Keine Spur von Leid und Schmutz: Eine Krippenszene zum Nachbauen von Playmobil. Foto: Hersteller

Jesus kam in einem Stall zur Welt. Mit unserem Bild von Festlichkeit lassen sich die armseligen Verhältnisse kaum vereinbaren. Aber für den christlichen Glauben sind sie von größter Bedeutung.

Stuttgart - Selten ist der Kontrast so groß wie an Weihnachten – der Kontrast zwischen dem, was gefeiert wird, und dem, wie es gefeiert wird. Zum Fest muss alles perfekt sein: eine gepflegte Dekoration mit dem geschmackvoll geschmückten Baum im Zentrum. Dazu ein Weihnachtsessen vom Feinsten, ein entsprechend einladender Tisch. Und alle Beteiligten sind gut frisiert und in Hochform.

Armselige Zustände

Doch mit jeder weiteren Verfeinerung wächst der Kontrast. Weihnachten hat seinen Ursprung in einem Stall. Der Evangelist Lukas schreibt, dass das Jesuskind nach der Geburt in eine Krippe gelegt wurde, „denn sie hatten sonst keinen Raum in der Herberge“ (Lukas 2,7).

In einem klassischen Stall, da riecht es, und nicht unbedingt angenehm. Sauber ist es auch nicht unbedingt. Man kann sagen: Es stinkt und ist schmutzig. In den Gestank und Dreck dieser Welt hinein, da ist der Gottessohn geboren. Das ist die Botschaft. Und keineswegs nur eine Fußnote, sonst hätte Lukas die armseligen Umstände nicht erwähnt.

Unübersichtlichkeit der Welt

Die Spannung, die darin steckt – hier der Welterlöser, da ein derbes und schmutziges Milieu –, wird in den abgeklärten westlichen Wohlstandsgesellschaften kaum wahrgenommen. Meistens bildet die Weihnachtsgeschichte nur die goldene Hintergrundfolie für den ersehnten Ruhepol abseits von der Hektik des Alltags. Am Christfest soll draußen bleiben, was sonst das Leben belastet: die Hetze der Zeit, der zunehmende Veränderungsdruck, die Unübersichtlichkeit der Welt, die Spaltungen und Spannungen in der Gesellschaft. Doch dem steht entgegen, dass Jesus in eine Umgebung der Armen und der Außenseiter geboren ist: Hirten werden als Erste an die Krippe gerufen.

Es gibt eine gesellschaftliche Diskussion, was Europa im Kern ausmacht. Gern wird dabei auf das christliche Erbe Bezug genommen. Es ist ein prägender Teil der Tradition – wenn auch nicht der einzige, schließlich haben auch die griechisch-römische Antike und Epochen wie die Aufklärung viel zum Charakter Europas beigetragen. Doch was bedeutet die Geburt Jesu Christi in solch armseligen Zuständen für dessen Selbstverständnis?

Das Göttliche und das Menschliche

Zunächst einmal: Erzählt wird ein Wunder. Gott wird Mensch, er beugt sich tief hinein in die menschliche Existenz. Er wird selber verletzlich, ein kleines Kind, und er begibt sich in menschliche Abgründe, in den Dreck und Gestank der Welt – eben an Orte, die überhaupt nicht zum gepflegten und feierlichen Weihnachtsambiente passen.

Dieser Gegensatz zieht sich durch die ganze 2000-jährige Geschichte des Christentums in Europa. Beides ist nebeneinander vorhanden: das Göttliche und das Menschliche, die Macht und die Ohnmacht, die im Licht und die im Dunkel.

Hoffnung für alle

Die Kirchen haben selber viel Macht ausgeübt und missbraucht, aus ihnen heraus entstanden aber auch immer wieder Bewegungen, die sich voll Liebe den Armen, den Verlorenen und Verlassenen zuwandten. Früher Mönchsorden, später karitative Vereinigungen und Organisationen.

Was bedeutet dies für den christlichen Beitrag zur europäischen Kultur? Gott begibt sich in die Niederungen, allerdings nicht nur dorthin. Die Botschaft richtet sich universal an alle Menschen. Allen gilt die Zusage, die im Lukasevangelium die Engel den Hirten geben: „Friede auf Erden.“

An der Krippe Jesu stehen nicht nur einfache Hirten, sondern, nach dem Evangelisten Matthäus, auch drei Weise, später heißt es: Könige, aus einem fremden Land. Proletariat und Nobilität, wenn man so will. An diesem Kristallisationspunkt der abendländischen Kultur gibt es keine Sieger und Verlierer, es gibt „nur“ eine Verheißung und Hoffnung für alle. Die angemessene Antwort ist kein Triumphgeschrei. Sondern zunächst einmal: Staunen.

Ein Platz für Versöhnung

Dieses Staunen über das Wunder der Menschwerdung haben die Verfasser alter Kirchenlieder aufgenommen. Paul Gerhardt dichtete im 17. Jahrhundert: „Ich steh an deiner Krippen hier.“ Eigentlich ein Gebet, das die Intensität der Empfindungen wiedergibt. „Ich sehe dich mit Freuden an und kann mich nicht sattsehen; und weil ich nun nichts weiter kann, bleib ich anbetend stehen.“

In der Anbetung, beim gemeinsamen Wundern darüber, dass Gott gerade im Elend gegenwärtig ist, verblassen alle Ansprüche, erwählt oder etwas Besseres zu sein. Man betet gemeinsam, nicht gegeneinander. Man singt gemeinsam, nicht gegen andere. Man freut sich zusammen, dass Gott den Menschen, allen Menschen so nahe kommen möchte. Vor der Krippe ist ein Platz für Versöhnung. Das Weihnachtsfest eignet sich nicht dazu, sich von jemandem abzugrenzen oder ihn auszugrenzen.

Diese Botschaft ist hochaktuell in einem turbulenten Jahr wie diesem, das von vielen Konflikten, von Emotionen und teilweise tiefen Gräben in der Gesellschaft gekennzeichnet ist. Auch wem die alte christliche Überlieferung nichts mehr sagt, auch wer die Geschichte nicht glaubt, der sollte zumindest anerkennen: Am Anfang des Christentums, das Europa mitgeprägt hat, stehen Worte, die keinen Menschen auf der Welt ausschließen, egal, woher er kommt, welche Meinung er vertritt, welche Partei er wählt, welchen Beruf er hat. Das ist durchaus sperrig. Aber es ist auch ein großer Trost.

Die Frage lautet nur: Können wir im Online-Zeitalter, überschüttet mit Informationen der unterschiedlichsten Art, überhaupt noch staunen?

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