Laut Polizei suchen die Täter sich ihre Opfer meist gezielt aus. Wichtig ist: sich nicht provozieren lassen, nicht diskutieren, sondern die Gefahrenzone verlassen. Foto: dpa

Die Nachrichten von Übergriffen in U- und S-Bahn-Stationen erschüttern das persönliche Sicherheitsgefühl. Im Landeskriminalamt Baden-Württemberg kennt man Tipps zum Selbstschutz.

Stuttgart - Das Thema Selbstverteidigung ist nach Meldungen von Übergriffen in U-Bahn-Stationen allgegenwärtig. Das Landeskriminalamt gibt Tipps.

Kann das Risiko eines Angriffs vermindert werden?
Menschenleere, dunkle Gassen, Bahnsteige oder nicht überwachte Tiefgaragen meiden. Selbst wenn der Weg weiter ist: gut beleuchtete und belebte Straßen suchen. In Bus und Bahn sich in die Nähe vertrauensvoll aussehender Menschen setzen, anstatt sich alleine niederzulassen. Ansonsten platziert man sich in Fahrernähe. Noch sicherer ist natürlich ein Taxi. „Für Frauen, die nachts alleine unterwegs sind, bezuschussen einige Verkehrsbetriebe das Taxi von der Bahn nach Hause,“ weiß Pressesprecher Ulrich Heffner der Polizei Baden-Württemberg. Generell schützt Ausgehen in Gruppen. Um Gefahrensituationen gleich zu erkennen, sollte man alles meiden, was die Aufmerksamkeit stört. Wer Kopfhörer aufhat, auf das Smartphone starrt oder sichteinschränkende Kapuzen trägt, bemerkt Angreifer schlechter.
Was taugen Pfefferspray und andere Verteidigungswaffen?
Die Polizei rät von einer Schutzbewaffnung ab. Man kann sich selbst bei der Verteidigung damit verletzen, und dem Täter eine zusätzliche Waffe liefern, mit der er sein Opfer malträtieren kann.
Wie sinnvoll sind Selbstverteidigungskurse?
Grundsätzlich schon. Aber einige Griffe zu kennen, rettet in Notsituationen nicht. Um sich erfolgreich zu verteidigen, muss man regelmäßig und länger trainieren und das eigene Selbstbewusstsein stärken. Möglichst nach Kursen suchen, die mit der Polizei oder bundesweit bekannten Opferschutzeinrichtungen zusammen arbeiten.
Was nutzen Sicherheit-Apps?
Sicherheit-Apps sind im akuten Fall keine Hilfe. Nach Erfahrung der Polizei suchen die Täter sich ihre Opfer meist gezielt aus. „Wegen einer App werden sie sich von einem Angriff nicht abhalten lassen“, so der Polizeisprecher Heffner. Und Apps sind abhängig von der Qualität des Handyempfangs, Akkuleistung und GPS. Sie können im Notfall versagen. Aber wer Angst auf dem Heimweg hat, kann für das eigene Sicherheitsgefühl auf eine App zurück greifen oder einen Bekannten anrufen, um sich auf dem Heimweg mit ihm unterhalten.
Was tun, wenn man angegriffen wird?
Wichtig ist: sich nicht provozieren lassen, nicht diskutieren, sondern die Gefahrenzone verlassen. Klappt das nicht, sollte man andere auf sich aufmerksam machen. Also laut um Hilfe rufen oder jemanden direkt ansprechen: „Sie in der roten Jacke, bitte rufen Sie die Polizei.“ Oder auch direkt um Schutz bitten. Außerdem den Täter nie duzen, sondern siezen. Das schafft Distanz und signalisiert Außenstehenden: Man kennt den Täter nicht, es ist kein privater Streit. Passanten haben oft Hemmungen, sich einzumischen, wenn es nach einem Zwist zwischen Bekannten aussieht. Hilft auch das nicht und der Täter greift an, heißt es, sich zu wehren. Mit allem, was zur Verfügung steht: Kratzen, Beißen, Treten, Schlagen.
Was tun, wenn man Zeuge von Gewalt ist?
Hier gilt: helfen, ohne sich selbst zu gefährden. Es nutzt niemandem, wenn man mit dem Ursprungsopfer gemeinsam zusammengeschlagen wird. Zum einen die Polizei rufen, dann andere ansprechen und sich geschlossen gegen den oder die Täter stellen. Zudem sollte man sich Merkmale des Täters genau einprägen. So kann man der Polizei später als Zeuge weiterhelfen. Auch wenn der Angreifer die Tat nicht vollenden konnte oder man keine Angaben zum Täter machen kann, ist eine Anzeige wichtig.
Was sollten die Opfer tun?
Wer Opfer einer Gewalttat wurde, sollte sofort bei der Polizei Anzeige erstatten. Spuren des Täters lassen sich oft nur unmittelbar nach der Attacke sichern. Auch wenn der Angreifer die Tat nicht vollenden konnte, weil er zum Beispiel von Passanten gestört wurde oder auf zu heftige Gegenwehr stieß, ist eine Anzeige wichtig. Ebenfalls nicht zögern, wenn man keine Angaben zum Täter machen kann. Jede Anzeige hilft der Polizei, neue Tatbegehungsweisen und örtliche Schwerpunkte zu erkennen, um das Risiko künftiger Straftaten zu senken. Außerdem kann sie Schutz bieten, falls das Opfer sich auch nach der Tat noch in Gefahr befindet, wie zum Beispiel bei häuslicher Gewalt.
Was tun, wenn der Täter einen weiterhin ­bedroht?
„Nicht einschüchtern lassen“, raten Experten. Wichtig ist es, mit einer Vertrauensperson darüber sprechen. In jeder Gewaltsituation sollte man sich Hilfe suchen. Das kann auch gegen das Ohnmachtsgefühl helfen, nach dem Angriff für die eigene Sache aktiv zu werden. Opfern stehen Beratungen und finanzielle Hilfen zur Verfügung. In der Online-Datenbank für Betroffene von Straftaten ODABS stehen zahlreiche Kontaktadressen von Opferhilfen: www.odabs.de. Ebenfalls Hilfe bietet die Organisation Weißer Ring, weisser-ring.de, der sich ebenfalls um Opfer jeglicher Straftaten kümmert. Auf der Seite des Bundesjustizministeriums stehen Links zum Herunterladen von Faltblättern mit Tipps für Opfer von Gewalttaten: www.bmjv.de.
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