Charlotte Pfeifer ist verzweifelt: Ihre Wohnung in Dürrlewang hat nicht nur den vierten Wasserschaden binnen kurzer Zeit, sondern sie kann auch ihren Balkon seit Monaten nicht mehr nutzen. Foto: Lichtgut/Max Kovalenko

Am Donnerstag sind in Stuttgart viele Mieter gegen die Geschäftspolitik des Immobilienriesen Vonovia auf die Straße gegangen. Der Konzern verteidigt sich gegen die Vorwürfe. Doch die kommen von immer mehr Seiten – zwei neue Beispiele.

Stuttgart - Charlotte Pfeifer tritt aufgeregt von einem Bein aufs andere. „Seit Juli habe ich diesen Wasserschaden hier schon“, sagt sie und zeigt auf den Boden in ihrer Küche und im Flur. Zum Teil ist der Bodenbelag entfernt, zum Teil aufgequollen. „Ich habe bei meinem Vermieter angerufen, als es noch ganz wenig war, aber über die Hotline wird man immer wieder vertröstet“, erzählt die 76-Jährige, die in Dürrlewang in einem Hochhaus wohnt. Der Vermieter, das ist die Vonovia, Deutschlands größtes Immobilienunternehmen, das derzeit bundesweit massiv in der Kritik steht.

Seit vier Monaten hat die gesundheitlich angeschlagene Rentnerin feuchte Füße – und das nicht zum ersten Mal. Es ist bereits der vierte derartige Wasserschaden innerhalb weniger Jahre. Die Ursache sei trotz mehrerer Gutachter nie geklärt worden, sagt sie. Und diesmal tue sich gar nichts, obwohl sie praktisch täglich nachfasse. „Am Ende werden sie mir wieder meine Küche ausbauen, dann stehe ich über Weihnachten ohne Kochgelegenheit da“, fürchtet die Frau, die seit 15 Jahren in dem Haus mit 85 Wohnungen lebt. Ähnliche Wasserschäden habe es auch in anderen Wohnungen gegeben – diverse Mieter seien inzwischen entnervt von den Zuständen ausgezogen.

Sehen Sie im Video: Zu wenige Wohnungen in Stuttgart – das sind die Ursachen und mögliche Lösungen.

Wochenlanger Stillstand auf der Baustelle

Zumal da einiges zusammenkommt im Wegaweg. Denn seit Juni gehört das Haus auch zum Modernisierungsprogramm der Vonovia. Alles ist Großbaustelle. Einen Balkon haben viele Mieter seither nicht mehr. „Obwohl er noch gut war“, sagt eine Nachbarin von Charlotte Pfeifer. Der Wohnblock ist eingerüstet, davor lagert Material, in den Fluren sind Möbel zwischengeparkt.

„Es ist alles traurig hier“, sagt eine andere Mieterin. Erst sei kurz gearbeitet worden, dann sei die Baustelle für sechs Wochen stillgestanden. „Kein Mensch hier glaubt mehr, dass das alles wie angekündigt im Januar fertig ist“, sagt die Bewohnerin, „wir werden Lärm und Dreck noch viel länger ertragen müssen.“ Und danach sind, wie an allen Modernisierungsstandorten, massive Mieterhöhungen angekündigt. „Die können sich die Leute hier nicht leisten. Wir können nur noch am Essen sparen. Die wollen uns raus haben“, sagt eine Frau bitter.

Das deckt sich mit den Aussagen vieler anderer Vonovia-Mieter in Stuttgart und der Region. Allein in der Landeshauptstadt besitzt das Unternehmen über 4600 Wohnungen. In diesem Jahr werden rund 280 davon umfassend modernisiert. Das bedeutet für die Bewohner zwar nachher mehr Komfort, aber davor eine teils einjährige Großbaustelle mit anschließender massiver Mieterhöhung. Und das in Häusern, in denen die Mieten bisher noch vergleichsweise bezahlbar gewesen sind. Zudem kommen von vielen Baustellen neue Klagen: Es geht nicht voran, Wohnungen werden halb fertig hinterlassen, ständig wechseln die Firmen, auf Beschwerden gibt es keine Antwort.

Überall die „gleichen katastrophalen Verhältnissen“

Davon berichten auch Leute aus Münster. „Seit April wird bei uns modernisiert“, sagt ein Betroffener. Eigentlich hätte Ende September alles fertig sein sollen. Doch weit gefehlt. „Bei uns herrschen die gleichen katastrophalen Verhältnisse wie auf den anderen Baustellen“, schildert der Mann. Ein Ende sei „auf den Sankt Nimmerleinstag verschoben, weil sich die Vonovia mit der Zahl der Baustellen übernommen hat und nicht fertig wird“. An der Hausfassade zum Beispiel werde seit Anfang August nicht mehr gearbeitet, das Baugerüst solle nun auch über den Winter stehen bleiben.

Bei der Vonovia bestätigt man, dass es Probleme gibt. „Es gibt bei den Handwerkern immer wieder gewerksübergreifend Kapazitätsengpässe“, sagt eine Sprecherin. Während im vergangenen Jahr die Modernisierungen gut gelaufen seien, sei es derzeit „nicht einfach“. Das gelte aber auch für andere Unternehmen. Für die zusätzlichen Probleme in Dürrlewang gebe es verschiedene Ursachen. Man kümmere sich aber sofort um dringliche Wasserschäden, wenn man davon erfahre. „Es liegt ja in unserem eigenen Interesse, die Substanz zu erhalten.“

Quartiermanager soll Ansprechpartner bei Problemen sein

Den Ärger vieler Mieter kann man bei Vonovia nachvollziehen. Allerdings sei die Atmosphäre derzeit „sehr aufgeheizt“. Man habe auf vielfältige Weise reagiert. Mietersprechstunden zum Beispiel seien gut besucht, dort habe man vielfach Konsens erzielen können. Derzeit stelle man zudem bundesweit die ersten Quartiermanager ein, die vor Ort als Ansprechpartner bei jeglichen Problemen dienen sollen. Und nicht zuletzt suche man bei finanziellen oder persönlichen Härtefällen nach Lösungen. Das reiche vom Anbieten einer anderen Wohnung über die Staffelung der Mieterhöhung bis hin zum Aussetzen der höheren Miete in Einzelfällen. „Das bieten wir in der gesamten Region Stuttgart an“, so die Sprecherin. Man wolle schließlich „zufriedene Mieter haben“.

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