Ein paar Büsche machen noch keinen Wald: Justin Timberlake mimt auf den Fotos zu seinem Album „Man of the Woods“ den Landmann. Foto: Sony

Justin Timberlake inszeniert sich neuerdings gerne als echter Kerl vom Lande – mit Flanellhemden, ausgebeulten Jeans und dick gefütterten Mantel. Seiner neuen Platte, „Man of the Woods“, hört man das nicht wirklich an.

Stuttgart - Seinen ersten Auftritt hat er in einer schwülheißen Sexszene in einem dunklen Schlafzimmer, bei der er zum knurrigen Elektrofunkbass von „Filthy“ schnell zur Sache kommt. Später tanzt er sich als Retro-Soul-Cinderella in dem Mittsommernachtstraum „Midnight Summer Jam“ die Füße wund, feiert in „Wave“ eine entspannte latin-aufgeladene Strandparty, mimt an der Seite von Alicia Keys in der Schmonzette „Morning Light“ den altmodischen Crooner, albert in „Sauce“ ein bisschen mit Bubblepop herum und verrät nebenbei, was der Unterschied zwischen Soße und Saft, zwischen Pink und Purpur ist. Er seufzt, schwärmt, jauchzt. Business as usual also im Popuniversum des Justin Timberlake, der immer schon ein wunderbar-kunterbuntes Durcheinander der Stile liebte und wie ein ADHS-Kind R’n’B aufmischte.

Ein R’n’B-Album mit Westernfransen dran

Ein bisschen Verwirrung richtet das neue Album „Man of the Woods“ trotzdem an. Auf dem Cover inszeniert sich Timberlake, der am 31. Januar 37 Jahre alt geworden ist, nämlich nicht mehr als eleganter Anzugträger, sondern als hemdsärmeliger Naturbursche, der Flanell-Shirts, verwaschene Jeans, abgewetzte Stiefel und dick gefütterte Jacken trägt – ein Typ aus einer Pastorale, der zwischen Wildpferden, Pick-up-Trucks und Maisfeldern posiert und am Lagerfeuer in der Einsamkeit der Wälder besser aufgehoben ist als in schicken urbanen Partyzonen.

Doch „Man of the Woods“ ist nicht die kernig-grobe Countryplatte, als die sie einem verkauft werden soll. Justin Timberlake, der am Wochenende auch in der Halbzeitpause des Super Bowl auftreten wird, hat sich in den 16 Songs nicht wirklich als Cowboy neu erfunden, sondern ein R’n’B-Album gemacht, an dem ein paar Westernfransen baumeln.

Mit dabei: Danja, Timbaland und Pharrell Williams

Das liegt natürlich auch daran, dass sich Timberlake einmal mehr auf die Produzenten verlassen hat, die ihm den Soundtrack seiner Karriere maßgeschneidert haben, seit er Anfang dieses Jahrtausends seine Boygroup-Vergangenheit bei N’Sync hinter sich ließ: Danja, Timbaland und Pharrell Williams. Wie der sensationelle Vorgänger „The 20/20 Experience“ (2013) ist auch „Man of the Woods“ eine großartige, mit verwirrender Tiefenschärfe arrangierte und einer erstaunlichen Detailfülle ausgestattete, üppig verzierte R’n’B-Platte. Die Country- und Folkelemente, die in den Songs durchaus zu finden sind, bleiben wie das Naturburschen-Outfit in den Fotos letztlich nur coole Accessoires.

Wertkonservative Ode auf die Kleinfamilie

Da darf der Country-Rebell Chris Stapleton in „Say Something“ einen etwas roheren Ton einbringen, der Beat von „Supplies“ wird von Rodeokommandos angetrieben, in „Flannel“ mümmelt sich eine R’n’B-Ballade in ein Folkmäntelchen ein, durch den Titelsong „Man of the Woods“ gleitet eine Steel-Guitar. Und obwohl „Young Man“, der Song mit dem das Album endet, sich musikalisch als leichtgewichtige, mit smarten Beats verzierte Popnummer erweist, macht Timberlake darin nicht mehr auf Partylöwe sondern auf Kleinfamilie, singt über und für seinen Sohn Silas und trifft endlich auch textlich mit seinen väterlichen Tipps den wertkonservativen Ton des Countrygenres.

Justin Timberlakes Album „Man of the Woods“ (Sony) ist am 2. Februar erschienen.

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