderwege seien ein Anfang, auch eine E-Bike-Station könnte mehr Gäste locken.

Für die GES sei denkbar, die Zahl der Betriebstage von durchschnittlich sechs bis sieben pro Jahr auf 15 bis 20 anzuheben und dabei unter anderem auch an die Erfolge früherer Sonderfahrten anzuknüpfen. So sei etwa schon mal eine Jazz-Combo mit an Bord gewesen, die dann zum Konzert auf einer Wiese einlud. Er wartet nun wie die anderen gespannt auf das Ergebnis des Gutachtens und die anschließenden Gespräche. Denn alle anderen Pläne sind derzeit noch Zukunftsmusik – auch die Frage, ob die GES Kornwestheim dann ganz den Rücken kehrt. Es ist fraglich, ob der Verein sämtliche Fahrzeuge in Weissach unterbringt und ob er sich deshalb künftig zwei Standorte gönnt.

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