Warnstreik am Flughafen Stuttgart Flughafenchef kritisiert Extremposition

Von Antonio Jung und Josef Schunder 

Warnstreik am Flughafen, wenig los in den Terminals:  Da sind viele Passagiere erst gar nicht zum Flughafen gefahren. Foto: Lg/Piechowski
Warnstreik am Flughafen, wenig los in den Terminals: Da sind viele Passagiere erst gar nicht zum Flughafen gefahren. Foto: Lg/Piechowski

Der Flugbetrieb ist am Donnerstag massiv beeinträchtigt worden. Der Streik des Sicherheitspersonals führte zu längeren Wartezeiten. Flughafenchef Walter Schoefer hat für die Aktion kein Verständnis.

Stuttgart - Gegen 6.26 Uhr postiert sich das Sicherheitspersonal auf einer Empore über der Anzeigetafel für die geplanten Flugzeugstarts. Die Männer und Frauen tragen Fahnen und Westen der Gewerkschaft Verdi, blasen in Trillerpfeifen. Eine Ebene weiter unten blicken Reisende kritisch auf die streikende Menge – und ein bisschen entgeistert auf die Tafel, wo ungefähr jeder zweite Flug als annulliert angezeigt wird. Wegen eines Warnstreiks des Sicherheitspersonals ist es am Donnerstag am Flughafen tatsächlich zu den befürchteten massiven Beeinträchtigungen des Flugbetriebs gekommen.

„Von den geplanten 275 Starts und Landungen wurden 142 gestrichen“, sagt Flughafen-Sprecherin Beate Schleicher. Dem Flughafen seien rund 13 000 von etwa 25 000 Passagieren verloren gegangen. Den Tag über ist nur die Sicherheitskontrolle an Terminal 3 geöffnet. Daher werden die Passagiere auf längere Wartezeiten eingestimmt. Anfangs sind es dann tatsächlich nur zwei bis neun Minuten, später jedoch bis zu 32 Minuten.

Mancher Fluggast zeigt sich überrascht

Die Gewerkschaft Verdi hatte das Sicherheitspersonal an den Flughäfen Düsseldorf, Köln/Bonn und Stuttgart in den Ausstand gerufen. Es sind Beschäftigte bei privaten Dienstleistern im Auftrag der Bundespolizei. 60 Prozent davon seien auch tatsächlich nicht zur Schicht angetreten, sagt Verdi-Mitglied Roberto Di Benedetto (42) am Donnerstag im Terminal. Er hoffe auf Sympathie und Zustimmung der Fluggäste, da es ja um ihre Sicherheit gehe.

Kuno Hamm ist erst einmal überrascht. Der Projektleiter eines Unternehmens in der Region hat auf der Anfahrt zum Flughafen vom Streik gehört. Auch sein Flug ist gestrichen. Der 46-Jährige wollte beruflich via Graz nach Slowenien. Dort wartet ein Kunde auf ihn. „Dieser Kunde, der mit dem Streik nichts zu tun hat, ist jetzt der Leidtragende“, sagt Hamm. Viele andere betroffene Fluggäste tauchen gar nicht am Flughafen auf, denn einige Airlines haben ihre Flüge schon am Mittwoch abgesagt. Das ist der Grund dafür, dass es in den Terminals fast schon gespenstisch still und leer ist.

Sandra Hunker (38) musste wegen des Streiks vier Stunden früher aufstehen. Ihr Flug nach Teneriffa wurde, wie alle Flüge von Tuifly, zum Flughafen Karlsruhe/Baden-Baden verlegt. Dorthin soll es nun per Bus gehen. Sie hat dennoch Verständnis: „Ich habe selbst schon gestreikt und dadurch eine Tariferhöhung erreicht.“ Durch den Streik nehme man die Bedeutung des Sicherheitspersonals wahr, dessen Arbeit sonst als selbstverständlich gelte. Dagegen meint Helga Fricke (63). „Der Streik sollte nicht auf Kosten der Fluggäste sein.“ Die Fortsetzung könne man trotzdem nicht ausschließen, sagt der Verdi-Mann Roberto Di Benedetto. Denn der Tarifstreit dauert an. Verdi fordert gegenüber dem Bundesverband der Luftsicherheitsunternehmen einheitliche Stundenlöhne von 20 Euro bei der Passagier-, Fracht-, Personal- und Warenkontrolle.

Struktur Tarifvertrag erschüttert?

Dafür hat Flughafenchef Walter Schoefer kein Verständnis. Die Gewerkschaften bezögen mit der Forderung nach Lohnsteigerungen um 17 bis mehr als 40 Prozent eine Extremposition, sagt er am Streiktag: „Das passt nicht in die Zeit und erschüttert die Struktur des Tarifvertrags Öffentlicher Dienst in seinen Grundfesten.“ Schon im Dezember hatte Schoefer kritisiert, hier würden für Mitarbeiter mit sechs- bis achtwöchiger Ausbildung Löhne gefordert, wie sie in anderen Bereichen erfahrene Beschäftigte mit dreijähriger Fachausbildung erhielten oder Ingenieure (FH) beim Start ins Berufsleben. Der Streikaufruf verärgerte ihn weiter. „Mein Groll ist noch gewachsen“, gesteht Schoefer.

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