Axel Grau zu Füßen von Friedrich Schiller. Foto: Lichtgut/Leif Piechowski

Als Bub hatte er einen indischen Bruder, als junger Kerl war er in Äthiopien, als gestandener Mann brachte er Touristen nach Esslingen und Stuttgart sowie Viertelesschlotzer aufs Weindorf. Nun geht Axel Grau in den Ruhestand.Weindorf

Stuttgart - Als Bub hatte er einen indischen Bruder, als junger Kerl war er in Äthiopien, als gestandener Mann brachte er Touristen nach Esslingen und Stuttgart sowie Viertelesschlotzer aufs Weindorf. Nun geht Axel Grau (67) in den Ruhestand. Ein Gespräch über Hamburger Neider, die Stauffenbergs und Haile Selassie.

Herr Grau, was verbinden Sie mit dem Schillerplatz, auf dem Sie unbedingt das Foto für uns machen lassen wollten?
Natürlich das Stuttgarter Weindorf. Aber dieser Ort ist auch Teil meiner Familiengeschichte. Meine Oma hat im Alten Schloss gearbeitet, sie war auch Kindermädchen der Stauffenbergs.
Von Claus Graf Schenk von Stauffenberg und seinen beiden Brüdern?
Ja. Der Vater war ja Oberhofmarschall des letzten württembergischen Königs, seine Dienstwohnung war im dritten Stock. Meine Großmutter hatte eine enge Beziehung zur Familie. Deshalb ist es ein interessanter Zufall, dass ich im schwäbischen Königsbronn geboren wurde – in Attentatshausen.
Attentatshausen?
In Königsbronn ist der Hitler-Attentäter Georg Elser aufgewachsen. Dieser Ruf der Stadt samt meiner Geburt in der Wohnung des Forstmeisters im Kloster hat vielleicht dazu beigetragen, dass ich 1969 als Wehrdienstverweigerer anerkannt wurde. Ich bin aber in den Entwicklungsdienst gegangen.
Sie waren Entwicklungshelfer?
Ja, ich ging 1971 für zwei Jahre nach Äthiopien. Ich hatte Bau- und Möbeltischler gelernt, weil ich Innenarchitektur studieren wollte, und habe dort in Werkstätten mit jungen Äthiopiern gearbeitet, die sich die Schule schlicht nicht leisten konnten. Es war zu teuer. Sie mussten betteln, um die Familie zu ernähren.
Wie haben Sie sich verständigt?
Ich habe Amharisch gelernt. Da gab es einen Intensivkurs bei Haile Gabriel, später Botschafter Äthiopiens in Bonn. Ich konnte mich verständigen, Gespräche gingen gut, ich konnte auch aus der Zeitung vorlesen, aber mein Wortschatz war nicht gut genug, um zu verstehen, was ich da vorlas. Die Äthiopier haben sich immer kaputtgelacht.
Können Sie noch was?
Kas bakas, inkulal bokru ye hedal.
Was heißt das?
Das ist eine Redensart: Langsam, langsam beginnt das Ei zu laufen. Also: Gut Ding will Weile haben. Wenn ich jetzt so erzähle, kommen viele Momente von damals wieder. Kaiser Haile Selassie fuhr öfters durch unsere Kleinstadt Akaki Beseka. Da stellten sich alle Bewohner auf, er fuhr im Schritttempo vorbei, nahm die Huldigung entgegen und verteilte Brot und Geld. Ein kleiner Mann mit großer Aura.
Woher kommt diese Abenteuerlust?
Von meinem Vater. Er wanderte nach Kanada aus und betrieb eine Pferdefarm. Er war ein neugieriger Mensch und so lernte er 1955 bei einem Kongress für Metallurgie einen jungen Inder kennen. Das war der Sohn des Privatsekretärs von Pandit Nehru.
Der Weggefährte Gandhis?
Ja. Und Premierminister Indiens. Man muss sich vorstellen, es war 1955: Keiner vermietete Wohnungen und möblierte Zimmer an Dunkelhäutige. Also zog Mohan Iyer bei uns ein. Wenn ich auf der Straße spielte, und man mich fragte „Wer ist das denn?“, sagte ich: Das ist mein Bruder. Wir aßen indisch, meine Mutter trug Saris, wenn Mohan mit seinen Freunden für uns kochte und Musik machte. So wollte ich unbedingt nach Indien. Es wurde Äthiopien. Das zieht sich durch mein Leben: Ich wollte was entdecken.
Sie haben ja öfters mal den Beruf gewechselt.
Stimmt, ich habe mich nie festgelegt. Ich habe Tischler gelernt, Design studiert, war an der Hochschule Schwäbisch Gmünd, habe den Apple-Designer Hartmut Esslinger für Workshops dorthin gelotst, habe an der Uni Hohenheim Journalismus studiert, war unter OB Manfred Rommel beim Presseamt der Stadt Stuttgart, Touristiker und zum krönenden Schluss Geschäftsführer bei Pro Stuttgart und damit Veranstalter von Riesen, Kulturprogrammen und des Weindorfs.
Der süffigste Job?
