Viele Pendler weichen am Warnstreiktag auf die S-Bahnen aus, doch auch die liefen wegen einer Signalstörung nicht rund. Foto: Lichtgut/Max Kovalenko

In Stuttgart werden heute nicht nur Bahnen und Busse, sondern auch Kitas und Ämter bestreikt – viele Beschäftigte gehen nicht zur Arbeit. Betroffene Fahrgäste und Eltern haben Verständnis, stehen jetzt aber auch vor Problemen.

Stuttgart - 7.45 Uhr: Die Zwischenebene am Arnulf-Klett-Platz ist am frühen Donnerstag noch belebter als beim Warnstreik in der vergangenen Woche. Der Stillstand bei Bus und Bahn der SSB trifft am zweiten Streiktag noch mehr Pendler, denn auch bei den S-Bahnen gibt es an diesem Morgen einige Probleme. Aufgrund einer Signalstörung müssen die Linien S1, S2 und S3 zwischen den Stationen Schwabstraße und Vaihingen umgeleitet werden, teilt ein Sprecher der S-Bahn Stuttgart mit: „Die Techniker sind aber mit Hochdruck draußen und arbeiten dran.“ In Stuttgart hat die Gewerkschaft Verdi am Donnerstag nicht nur die Beschäftigten der SSB, sondern auch der gesamten Stadtverwaltung und ihren Einrichtungen zum ganztägigen Warnstreik aufgerufen. 97 Kitas sind komplett geschlossen, 43 weitere teilweise. Auch elf Schülerhäuser sowie 14 Ganztagsschulen beteiligen sich am Streik. Viele Beschäftigte gehen nicht zur Arbeit. Betroffene Fahrgäste und Eltern haben Verständnis, stehen jetzt aber auch vor Problemen.

Schüler kommen zu spät, haben aber Verständnis

Am Hauptbahnhof steht eine Gruppe von Schülern der Hedwig-Dohm-Schule am Zugang zu den Stadtbahnen. Einige sind mit ihren Smartphones beschäftigt, andere unterhalten sich miteinander. „Wir müssen eine halbe Stunde zur Schule laufen. Mit der Bahn wären das nur drei Minuten“, sagt eine Schülerin. „Jetzt kommen wir eben zu spät. Am Morgen ist das natürlich nervenaufreibend.“ Ein Klassenkamerad fügt hinzu: „Wenn die SSB streikt, merkt man erst, wie viele Menschen auf die Bahnen angewiesen sind. Ich finde es gerade ein bisschen viel, aber eigentlich ist der Streik auch berechtigt.“ Eine Schülerin entgegnet: „Das ist bestimmt ja auch kein leichter Job, bei der SSB zu arbeiten. Gerade weil so viele Leute damit fahren.“ Die Gruppe wartet noch einige Minuten an der Treppe auf weitere Klassenkameraden. Wenn sie in der Gruppe gehen würden, komme immerhin die ganze Klasse etwas später, sagen sie.

„Dass die Bahnen nicht fahren, ist natürlich Mist“

„Ich komme jetzt gar nicht gut weiter. Von dem Streik habe ich vorher auch nichts mitbekommen“, sagt Jessica Roth. Die Fremdsprachenassistentin hat die Streikankündigung übersehen: „Ich muss in Richtung Degerloch. Ein paar Busse fahren ja vielleicht, aber es ist einfach unübersichtlich.“ Die Neu-Stuttgarterin muss nun erst mal planen, wie sie zur Arbeit kommt: „Ich verstehe schon, dass gestreikt wird. Aber wir als Nutzer haben jetzt natürlich ein Problem.“ Ein wenig orientierungslos geht Siegrun Wagner in Richtung S-Bahn: „Das die Bahnen nicht fahren, ist natürlich Mist. Ich bin nur Gelegenheitspendlerin und habe das nicht mitbekommen. Jetzt stehen wir hier alle ganz bedröppelt.“ Die Frau versucht nun, mit der S-Bahn und dem Taxi zur Arbeit zu kommen. „Dieser Streik betrifft jetzt ganz viele. Ich weiß nicht, ob das unbedingt sein muss“, sagt die Mitarbeiterin eines Verlags.

