Tierärztin Katja Großmann vom Schweinegesundheitsdienst Aulendorf nimmt dem Schwein Blut ab. Foto: factum/Jürgen Bach

Noch ist es nur eine Übung: Behörden in Weil der Stadt simulieren auf dem Bio-Hof der Familie Riehle ein Krisenszenario.

Weil der Stadt - Das Szenario ist realistisch: Der Schweinebetrieb, ein Biobauernhof bei Weil der Stadt, hat einen Verdachtsfall auf Afrikanische Schweinepest (ASP). Tierärzte des zuständigen Tiergesundheitsdienstes rücken in Mannschaftsstärke an. „Wichtig ist, dass weder ein Erreger in den Betrieb hinein- noch aus dem Betrieb herausgelangt“, erklärt Wilhelm Hornauer, Leiter des Veterinäramts im Landratsamt Böblingen. Zu diesem Zweck wird am Hofrand eine Hygieneschleuse errichtet, die aus nicht viel mehr als einer Plastikplane und einer Mörtelwanne mit einer Desinfektionslösung besteht. Auf der Plane ziehen die Tierärzte ihre blauen Schutzoveralls und Gummistiefel an, bevor sie den Schweinen Blut abnehmen, das anschließend so schnell wie möglich ins Labor muss.

Noch ist es nur eine Übung, die die 15 Veterinäre aus dem Regierungsbezirk Stuttgart am Donnerstag auf dem Bioland-Hof von Georg Riehle bei Weil der Stadt durchführen. Der ­Betrieb mit aktuell rund 120 Schweinen wurde ausgewählt, weil die Tiere hier nicht nur im Stall, sondern auch draußen leben. „Die Freilandhaltung hat im Sinne der Seuchenprävention natürlich ein ­höheres Risiko“, betont Hornauer. Der Waldrand, in dem sich potenziell mit ASP       infizierte Wildschweine tummeln ­könnten, liegt direkt neben den Weiden. „Die     doppelt eingezäunt sind“, ergänzt ­Landwirt Riehle. „Zwischen innerem und äußerem Zaun liegen zwei Meter.“

Gefährlicher ASP-Virus

Die Tierseuchenübung, die das Landratsamt Böblingen gemeinsam mit der Tierseuchenbekämpfung und den Tier­gesundheitsdiensten Baden-Württemberg durchführt, kommt nicht zu früh. Im Gegenteil: Akute Aktualität erhält die „Segmentübung zur Vorbereitung auf einen Ausbruch der Afrikanischen Schweine­pest“ durch die jüngsten Meldungen aus Polen. Dort, so verlautete erst diese Woche, war nur 42 Kilometer von der deutschen Grenze entfernt ein verendetes Wildschwein entdeckt worden, das den gefährlichen ASP-Virus in sich trug. Die Botschaft hinter den Meldungen war klar: Die Afrikanische Schweinepest kommt immer näher. „Es ist nur eine ­Frage der Zeit, bis ASP auch bei uns ist“, bestätigt Hornauer. „Und das“, sagt Bauer Riehle, „macht einem schon Sorgen.“

(Lesen Sie hier: Schweinestall in Weil der Stadt: Landwirtschaft kontra Menschenschutz?)

Schweinen Blut abzunehmen, ist nicht ganz einfach. Mit einer Oberkieferschlinge müssen die Tiere erst eingefangen werden. Anschließend wird ihnen die Spritze im unteren Halsbereich gesetzt. Dass das Schwein dabei buchstäblich wie am Spieß quiekt, macht die Sache nicht einfacher. „Die Umhüllungen der Proben werden anschließend ebenfalls desinfiziert“, erklärt der Böblinger Veterinär. Wäre ein Probe positiv, würde um den Betrieb ein Sperrgebiet mit drei Kilometer Radius gezogen. „Die Schweine müssten alle getötet werden“, so Hornauer.

Ist ein Tier erst einmal mit der Afrikanischen Schweinepest infiziert, stirbt es in der Regel binnen sieben bis zehn Tagen. Foto: factum/Bach
Zwar sind die deutschen Schweine­betriebe mit ihrer meist intensiven Hausschweinehaltung vor Infektionen durch das Wildschwein weniger gefährdet als die Länder, in denen derzeit ASP besonders wütet, wie Georgien, Russland, Polen oder Tschechien. Doch das kann die meisten Landwirte, die nicht wie Bio-Bauer Riehle ihre Schweine ausschließlich regional vermarkten, hierzulande wenig beruhigen. Hat sich erst einmal nachweislich ein Wildschwein irgendwo in den Weiten der deutschen Wälder infiziert, drohen nach Einschätzung von Experten für ganz Deutschland Exporthandelssperren für Schweinefleisch. Umgekehrt hat sich schon jetzt der Preis für ein Schnitzel in Deutschland erheblich verteuert, weil in Asien die Tierseuche grassiert.

Ist ein Tier erst einmal mit der Afrikanischen Schweinepest infiziert, stirbt es in der Regel binnen sieben bis zehn Tagen, sodass den kranken Schweinen genug Zeit bleibt, den Virus zu verbreiten. Die betroffenen Tiere leiden dann unter Fieber und Atemschwierigkeiten. Ein Impfstoff gegen die Krankheit, die in Deutschland bisher noch nie aufgetreten ist, gibt es nicht. „Für den Menschen ist die Seuche jedoch un­gefährlich“, betont Hornauer.

Infektionsrouten entlang der Autobahnen

Der Grund, weshalb der Virus-Ausbruch im vermeintlich fernen Polen auch für die Region ein erhebliches Gefahrenpotenzial birgt: „Die Infektionsrouten der Afrikanischen Schweinepest“, erklärt der Experte, „verlaufen entlang der Autobahnen.“ Mit ASP verseuchte Lebensmittel wie Wurst könne auf Rastplätzen zurückbleiben und anschließend von Wildschweinen aufgenommen werden. Das ­Resultat: Die Seuche tritt mitunter im Abstand von mehreren hundert Kilometern auf.

Kein Wunder also, dass die nächste Krisenübung bereits in Planung ist: Im Tierärztlichen Untersuchungsamt in Aulendorf liegen 40 Kilometer Zaun bereit, die benötigt werden, wenn es eine ASP-Infektion bei einem Wildschwein ­geben sollte. Auch dann werde eine Dreikilometerzone errichtet. „Innerhalb der Zone müssten dann alle Wildschweine ­erlegt werden“, so Hornauer.

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