Die afghanische Hauptstadt bereitet sich auf die bevorstehenden Parlamanetswahlen am 22. Oktober vor. Unverhältnismäßig viele Kandidaten betreiben mit Plakaten Wahlkampf. Foto: AFP

Aus Furcht vor den Taliban haben viele Politiker ihre Heimat verlassen und sind in die Hauptstadt gezogen. Bei den Wahlen am Samstag kämpfen nun 2500 Kandidaten um 33 Sitze im Parlament – Angst vor Ausschreitungen in der Haupstadt.

Kabul - Kabul droht der Verkehrsinfarkt. In der von Autolärm geplagten Hauptstadt Afghanistans scheint es nur noch eine Straße zu geben, in der paradiesische Ruhe zu herrschen scheint. Es befindet sich in der Nähe des Parlaments und wird stark bewacht, es ist das stattliche Anwesen des Parlamentsabgeordneten Abdul Rahim Ayobi. Die schwer bewaffnete Schutzmannschaft des 38-jährigen Politikers verweilt seelenruhig zwischen bunten Wahlkampfplakaten. Der Paschtune aus der südafghanischen Stadt Kandahar gehört zu einer neuen Sorte politischer Flüchtlinge am Hindukusch. Sie verdanken ihre Niederlassung in der Hauptstadt den bevorstehenden Wahlen am 20. Oktober.

Er ist aus seiner Heimat geflohen. „Wir trauen dem Polizeichef Abdul Raziq in meiner Heimatstadt nicht über den Weg“, sagt Ayobi in seinem mit schweren Polstermöbeln vollgestopftem Büro, „deshalb trete ich diesmal in Kabul für die Wahl an.“ Kandahars gefürchteter Polizeichef geht mit eiserner Hand gegen die radikalislamischen Talibanmilizen vor. Aber dem engen Verbündeten des seit 2014 amtierenden Präsidenten Ashraf Ghani wird nachgesagt, mit harter Hand Kritikern des Staatsoberhaupts das Leben schwer zu machen.

Viele Abgeordnete werden von Taliban bedroht

Die Taliban drohen im ganzen Land, den Urnengang zu sabotieren. Von allen Seiten der 34 Provinzen kommt politischer Druck auf die Abgeordneten. Daher such sie ihr Glück in Kabul. Die Hauptstadt hat sich zu einem wahren Tummelplatz ehrgeiziger Parlamentskandidaten entwickelt. Es ist die dritte Parlamentswahl des Landes seit der Vertreibung der Talibanmilizen aus Kabul im Jahr 2001. Von den 2500 Kandidaten rangeln rund 800 um die 33 Parlamentssitze, die in der Metropole vergeben werden. Neun gehören zu den landesweit 69 Sitzen, die für Frauen reserviert sind. Laut Wahlkommission sind von den knapp neun Millionen registrierten Wählern etwa drei Millionen Frauen.

Dass Afghanistans zukünftige Volksvertreter nach Kabul kommen hat weitere Gründe. Zum einen flüchten sie vor Krieg und Einschüchterung durch Taliban und konkurrierende Politiker. Ein weitere Grund ist, dass sich Männer wie Ayobi in der Hauptstadt nicht vor der hohen Zahl schwerreicher Geschäftsleute, die ins Parlament drängen, fürchten müssen. Ihre Chancen ins Parlament zu kommen, sind auch ohne Geld gut. „Wegen der hohen Kandidatenzahl genügen in Kabul vielleicht etwas mehr als 4000 Stimmen, um gewählt zu werden“, sagt er mit verschmitztem Lächeln, „in Kandahar würde ich 10 000 bis 14 000 Stimmen benötigen.“ Für einen Erfolg benötigt der Politiker auch Stimmen aus dem Lager der schiitischen Hazaras und der stark vertretenen Tadjiken-Minderheit. „Wir brauchen Einheit“, propagiert der Paschtune Ayobi, Er sitzt seit 2010 im Parlament.

Wenn man Ayobis Anwesen verlässt führt ein paar Straßenzüge weiter ein gepflegter roter Teppich die Treppenstufen zum Haus der bisherigen Parlamentarierin Fawzia Koofi hoch. Die 1975 geborene Mutter von zwei Töchtern veröffentlichte ein Buch mit dem Titel „Die Lieblingstochter: Der Kampf einer Frau, um Afghanistan in die Zukunft zu führen“ und fungierte nach dem Jahr 2014 zwischenzeitlich als Vize-Präsidentin des Parlaments. Dem nächsten Parlament wird die Politikerin aus der Badakhshan-Provinz jedoch nicht angehören.

Auch eine Frau gilt als Anwärterin für die Leitung der Opposition

Sie ist die Schwester des Chefs der Grenzpolizei an der Grenze zu Tadschikistan. Ihre Heimat gilt als Schmuggelhocburg. Sie wurde daher als Abgeordnete disqualifiziert. „Das war eine politische Entscheidung“, sagt die wortgewaltige Politikerin, während ein Diener frische Feigen aus der Stadt Herat im Empfangszimmer mit Marmorwänden serviert. „Der Geheimdienst und das Innenministerium behaupten, sie hätten Beweise für meine Verwicklung in illegale Machenschaften. Aber sie wollen sie nicht vorlegen.“

Koofi glaubt trotz ihrer Diaqualifizierung an eine rosige politische Zukunft. „Niemand redet mehr über die Parlamentswahlen“, sagt sie, „alle spekulieren schon über die Präsidentschaftswahlen im kommenden Jahr.“ Koofi ist überzeugt, dass sie als Frau eine führende Rolle in einer Allianz gegen den amtierenden Präsidenten Ghani spielen wird.

„Die Parlamentswahl kann nicht einmal als Gradmesser für die Präsidentschaftswahl im kommenden Jahr dienen“, urteilt Mohammed Amin Karim. Er ist ein enger Gefolgsmann des Kriegsfürsten Gulbuddin Hekmatyar, dem Chef der früheren Untergrundtruppe Hezb-i-Islami. „Keine Parteien dürfen antreten und Kandidaten müssen sich einzeln bewerben müssen.“ Der Veteran des afghanischen Konflikts glaubt nicht einmal, dass die offiziellen Wahlergebnisse schnell verkündet werden: „Wenn man jedem der 800 Kandidaten in Kabul eine Gefolgschaft von je 100 Leuten zurechnet, gibt es nach dem Wahlergebnis mehr als 750 Kandidaten, die verloren haben und ihre Sympathisanten auf der Strasse mobilisieren können. Die Regierung kann einem solchen Protest nicht aushalten.“

In Kabul treten zwei Brüder gegeneinander an

Ein zögernde Verkündung einzelner Resultate dürfte sich auch positiv auf den Zusammenhalt von Karims eigener Gruppe „Hezb-i-Islami“ auswirken. Ihr droht ein Bruderkampf im wahrsten Sinne des Wortes. Denn in Kabul treten zwei Söhne von Kriegsfürst und Hezb-i-Islami Chef Gulbuddin Hekmatyar gegeneinander an.

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