Schule wird für die Kinder immer mehr zu einem Lebensraum. Foto: dpa

Durch eine Befragung will die Stadt ermitteln, was eine gute Ganztagsschule ausmacht und was verbessert werden sollte. Der Schulbeirat ist sich einig: Mischklassen mit Halbtags- und Ganztagskindern seien kontraproduktiv.

Stuttgart - Wie gut funktionieren Stuttgarts Ganztagsgrundschulen? Was macht ihre Qualität aus, wo und wie sollte noch nachgebessert werden? Dies will Bildungsbürgermeisterin Isabel Fezer (FDP) durch zwei wissenschaftlich begleitete Befragungen ermitteln lassen. Darin soll zum einen der Betreuungsbedarf von Kita-Eltern mit Blick auf die Grundschule ermittelt werden. Zum anderen sollen die Erfahrungen der verschiedenen Beteiligten in den bestehenden Ganztagsschulen erhoben werden – also neben den Eltern auch von Kindern, Lehrern und Sozialpädagogen.

Für die Studie, die in Kooperation mit dem Statistischen Amt der Stadt durchgeführt werden soll, wird für ein Jahr ein Wissenschaftler beschäftigt – für 80 000 Euro. Die Gesamtkosten – 125 000 Euro – finanziert die Abteilung Bildungspartnerschaft. Nach der Sommerpause 2017 soll über erste Ergebnisse berichtet werden.

Bildungsbürgermeisterin bekennt sich klar zur gebundenen Ganztagsschule

Im Schulbeirat, zu dem auch der Jugendhilfeausschuss eingeladen war, warb Schulbürgermeisterin Isabel Fezer (FDP) für das Vorhaben: „Wir müssen uns das Funktionieren der Ganztagsschulen genauer angucken.“ Seit 1. August ist sie als Bürgermeisterin auch für Schulen zuständig. Im Interview mit dieser Zeitung hatte sie sich klar zur verbindlichen Ganztagsschule nach dem Stuttgarter Modell und zu dem diesbezüglichen Gemeinderatsbeschluss bekannt und nun auch vorgeschlagen, die musikalischen Angebote auszuweiten. Veränderungen, so Fezer, sollten „nicht ins Blaue hinein, sondern auf Basis einer soliden Datenerhebung“ erfolgen. Derzeit befinden sich 49 der 72 Grundschulen im Ganztagsbetrieb – allerdings in unterschiedlichen Stadien und mit unterschiedlichen rechtlichen und logistischen Rahmenbedingungen. Auch die sozialpädagogischen Träger in den Ganztagsschulen – Evangelische Gesellschaft, Caritas und Jugendhaus gGmbH – hatten die Einführung eines Qualitätsmanagements gefordert. Die Bürgermeisterin erhielt für ihr Vorhaben von Schulbeirat und Jugendhilfeausschuss Zuspruch, musste sich aber auch vielen Fragen stellen. Erwartungsgemäß plädierten die CDU-Stadträte Fred-Jürgen Stradinger und Iris Ripsam für mehr Flexibilisierung bei der Betreuung – und somit für eine Aufweichung der Ganztagsschule. Sie forderten, Schülerhäuser, die eigentlich nur als Übergangslösung zur Ganztagsschule gedacht sind, als Dauerlösung beizubehalten – doch damit standen sie allein.

Zuspruch auch vom Gesamtelternbeirat

„Wär’s nicht besser, das Geld statt in eine Studie in Aufklärung der Eltern zu stecken?“, gab Gabriele Nuber-Schöllhammer (Grüne) im Blick auf die rhythmisierte Ganztagsschule zu bedenken. Von der von ihrem Parteifreund Vittorio Lazaridis im Sommer ins Spiel gebrachten Halbtagsschule mit Betreuung bis 17 Uhr war seitens der Grünen keine Rede mehr. „Bitte nicht wieder alles aufmachen“, sagte Nuber-Schöllhammer. Sie regte an, die Elternbefragung nicht nur per Fragebogen zu machen, sondern persönlich, um so alle zu erreichen. Aber die Schule als Lebensraum müsse „in erster Linie den Kindern gerecht werden, nicht den Eltern“. Dem schlossen sich auch Marita Gröger und Judith Vowinkel (beide SPD) an. Auch Sabine Wassmer vom Gesamtelternbeirat bat darum, das Schülerhaus nicht als Dauerprovisorium zu etablieren.

Uwe Heilek, Geschäftsführender Leiter der Grundschulen, gab zu bedenken: „Für Kinder hat Verlässlichkeit oberste Priorität – das mag für Eltern anders aussehen, die vielleicht größtmögliche Flexibilität wollen.“ Rhythmisierung könne aber „nur gelingen, wenn es über die Jahre einen verlässlichen Rahmen gibt“, so Heilek.

Mischklassen „pädagogisch nicht sinnvoll“ – Stadt fordert Nachbesserung vom Land

Doch genau dieser fehlt in der vom Land vorgegebenen Konzeption. Demnach können in Schulen, die sowohl Halb- als auch Ganztag anbieten, die Kinder jedes Jahr switchen. Wegen begrenzter Lehrerressourcen wurden an sechs dieser Schulen 32 Mischklassen gebildet, in denen Halbtags- und Ganztagskinder sitzen – für Heilek „pädagogisch nicht sinnvoll“. Schulamtsvize Matthias Kaiser sowie Fezer stimmten ihm zu. „Da ist das Land in der Pflicht“, so Fezer. Es gebe diesbezüglich bereits einen Brief der früheren Schulbürgermeisterin Eisenmann (CDU) ans Kultusministerium: „Auf dessen Antwort warten wir noch.“

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