Der neue Vollernter von Rüdiger Borck soll hörbar leiser sein als das 14 Jahre alte Vorgängermodell. Foto: /Roland Böckeler

Mit einem neuen Vollernter startet Rüdiger Borck zur Weinlese. In der vier- bis fünfwöchigen Hochphase der Ernte verlässt er das Führerhaus manchmal erst nach 16 Stunden.

Kernen - Er ist hoch, massiv – und kostet so viel wie eine Eigentumswohnung. Rund 380 000 Euro sind als Listenpreis für den neuen Vollernter aufgerufen, mit dem Rüdiger Borck aus Stetten in diesem Herbst erstmals zur Weinlese startet. Der Vergleich mit der Wohnung passt nicht nur in finanzieller Hinsicht: Borck wird in der vier- bis fünfwöchigen Hochphase der Lese quasi im Führerhaus leben.

Sein Aktionsgebiet erstreckt sich vom Stuttgarter Pragsattel durchs Remstal bis nach Schorndorf

Ausgestattet mit Vesper, Getränken und Schokoriegeln steigt der 43-Jährige dann am frühen Morgen die seitliche Leiter hoch und verlässt die Kabine teils erst nach 16 Stunden wieder.

Noch ist der Stettener, selbst Winzer und Vorsitzender der örtlichen Weinbaugenossenschaft, relativ entspannt. Aber immer mehr trudeln in seiner Firma die Aufträge zur vollautomatischen Weinlese ein. Sein Aktionsgebiet erstreckt sich vom Stuttgarter Pragsattel durchs Remstal bis nach Schorndorf.

Ende August ist der neue Vollernter, Vorführmaschine eines französischen Herstellers, geliefert worden.

Der sogenannte Durchlaufkanal kann pendeln und passt sich somit den Rebreihen an

Er könnte nicht nur Trauben, sondern etwa auch auf Plantagen Johannisbeeren, Stachel- oder Brombeeren ernten. „Aber dafür ist hier kein Markt“, sagt Rüdiger Borck. Den letzten Vollernter, Baujahr 2005, hat er in Zahlung gegeben. Die Unterschiede zur neuen Maschine sind immens. Der auffälligste für die Umgebung: Sie ist wesentlich leiser, um fast ein Drittel sinkt der Lärmpegel. Nicht hörbar ist indes ein Detail, das Borcks Arbeit im Führerhaus erleichtern soll – das Lesegut wird mit Ultraschallabtastung erkannt, Sensoren steuern das rund zwei Meter hohe Leseaggregat, das Herzstück des Vollernters. Der sogenannte Durchlaufkanal kann pendeln und passt sich somit den Rebreihen an, während die Erntemaschine hochbeinig darüber rollt. Das klappt bis zu einer Steigung von 35 Prozent. Das neue Arbeitsgerät könnte noch mehr schaffen, aber da zieht Borck eine Grenze.

Die Kabine, von der aus er alles steuert, erinnert an einen Hubschrauber

Wie funktioniert der Vollernter? In jenem Durchlaufkanal befinden sich links und rechts leicht gebogene Kunststoffrohre. Die heißen zwar Schläger, gehen aber sanft zu Werke: Die Elemente vibrieren und schütteln die Beeren ab. Die Stärke der Vibration ist einstellbar – bei Trockenheit lösen sich die Trauben schwerer vom Stiel, bei hohem Zuckergehalt gehen sie leichter weg. „Alles eine Frage der Erfahrung“, sagt Rüdiger Borck über das richtige Maß. Er fährt seit 1997 Vollernter.

Die Kabine, von der aus er alles steuert, erinnert an einen Hubschrauber. Bodentiefe Verglasung, zwei Fußpedale, Handbremse und als Herzstück ein Joystick, mit dem er das große und wendige Gefährt detailgenau dirigiert. Es gibt Radio, Freisprecheinrichtung und Klimaanlage. Ein Monitor zeigt, was sich hinter der Maschine tut, ein zweiter gibt den Überblick über Daten wie Arbeitszeit und Erntemenge.

Wo bleibt da die Romantik der liebevoll vom Wengerter handverlesenen Trauben?

Die abgeschüttelten Beeren fallen in flexible Auffangbehälter – eine Art Gummibecher – werden in die Höhe auf ein Fließband transportiert, passieren dann eine Turbine, die mitgeerntete Blätter absaugt und zurück in den Weinberg spuckt, und landen schließlich in einem von zwei Tanks. Zusammen haben sie ein Fassungsvermögen von 1,8 Tonnen, was sich nach viel anhört. „Nach zehn Minuten sind die voll“, erklärt Borck, und ab geht’s zum Leeren. Der Vollernter ist fix.

Wo bleibt da die Romantik der liebevoll vom Wengerter handverlesenen Trauben? „Die Arbeit im Weinberg ist ein Knochenjob“, sagt der Stettener, „das ist wie in einem Industriebetrieb.“ Die Betriebe würden zudem immer größer, „und die Arbeitsspitzen bei der Ernte muss man irgendwie bewältigen“.

Ganz ohne Handarbeit geht es aber doch nicht

Dazu gehört die schlichte Rechnung, dass die Handlese von einem Hektar Weinberg rund 3000 Euro koste – die vom Vollernter liegt bei Borck bei 700 bis 800. In gerade Mal einer Minute ist im Schnitt ein Ar geschafft, nach rund zwei Stunden ein Hektar Weinberg geerntet. Leere Stiele sind das Merkmal, dass ein Vollernter aktiv war. Ganz ohne Handarbeit geht es aber doch nicht. Schlechte oder faulige Beeren müssen zuvor manuell abgeschnitten werden, um die Qualität des Leseguts zu erhöhen. Das Stettener Weingut Zimmer setzt bis dato voll auf Handarbeit bei der Lese.

Besonders vorbereitet muss ein Weinberg übrigens nicht sein für einen Vollernter

Am Donnerstag wurden Regent und Dornfelder gelesen. Ganz werde man sich dem Fortschritt aber nicht verschließen können, sagt Walter Zimmer, zumal neue Vollernter sehr fein einstellbar seien. Und man könne schnell reagieren, wenn das Wetter umschlage oder etwa die Kirschessigfliege drohe. „Doch bei den hochwertigen Weinen bleiben wir bei der Handlese“, sagt Zimmer, auch wenn es schwieriger werde, Mitarbeiter zu finden.

Besonders vorbereitet muss ein Weinberg übrigens nicht sein für einen Vollernter. „Wo ein Schlepper fahren kann, kann ich auch durch“, sagt Rüdiger Borck. Sein Diesel hat etwa 180 PS und kommt mit zehn bis zwölf Liter Verbrauch pro Stunde aus. Die 14 Jahre alte Vorgängermaschine brauchte bis zu 20. In diesen Tagen beginnt die erste Hochzeit seines neuen Arbeitsgeräts. Danach wird es, wie der Vorgänger, für gut zehn Monate eingemottet. In sechs bis sieben Jahren soll sich der Kauf amortisiert haben, hofft Borck.

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