Weihbischof Thomas Maria Renz hat vor einer voll besetzten Kirche gepredigt. Foto: Lichtgut/Julia Schramm

In der Domkirche St. Eberhard haben die Katholiken der Stadt ihren zentralen Weihnachtsgottesdienst gefeiert. Der Weihbischof Thomas Maria Renz hat an die Menschlichkeit appelliert.

Stuttgart - Wenn die Stuttgarter Katholiken am Morgen nach der Heiligen Nacht in ihrer Hauptkirche den Weihnachtsgottesdienst feiern, dann atmet dieses Pontifikalhochamt in St. Eberhard in jeder Hinsicht den Geist des Besonderen. Auch in der äußeren Form, wenn Weihbischof Thomas Maria Renz, mit den bischöflichen Insignien Mitra und Krummstab ausgestattet, im langen Zug von Ministranten und Co-Zelebranten durch den Mittelgang einzieht, wenn Weihrauchduft die Gläubigen mehr und mehr umfängt, während Organist Johannes Mayr mit klanggewaltigen Improvisationen zu „Jauchzet ihr Himmel!“ das Gottesvolk in eine andere Sphäre hebt. Das Bedürfnis nach diesem besonderen Format der religiösen Zeremonie ist auch in Zeiten der quantitativ schrumpfenden Volkskirche so groß, dass das Gotteshaus auch an diesem Ersten Weihnachtsfeiertag bis über den letzten Sitzplatz hinaus gefüllt ist.

„Freude und Dankbarkeit“ seien es, was die Christen an Weihnachten zusammenführe, denn mit diesem Ereignis sei „Christus als Menschenbruder“ in die Welt gekommen, sagte Renz, der in seiner Predigt Weihnachten „das große Investitionsprogramm Gottes in die Rettung der Menschheit“ nannte. Im Grunde gehe es „um Liebe, die nach Gegenliebe ruft, also um ein Projekt, das eine Reaktion unsererseits einfordert“. Dies sei zunächst „etwas ganz Persönliches, etwas Innerliches“. Und selbst wenn uns „die barocke Sprache der Weihnachtslieder vielleicht kitschig“ anmute, so rühre uns das doch an, „weil uns das bedürftige, auf Hilfe angewiesene Kind in der Krippe zu Herzen geht“, stellte Renz fest.

Ein Programm zur Rettung der Menschheit

Gleichwohl müsse „die Einladung zur Gegenliebe als großes Programm zur Rettung der Menschheit und zur Rettung der Welt“ auch Anderes in den Blick nehmen, wie das derzeit durch die Fridays for Future-Bewegung geschehe, die uns vor die Frage stelle: „Leben wir so, dass auch die Menschen kommender Generationen gut auf diesem Planeten leben können?“ So enthalte die Weihnachtsbotschaft „die Aufforderung, mitzuarbeiten und mit unseren Pfunden zu wuchern, denn niemand ist zur Untätigkeit verdammt“, betonte der Weihbischof, der die Sache dann so auf den Punkt brachte: „Die Geburt Jesu lehrt uns, mit neuen Augen auf die Welt zu schauen, die Herausforderungen anzupacken und gemeinsam unser Bestes zu geben.“

Zum besonderen Gepräge der Liturgie trug auch die Aufführung von Mozarts Missa solemnis KV 337 bei, unter Leitung von Domkantor Christian Weiherer vom Domchor sowie Vokalsolisten und Instrumentalisten des Staatsorchesters ausgeführt. Und als die Gläubigen über die Bankgrenzen hinweg den Friedensgruß getauscht hatten, wirkte das kraftvoll ausstrahlende, melodienreiche Agnus Dei wie eine große Beglaubigung der Friedensbotschaft.

Stadtdekan und Dompfarrer Christian Hermes betonte, dass es an Weihnachten nicht darauf ankomme, wie viel Essen auf dem Tisch stehe und wie viele Geschenke es gebe, sondern „wie viel Menschlichkeit zugegen ist, wie viel Verständnis wir füreinander haben und wie viel Freude wir einander geben“. Eine besondere Form hatte dann auch das finale „O du fröhliche“, das im Verein von Kirchenvolk, Chor, Orchester und Orgel denkbar prachtvoll erklang. Den passenden Schlussstein setzte der Organist mit gewaltig ausgreifender Orgelmusik französischer Provenienz, deren Weihnachtsjubel die Kirche mit dankbarem Beifall beschied.

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