Hugo Erwin Balder im Kreis seiner Studioschönheiten: Er hatte die Show-Idee an RTL herangetragen. Foto: imago/teutopress

Vor 30 Jahren startete RTL mit Tutti Frutti die erste Erotikshow im deutschen Fernsehen. Moderiert von Hugo Egon Balder, flimmerte die Premiere am 21. Januar 1990 über die Bildschirme. Es gab nackte Haut und Werbung.

Stuttgart - Es gab sogar Regeln bei dieser Strip-Revue: Irgendwas mit geöffneten Oberteilen, der Vergabe von Länderpunkten und der Entscheidung Erdbeere, Kirsche oder Kiwi. Aber niemand verstand das wirklich. Dem Erfolg tat das keinen Abbruch. Wenn es um die Anfänge des Privatfernsehens in Deutschland geht, gilt die Sendung mit den nackten Fakten als legendärer Quotenbringer. Bis zu vier Millionen Zuschauer schalteten ein, auch wenn es hinterher kaum jemand zugab.

Der Moderator Hugo Erwin Balder erinnert sich: „Ich wollte dem damaligen RTL-Chef Helmut Thoma eine Satire-Show vorschlagen. Wir trafen uns. Das Ergebnis war dann ,Tutti Frutti’.“ Dabei stammte die Idee zur Show eigentlich aus Italien von der Produktionsfirma ASA TV in Mailand. Südlich der Alpen fabrizierte die schon seit 1988 die italienische Erotik-Version „Colpo Grosso“ – auf Deutsch etwa „Der große Coup“. Dort wurden auch die deutschen Sendungen hergestellt – immer fünf am Stück in den Originalkulissen. Drei Jahre lang zeigte RTL insgesamt 150 Folgen, erst sonntags, später samstags und mal freitags im späten Abendprogramm. Auch in Spanien, Schweden und Brasilien liefen Ableger.

Brüste, Sternchen und Punkte

Was passierte wirklich bei „Tutti Frutti“? Neben vollbusigen Assistentinnen wie Monique, Nora, Tiziana und Gabriella gab es bunt bekleidete Mädchen, die nach Obstsorten benannt waren. Ein Kandidat oder eine Kandidatin wählte unter den sieben Models eines aus, das den BH öffnete und die Brüste präsentierte. Auf manchen befanden sich Sterne. Wer so einen Treffer gelandet hatte, bekam Länderpunkte. Weitere Punkte konnten durch Quizfragen erzielt werden. Um zusätzliche Punkte zu machen, durften die Kandidatinnen und Kandidaten am Ende selber strippen. Obwohl die Unterwäsche anbehalten wurde, sorgte das für manch peinlichen Auftritt.

Einen nicht unerheblichen Anteil am Erfolg von „Tutti Frutti“ hatte das textilschwache Cin-Cin-Ballett (im Original: ragazze cin cin). Durch Berichte und Hochglanzbilder in der Boulevardpresse wurde der Bekanntheitsgrad der Damen weiter gesteigert. Fotos in Männermagazinen waren die Folge. Zitrone Stella Kobs und Erdbeere Elke Jeinsen waren aber schon zuvor als Playmates im deutschen Playboy abgelichtet worden. Die Hannoveranerin Jeinsen schaffte es im Mai 1993 sogar in die US-Ausgabe. Zara Whites sammelte auch „Erfahrungen“ als Callgirl und Darstellerin in Sexfilmen.

Viel günstiger als „Tatort“

Keine andere Sendung erregte Anfang der 1990er Jahre so viel Aufsehen. Die Show war zunächst umstritten, weil die lustige Fleischbeschau als niveaulos und pornografisch beschimpft wurde. Einigen kam das Ganze gar wieder mal wie der Beginn vom Untergang des Abendlandes vor. Für größere Probleme sorgten schließlich Werbeeinblendungen von Sponsoren wie von der „Neuen Revue“. Dagegen klagte die zuständige Landesmedienanstalt Nordrhein-Westfalen. Was RTL allerdings nicht sonderlich störte, denn „Tutti Frutti“ spülte Millionen in die Kassen. Der Preis pro Sendeminute lag bei 1000 D-Mark, eine Minute einer Daily Soap kostete das Fünffache, eine Minute Tatort etwa das Zwanzigfache. Hinzu kamen Einnahmen durch das rund um die Sendung aufgebaute Merchandising mit Tonträgern, Zeitschriften, Kalendern und Videos.

Moderator Balder, bis heute auf Sat 1 mit „Genial daneben“ auf Erfolgskurs, hatte sichtlich Spaß an dem selbstironischen Spektakel. Er sagte einmal: „Andere Leute machen intelligente Arbeit, ich mache ,Tutti Frutti’.“ Aus heutiger Sicht entlockt das damals Gezeigte ein Schmunzeln. Allerdings war es die erste nicht wissenschaftliche Sendung, die sich mit den Themen Sexualität und Erotik beschäftigte. Die Zeiten, als sich aufgebrachte Hausfrauen bei RTL mit der Klage „Meinem Alten fallen gleich die Augen aus dem Kopf“ über die Früchtchen beschwerten, sind aber lange vorbei.

Immer noch Kult

Thoma beschreibt die Erotikphase des Kölner Senders so: „Ich habe geschaut, was es auf den deutschen Fernsehbildschirmen noch nicht gibt. Die Öffentlichen hatten Angst vor Erotik und ich dachte, da können wir was machen.“ Andere Erotik-Shows wie „Eine Chance für die Liebe“ mit Erika Berger oder „Liebe Sünde“ mit Verona Feldbusch (inzwischen Pooth) sind heute so gut wie vergessen. Aber Balder und sein Cin-Cin-Ballett gelten immer noch als Kult.

Eine Ende 2016 von RTL Nitro ausgestrahlte Neuauflage mit Jörg Draeger als Spielleiter floppte. Original-Moderator Balder hatte eine Mitwirkung abgelehnt: „Ich würd’s höchstens im Bademantel machen. Wie Playboy-Chef Hugh Hefner.“ Bereits nach nur einer Sendung wurde die Show aus dem Programm genommen.

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