Standtortleiter von PwC in Stuttgart: Marcus Nickel Foto: Frank Blümler, Frankfurt

Wie geht es mit dem Unternehmertum im Land weiter, wenn extreme Parteien bei der Europawahl gut abschneiden? Das treibt viele Firmen, darunter PwC, um. Marcus Nickel, der Stuttgarter Standortleiter der Wirtschaftsprüfer, positioniert sich hier klar.

Ein Merkmal der diesjährigen Europawahl sind die zahlreichen Stimmen aus Wirtschaft und Gesellschaft, die sich vor dem Wahltag am 9. Juni zu Wort melden, um ihre Besorgnis vor einem Rechtsruck zu artikulieren und zur Wahl demokratischer Parteien aufzurufen. Eine dieser Stimmen ist die von Marcus Nickel, dem Stuttgarter Standortleiter der Wirtschaftsprüfungsgesellschaft Pricewaterhouse Coopers GmbH (PwC), die bundesweit 14 000 Mitarbeiter beschäftigt. Am Standort Stuttgart sind es rund 700. Im Gespräch mit unserer Zeitung macht er seine Position öffentlich.

Nickels Anliegen ist es, „die Vorteile der Demokratie und eines gesunden Sozialstaates in einem freien Europa“ ins Bewusstsein zu rufen. Mit Blick auf den Wahlkampf stellt er fest: „Vielen Leuten ist offensichtlich nicht klar, was für eine wegweisende Wahl das werden kann, wenn es in die falsche Richtung geht.“ Es gelte, die Grundrechte zu verteidigen und die wirtschaftlichen Freiheiten, „die eine wichtige Basis für die ökonomische Prosperität darstellen – gerade auch hier in dem wirtschaftsstarken Land Baden-Württemberg“. Ein Teil der Bevölkerung unterschätze völlig, wie wichtig die EU für politische und wirtschaftliche Entwicklungen sei: „Das öffnet populistischer Kritik an der EU-Politik Tür und Tor.“

Der PwC-Manager warnt: Nationale Einschränkungen sind Gift

In Gesprächen mit großen und kleineren Unternehmen, darunter vielen Familienunternehmen, begegnet Nickel „die Sorge vor einem Erstarken extremer Parteien“ – mit negativen Auswirkungen auf die demokratisch verfasste Gesellschaft und auf das Unternehmertum. Für Firmen, die sich im globalen Wettbewerb behaupten müssten, seien nationale Einschränkungen Gift. Die unternehmerischen „Freiheitsgrade“ müssten erhalten bleiben; sie stellten die Grundmauern des wirtschaftlichen Erfolgs dar. Auch sei das Eingebundensein in globale Lieferketten und Wirtschaftskreisläufe für Wohlstand und Arbeitsplätze im Land essenziell. Unternehmen müssten dabei frei agieren können, denn: „Nur durch Geschwindigkeit von Innovationen können wir uns verteidigen.“

Aus Sicht Nickels sind Wirtschaftsthemen im Wahlkampf unterrepräsentiert: „Die Grundkenntnisse der ökonomischen Zusammenhänge werden kaum behandelt.“ Es gehe viel um Wünsche und wenig um die Frage, „wo das Geld herkommt, das man ausgibt, und wie man den Wohlstand in Deutschland und Europa erhalten kann“. Der PwC-Manager warnt: „Wir sind an der Obergrenze der Finanzierbarkeit von Wahlversprechen angekommen.“ Würde dies ignoriert, drohe Deutschland „in einen Abwärtsstrudel zu geraten“. Ziel müsse sein, die Unternehmen im Land zu halten. Diesen Themen sollte insgesamt mehr Aufmerksamkeit geschenkt werden.

„Ausländische Arbeitskräfte werden dringend benötigt“

Der PwC-Standortleiter warnt in dem Zusammenhang vor Beschränkungen des Zuzugs ausländischer Arbeitskräfte: „Das hätte erhebliche nachteilige Effekte auf den Wohlstand Baden-Württembergs.“ Diese Arbeitskräfte würden dringend benötigt – sowohl in hochspezialisierten Berufen als auch bei einfachen Dienstleistungen. Negatives Beispiel sei England, das infolge des Brexits bestimmte Berufsgruppen nicht mehr ins Land gelassen habe. Das dürfe in Deutschland nicht geschehen.

Gleichzeitig plädiert Nickel für eine „klare Zuwanderungsstrategie“, ähnlich, wie sie Kanada praktiziere. Eine „staatlich geregelte Migration, die in europäischem Kontext steht und Menschenrechte abbildet“, würde den etablierten Parteien die Chance eröffnen, „bei dem Thema wieder die Deutungshoheit zu erlangen“ .

Nach Ansicht Nickels verbindet viele Unternehmen „ein gemeinsames Wertegerüst“. Sie hätten dieses in der Vergangenheit häufig jedoch nicht öffentlich kundgetan. Das sei vor der Europawahl am Sonntag anders. Er erinnert daran, dass sich etliche Unternehmen zu einer Demokratie-Initiative zusammengeschlossen hätten. Für ein Unternehmen wie PwC mit einer sehr diversen Belegschaft seien demokratische Werte eine Grundhaltung und das Fundament einer gerechten, inklusiven und nachhaltigen Unternehmenskultur.