Sommerfest statt Hocketse – auch darüber hat es Streit gegeben. Foto: Lichtgut/Michael Latz

Der Geschäftsführer der Stuttgarter Aids-Hilfe soll mehreren Personen verboten haben, sich für den Verein ehrenamtlich zu engagieren, auch Mobbingvorwürfe werden laut. Was steckt dahinter?

Stuttgart - In der Stuttgarter Aids-Hilfe hängt der Haussegen mächtig schief. Es gibt Mobbingvorwürfe, Konflikte im Team, mit ehemaligen Mitarbeitern, mit gleich mehreren Ehrenamtlichen, die nicht mehr für die Aids-Hilfe tätig werden dürfen, mit Klienten. Mittendrin steht der Geschäftsführer des Vereins. Mehrere Mitarbeiter haben in jüngerer Vergangenheit gekündigt, zwei sind langfristig aus psychischen Gründen krank geschrieben. „Es ist schon so, dass ein Riss durch die Aids-Hilfe geht“, räumt Franz Kibler freimütig ein. Der Geschäftsführer berichtet von einem Richtungsstreit über die Aufgabe und Entwicklung der Stuttgarter Aids-Hilfe.

Kibler ist davon überzeugt, dass die Institution heute anders arbeiten muss als früher. Öffentlichkeitsarbeit, Events würden immer wichtiger. Prävention mache 80, Klientenarbeit 20 Prozent der Arbeit aus. „Es geht darum, Infektionen zu vermeiden“, sagt er und weist auf 60 bis 70 Neudiagnosen im Jahr hin. Ein Teil des Teams habe das nicht verinnerlicht. Seit 20 Jahren kümmerten sie sich um die gleichen Klienten, da hätten sich „symbiotische Verhältnisse“ gebildet, kritisiert er.

Keine Weihnachtsfeier für die HIV-positiven Klienten mehr

Das Eventmanagement nehme zu viel Raum ein, Sozialarbeit gerate in den Hintergrund, klagen passend dazu ehemalige Mitarbeiter. Sie werfen Kibler vor, Klienten abfällig zu behandeln. E-Mails, die dieser Zeitung vertraulich zugespielt wurden, sind tatsächlich in einem ausgesprochen harschen Tonfall geschrieben. „Mir wird unterstellt, ich bin der Herzlose, weil ich zur Unabhängigkeit motivieren will“, sagt wiederum Kibler. Die Weihnachtsfeier für die Klienten abzuschaffen und stattdessen einen Weihnachtsball zu Gunsten der Aids-Hilfe zu veranstalten sei bei einem Teil der Klienten nicht gut angekommen, räumt er ein – umstritten war auch die Entscheidung, die Hocketse nach der CSD-Parade abzugeben und dafür ein Sommerfest zu veranstalten. „Wir haben aber auch Klienten, die den Weg mitgegangen sind“, sagt der Geschäftsführer. Er behauptet, niemand zu sein, „der offensiv jemanden angeht.“ Konfrontiert mit einer eigenen E-Mail, sagt er: „Der Tonfall war mir gegenüber auch nicht immer ganz nett.“ Als er vor zwölf Jahren zur Aids-Hilfe kam, habe diese kurz vor der Pleite gestanden – er habe sie finanziell saniert.

Ex-Ehrenamtlicher klagt, „in Sippenhaft“ genommen zu werden

Karl-Heinz Schröder findet hingegen, dass der Verein kaputt gemacht wird. Er fühlt sich „in Sippenhaft“ genommen, weil sein Mann Betriebsrat bei der Aids-Hilfe ist. Zwanzig Jahre lang war Schröder ehrenamtlich bei dem Verein engagiert, hat an Infoständen gestanden, ist als Hase, Engel oder Nikolaus verkleidet durch Kneipen und über Veranstaltungen gezogen, um für die Aids-Hilfe Spenden zu sammeln. Stets an seiner Seite: sein Mann. Im Sommer 2016 sei ihm Ehrenamtsverbot erteilt worden, ohne Angabe von Gründen. Schröder beschwerte sich beim Vorstand – ohne Rückmeldung.

Ähnlich ist es bei einer ehemaligen Mitarbeiterin gelaufen. Die Sozialarbeiterin, die anonym bleiben will, hatte die HIV-Schnell-Tests als Hauptamtliche mitbetreut und wollte das ehrenamtlich nach ihrer Kündigung weiter machen. Sie stellte einen Antrag auf Mitgliedschaft, genauso tat es ihr Mann. Die Anträge wurden ohne Begründung abgelehnt, zudem wurde jeweils ein Hausverbot ausgesprochen: in den Räumen und bei Veranstaltungen der Aids-Hilfe, wo diese das Hausrecht habe. Die Frau glaubt, dass der Geschäftsführer Angst vor kritischen Nachfragen gehabt habe. Dieser Zeitung sind noch zwei weitere Fälle bekannt, in denen ein Ehrenamtsverbot ausgesprochen wurde.

Zwei Vorstände legen ihre Ämter nieder

Kibler sagt zum Fall der Sozialarbeiterin, dass man aufgrund des vorher bestehenden Konflikts davon ausgegangen sei, dass sie den Antrag gestellt habe, um „Unfrieden reinzubringen“. Im Fall von Karl-Heinz Schröder bestätigt er einen Konflikt mit dessen Gatten. Gestört habe ihn, dass beide stets gemeinsam aufgetreten seien, dass der Ehrenamtliche seinen Mann sogar zu Selbsthilfegruppentreffen begleitet habe. Warum er Schröder keine Begründung geliefert hat? „Das hätte ich tun können, es war mir einfach zu viel“, räumt Kibler ein.

Er klingt müde, als er mit den ganzen Vorwürfen konfrontiert wird. „Mir liegt wirklich viel an dem Thema“, sagt er und berichtet von einer 60-Stunden-Arbeitswoche. Jetzt scheinen die Konflikte auch Vorständen zuviel zu werden. Zwei der drei Vorstände wollten aufgrund der „Spannungen“ ihre Ämter niederlegen, berichtet Kibler.

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