Das Werk Untertürkheim ist bisher voll auf Verbrennungsmotoren ausgerichtet. Foto: dpa

Die Daimler-Mitarbeiter in Untertürkheim wollen an der Produktion von E-Autos beteiligt werden. Der Betriebsrat verlangt ein faires Angebot.

Stuttgart - Die Daimler-Mitarbeiter des Werks Untertürkheim haben auf der Betriebsversammlung am Mittwoch gefordert, dass der Standort an der Produktion von Elektroautos beteiligt wird und zugleich Kritik an der harten Haltung des Managements geübt. „Wir sind sauer, dass der Vorstand zu keinem Kompromiss bereit ist“, monierte ein Beschäftigter, wie Teilnehmer berichten. Es sei wichtig, dass der komplette Antriebsstrang für Elektroautos in Untertürkheim entwickelt und produziert werde, um die Zukunft des Standortorts langfristig zu sichern, forderte ein Kollege. Mehrere ältere Mitarbeiter hätten auch die Sorge geäußert, ob auch ihre Kinder und Enkelkinder noch einen Arbeitsplatz beim Daimler finden würden, wenn jetzt nicht die Weichen in Richtung Elektromobilität gestellt würden. Insgesamt sei eine große Anspannung spürbar gewesen, ob das Unternehmen im weiteren Verlauf der Verhandlungen zwischen Werkleitung und Betriebsrat Sicherheit für die weitere Entwicklung der Beschäftigung geben könnte.

Daimler-Chef Zetsche hat die Unsicherheit geschürt

Zusätzlich geschürt wurde die Unsicherheit durch Äußerungen von Daimler-Chef Zetsche, der am Wochenende in einem Radiointerview gesagt hatte, dass im Antriebsbereich – dem Kerngeschäft von Untertürkheim – in Zukunft weniger Mitarbeiter beschäftigt würden. „Es ist nicht unsere Aufgabe, Heizer auf der E-Lok“ zu beschäftigen, sagte Zetsche. Dies weckte in Untertürkheim böse Erinnerungen an Äußerungen des Daimler-Chefs im Februar. Damals hatte Zetsche vor Finanzanalysten gesagt, Daimler werde „beim Antrieb so früh wie möglich reduzieren“. Zetsche hatte damals wie auch am Wochenende allerdings hinzugefügt, dass sich trotz dieser Streichungen niemand Sorgen um den Arbeitsplatz machen müsse. Alle heutigen Mitarbeiter würden eine Beschäftigung behalten, so Zetsche.

Anders als bei der Betriebsversammlung in der vorigen Woche, die zentral für die Beschäftigung aller Teile des riesigen Standorts mit 19 000 Mitarbeitern in der Schleyerhalle stattfand, informierten die Betriebsräte die Beschäftigten am Mittwoch über den Stand der Verhandlungen vormittags und nachmittags bei mehreren Veranstaltungen in den einzelnen Werkteilen. Wie in der vorigen Woche wurde die Betriebsversammlung nicht beendet, sondern nur unterbrochen. Der Betriebsrat will die Beschäftigten immer wieder über die Gespräche mit dem Management auf dem Laufenden halten. Die nächste Verhandlungsrunde ist für den kommenden Montag angesetzt.

Der Betriebsrat verlangt ein faires Angebot

Betriebsratschef Wolfgang Nieke bekräftigte im Gespräch mit dieser Zeitung, dass das bisherige Angebot des Unternehmens keineswegs fair und ausgewogen sei, wie das Unternehmen behauptet. Als einen „zentralen Stein des Anstoßes“ bezeichnete Nieke die verlangten Zugeständnisse für die Ansiedlung einer Batteriemontage im Werkteil Brühl und weiterer kleinerer Produktionsumfänge im Bereich der Elektromobilität. Insgesamt geht es dabei dem Vernehmen nach um rund 300 neue Stellen. Garantieren will das Unternehmen diese Stellen nicht, weil unklar sei, wie sich der Absatz von Elektroautos entwickle. Im Gegenzug sollen sämtliche 19 000 Mitarbeiter des Werks pauschal jedes Jahr drei Qualifizierungstage von ihrem Zeitkonto abgezogen bekommen. Das würde nach Berechnungen des Betriebsrats bedeuten, dass jeder Mitarbeiter auf rund 650 Euro im Jahr verzichten müsse.

Der Betriebsrat genehmigt keine Überstunden mehr

Nicht akzeptieren wollen die Arbeitnehmervertreter auch einen überraschenden Rückzieher beim Antrieb von Elektroautos. Im Frühjahr hatte das Unternehmen zugesagt, dass der vordere Antrieb von E-Autos in Untertürkheim produziert werde. Diesen gibt es allerdings nur, wenn der Kunde einen Allradantrieb bestellt. Damals habe das Unternehmen gesagt, die Wahrscheinlichkeit sei hoch, dass auch der im Blick auf die Beschäftigung wichtigere Antrieb an der Hinterachse in Untertürkheim gefertigt werde. „Es wurde uns der Eindruck vermittelt, das sei relativ sicher“, sagte Nieke. Als nun die neuen Verhandlungen begannen, habe Werkleiter Frank Deiß davon nichts mehr wissen wollen. Wie in Unternehmenskreisen zu hören ist, erwägt Daimler nun, diesen Antrieb nicht selbst herzustellen, sondern von einem externen Zulieferer zu beziehen.

Aus Enttäuschung über die harte Haltung des Managements will der Betriebsrat von Juli an keine Überstunden in Untertürkheim mehr genehmigen. Wenn weniger Motoren, Getriebe und Achsen aus Untertürkheim kommen, dürfte sich dies auch negativ auf die Montagewerke auswirken, weil das Unternehmen Monat für Monat Rekordabsätze meldet. Im vergangenen Jahr gab es nach Angaben des Betriebsrats eine Million Überstunden in Untertürkheim und in diesem Jahr könnte laut Nieke annähernd das gleiche Niveau erreicht werden. Die Anspannung sei sehr hoch und auch in der bevorstehenden Urlaubszeit sei bisher keine Drosselung der Fertigung geplant gewesen.

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