Ein schöner Job. Ich habe all die Jahre beim Weindorf nur am Viertele genippt. Man weiß nie, was passiert, und dann können Sie nicht mit einer Fahne auftauchen. Ich habe nachts daheim dann ein Viertele geschlotzt.
Ist das Weindorf nicht ein Selbstläufer?
Das scheint nur so. Als ich 2006 angefangen habe, war das Weindorf eine riesige Hocketse. Die jungen Leute blieben weg. Wir mussten neue Wege beschreiten, offener und moderner werden, auch was die Küche betrifft. Natürlich wollte man alles Schwäbisch, aber eben auch Versuche zulassen. Und das hat funktioniert.
Nur in Hamburg nicht?
Ich habe schon bei meinem ersten Besuch gespürt, dass es mit der Stadt geknirscht hat und es Neider unter Gastronomen und Veranstaltern gab. Da hieß es, muss das sein, dass die Schwäble auf dem besten Platz sitzen und verkaufen, was wir auch anbieten.
Das haben Sie unterschätzt?
Wir hätten viel penetranter den Hamburgern deutlich machen müssen, dass der Fischmarkt in Stuttgart deren Spezialitäten verkauft und wir in Hamburg schwäbische Spezialitäten. Ein Geben und Nehmen. Und wir hätten auf eine festgeschriebene Partnerschaft mit Brief und Siegel drängen müssen. Dann wären wir nicht so abserviert worden. Als man uns die Platzmiete von 45 000 auf 125 000 Euro erhöht hat, war es vorbei.
Das war nicht zu refinanzieren?
Nein. Ein Geschäft war Hamburg für uns als Verein nicht. Wir waren froh, wenn die Wirte ordentlich oder mit einem blauen Auge davongekommen sind. Ich erinnere mich noch an 2007: Das Weindorf war verregnet vom ersten bis zum letzten Tag. Ich habe mir neue Schuhe kaufen müssen, weil ich drei Wochen lang nur durch Pfützen gelaufen bin.
Es schmerzt trotzdem?
Natürlich. Wir hatten viele Freunde dort. Und wir haben Stuttgart bekannter gemacht. Das hat auch immer mein Berufsleben bestimmt. Als 1985 im Verkehrsamt der Posten als Abteilungsleiter für Öffentlichkeitsarbeit frei wurde, kam Manfred Rommel zu mir und hat gesagt: „Grau, des isch Ihre Aufgabe! Sie machen Stuttgart in aller Welt bekannt.“
Das war nötig?
Unbedingt. Bosch, Porsche, Daimler standen damals bei Rommel auf der Matte und haben gesagt: Ihr müsst was tun. Wir tragen die Produkte in die ganze Welt, aber kein Mensch kennt Stuttgart. Der frühere Verkehrsdirektor Peer-Uli Faerber hat einen tollen Job gemacht, aber er hat zu mir immer gesagt: „Der Tagesbesucher bringt mehr Geld, und nach außen zu werben kostet so viel Geld.“ Das war nicht sein Ding. Kennen Sie die Magic Cities?
Das ist ein Werbeverbund?
Ja. Da werben die zehn größten deutschen Städte gemeinsam im Ausland um Touristen und Messebesucher. Stuttgart war damals schon Mitglied. Aber wir haben unsere Prospekte immer den anderen mitgegeben.
Die haben die weggeschmissen?
Zumindest nicht auf den Stapel ganz oben gelegt. Wir haben das dann geändert, aktiv teilgenommen. Ich war später auch Sprecher der Magic Cities. Wir haben die Region einbezogen, in Südkorea, Japan, den USA, China Klinken geputzt. Aber wir waren immer noch das Verkehrsamt, mussten Anträge stellen für jedes Plakat. Und bekamen die Anrufe, wenn sich jemand wegen einer Ampel oder einem Strafzettel beschwert hat.
Schließlich gab es aber ein Touristikamt?
Ja, aber die entscheidende Verbesserung brachte die Gründung der Stuttgart Marketing GmbH, die zunächst jedoch der Messe unterstellt wurde. Das war die praktische und sparsame Lösung, schwäbisch halt.
Aber Sie sind nach Esslingen?
Ich kannte von meiner Arbeit mit der Region die Perle Esslingen. Die Stadt war schon immer toll, aber touristisch weit abgeschlagen. Angefangen habe ich mit einem ausgeliehenen PC vom Kulturreferat. Als ich ging, gab es dort eine neue Stadtinformation, den Mittelaltermarkt, boomende Stadtführungen. Der Tourismus ist beachtlich gewachsen.
Und haben Sie sich jetzt schon Rasenmäher und Strickzeug gekauft?
Was ich brauche, habe ich alles. Ich habe mal in der Schule gestrickt, das war aber nicht mein Ding. Jetzt kommen Sachen, die ich vernachlässigt habe, da gehört der Garten dazu, das Haus und die Familie natürlich. Zu gerne möchte ich ihr Äthiopien zeigen. Und Indien. Das bleibt ein Traum von mir.

Das Gespräch führte Frank Rothfuß.

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