Ein Fahrgast fährt E-Roller, eine SSB-Kundin streikt mit

Der Fahrgast Matthias Stier hat vor, auf einen Elektro-Tretroller umzusteigen: „Ich muss zur Uni nach Vaihingen. Damit bin ich dann vielleicht eine halbe Stunde unterwegs, mal sehen, wie das wird.“ Es habe dieses Jahr „schon genug Pause gegeben“, findet der Wissenschaftler und Unternehmer: „Jetzt sind die Eltern wieder mehr belastet, weil neben der Bahn auch die Kitas streiken.“ Vor dem Eingang zum Hauptbahnhof steht Babett Rinkert und raucht eine Zigarette. „Ich warte hier auf meine Kollegen, dann gehen wir gemeinsam zur Kundgebung.“ Die Pflegekraft ist an diesem Morgen nicht nur vom Streik des Nahverkehrs betroffen, sondern streikt auch selbst. „Es muss gestreikt werden. Wir müssen ein Zeichen setzen – sonst tut sich nichts“, findet Rinkert. „Die Fahrer streiken, weil es nur etwas bringt, wenn es weh tut. Das machen wir nicht aus Willkür. Durch Corona haben wir alle mehr geleistet und mit dem Applaus aus dem Frühjahr kann ich mir auch kein Brot kaufen“, sagt die Pflegekraft.

Auch Mitarbeiter der Stadtverwaltung streiken

Auf den Treppen des Stuttgarter Rathauses stehen an diesem Morgen einige Mitarbeiter der Stadt. Sie tragen die typische „Streik-Uniform“ der Gewerkschaft Verdi über ihren Jacken. Mit diesem auffälligen Plastik-Überzug gekleidet, verteilen sie Flugblätter an vorbeilaufende Passanten und weitere Mitarbeiter der Stadt, die nicht streiken. „Wir haben bisher keine Bemerkungen von den Leuten gehört. Es gibt vielleicht einige kritische Blicke, aber die meisten sagen uns, dass sie es gut finden, dass wir streiken“, berichtet eine streikende Mitarbeiterin. „Einige kommen auch einfach her und wollen sich informieren“, sagt ihr Kollege: „Die Beamten streiken natürlich nicht. Aber auch hier erfahren wir Zustimmung.“ Ein anderer städtischer Mitarbeiter fügt hinzu: „Unsere Aufregung kommt wegen des Applauses, der am Anfang kam. Wir dachten, jetzt kommt auch mehr Bezahlung – aber da kam nichts.“ Seiner Meinung nach müsse der öffentliche Dienst jetzt zusammenhalten. Den Streikenden gehe es vor allem um prekär beschäftigtes Personal, sagen sie.

„Im Vergleich zum Corona-Lockdown ist das super harmlos“

„Unser großer Sohn ist in einer städtischen Kita, der muss dann betreut werden. Aber es geht, dass ich Zuhause bleibe. Ich habe einfach meine Schicht bei der Arbeit getauscht“, sagt Vanessa Meister. Die Mutter findet: „Im Vergleich zum Corona-Lockdown ist das super harmlos. Ich finde gut, dass die Erzieher streiken. Das zeigt ja, dass man nicht alles mitmachen muss, weil die Erzieher viel zu wenig Geld kriegen. Die haben einen super wertvollen Job und der wird zu schlecht bezahlt. Wenn die mehr Geld bekommen würden, würden sich auch mehr dazu entscheiden den Job zu machen.“ Überrascht ist die Mitarbeiterin im Einzelhandel über den Streik nicht: „Ein paar Tage vorher kam schon eine Mitteilung. Wir wussten Bescheid.“ Eine andere Mutter berichtet: „Also ich habe zwei Kinder im Grundschulalter und die fangen zu unterschiedlichen Zeit an. Sonst bringen wir immer beide zur Schule und ein Kind geht dann ins Schülerhaus der Grundschule“, sagt eine betroffene Mutter. „Heute haben wir beide getrennt zur Schule gebracht und ich musste mir einen halben Tag freinehmen, damit ich beide Kinder abholen kann. Dazu kommt natürlich, dass heute auch keine öffentlichen Verkehrsmittel fahren.“ Die Stuttgarterin fühlt sich vom Streik aber nicht überrumpelt: „Ich muss sagen, in dem Fall wurden wir gut informiert. Wir konnten das gut einplanen. Ich verstehe, dass jeder das Recht hat zu streiken und ich verstehe die Gründe. Da bin ich auch nicht böse, weil es gut kommuniziert wurde.“ Grundsätzlich habe sie keine Probleme mit dem Schülerhaus. „Wir sind sonst mit dem Schülerhaus sehr zufrieden, die sind immer sehr bemüht. Wir gönnen es denen, dass die ihr Recht zum Streik jetzt auch ausüben“, sagt die in Vollzeit arbeitende Mutter.

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