Im Kino wird auch die Realität mystisch: Kirsten Dunst in Lars von Triers Spielfilm "Melancholia". Foto: Verleih

Lars von Triers Weltuntergangsfilm „Melancholia“ erinnert an Wagner und Nietzsche.

Mit seinem jüngsten Film wollte der streitbare dänische Filmemacher Lars von Trier "kopfüber in den Abgrund der deutschen Romantik tauchen", wie er selbst bekundet hat. Das ist ihm gelungen: "Melancholia" ist eine mystische Erfahrung des Untergangs und ein sagenhaft schöner Film.

Eine Frau wird einen Bach hinuntergetrieben. Mitten in einem landromantischen Traum, in dem auch der Maler Millais seine Ophelia versenkte. Und der Himmel weint tote Vögel. Dazu läuft das Vorspiel von Wagners "Tristan und Isolde". Das ist ein Erlebnis, da möchte man selbst weinen, so schön ist dieses Fest der Vergänglichkeit, das Lars von Trier da wieder angerichtet hat.

Bald ein halbes Jahr ist es her, dass der dänische Regisseur beim Filmfestival in Cannes verlauten ließ, er sei ein Nazi. Triers Stiefvater ist jüdischer Herkunft, sein leiblicher Vater ist Deutscher. Verheiratet ist Trier mit einer Jüdin. Das böse N-Wort war Teil eines sehr schlechten Witzes, den keiner verstehen wollte. Skandal, Skandal! Die Empörung war groß. Klar bleibt nur eines: Triers Verhältnis zu den Deutschen ist aufregend.

Opulent und bildgewaltig

2003 hatte er mit "Dogville" Brechts episches Theater ins Kino geholt. Dabei schickte er Nicole Kidman als Protagonistin auf eine Stadtbühne mit kargen Requisiten. Antikapitalistisch wie Brecht ließ Trier die Zarte in den ausbeuterischen Fängen der Dorfgemeinschaft beinahe untergehen. Aber sie entkommt. Jetzt hat sich Trier von einer anderen deutschen Geistesgröße hinreißen lassen: "Melancholia" atmet die morbide Romantik des Komponisten Richard Wagner. Waren die Straßen in "Dogville" mit Kreide auf die Bühne gekritzelt, ist "Melancholia" nun opulent und bildgewaltig, wie es die schönste Operninszenierung kaum sein kann.

Und mit dem Leben kommt diesmal keiner davon: Ein blauer Planet namens "Melancholia", der sich "hinter der Sonne versteckt" hat, zerschlägt die Erde - das zeigt der Film in seiner Ouvertüre gleich vorneweg. Dann widmet sich Trier, hierauf ist bei ihm auch diesmal Verlass, in aller Ruhe seinem psychologischen Mikrokosmos.

Auf der Hochzeit driftet die Braut Justine (Kirsten Dunst) nach einem böswilligen Auftritt der Mutter vom Liebesglück in die Depression. Die neurotische Schwester (Charlotte Gainsbourg) umsorgt sie daraufhin mit Leckereien und Badewannen-Wellness. Die beiden umkreisen sich leise, mal hat die eine, mal die andere die Nase vorn. Probleme kommen nur andeutungsweise zu Wort.

Erinnerungen an Wagners "Ring"-Zyklus

Noch in "Antichrist", dem Geschwisterfilm zu "Melancholia", zeigte Trier sein altes Interesse für die Anfänge der Psychotherapie. Aber jetzt geht die Welt unter - und wer redet da am Vorabend über die geschiedenen Eltern? Der historische Blick auf die Gedankenwelt von "Melancholia" führt bis hin zum Vorabend der Psychoanalyse. Mit der deutschen Romantik ist Trier diesmal gedanklich eine Generation vor Freud eingestiegen.

Vieles in "Melancholia" erinnert an Wagners "Ring"-Zyklus. Mit dem kennt sich Trier seit Jahren bestens aus. Für Bayreuth wollte Trier das Mammut-Werk inszenieren, scheiterte 2004 allerdings daran. Jetzt scheint es so, als habe er im Film zumindest das Finale des Weltenepos adaptiert: Wagners "Götterdämmerung" erzählt vom Ende der germanisch-nordischen Götterwelt.

Für postreligiöse Verhältnisse mutet das Personal bei "Melancholia" ebenfalls recht göttlich an - stinkreich und superschön. Bei Wagner verbrennen die Götter in ihrer Burg. Auch "Melancholia" spielt auf einer Burg, die zum Golfhotel umfunktioniert wurde. Dann hat Justine da noch dieses besondere Pferd, wie Brünnhilde. Und ihr Gatte, gespielt von "True Blood"-Sternchen Alexander Skarsgard, ist so nordisch, schön und naiv wie Brünnhildes Siegfried.

Triers Filme sehen alle Jahre wieder anders aus

 Triers Filme sehen alle Jahre wieder anders aus

Wer an Wagner denkt, mag Nietzsche gleich mitdenken. Das ist bei Trier erst recht nicht verkehrt. Seine eigene Initiationsgeschichte hat er mit dem anspielerischen Titel "Die jungen Jahre des Erik Nietzsche" verfilmt. Der Eigensinn, die Lust am Irrationalen und an der Antiaufklärung - da kann sich Trier bei Nietzsche bestärkt fühlen.

Und die Liebe für den bittersüßen Untergang, wie er nicht nur in Wagners Oper, sondern auch in Nietzsches "Zarathustra" zu Hause ist, durchzieht Triers Werk. Bereits in seinem ersten Langfilm, dem Film noir "The Element of Crime" von 1984, erzählt der junge Trier vom Untergang des Abendlandes. Am Set ließ er für die richtige Stimmung Wagner laufen.

So beständig Triers Themen und Bezüge sind: Seine Filme sehen alle Jahre wieder anders aus. Nach dem scheinbar dokumentarischen Dogma-Realismus von "Idioten" und der Brecht-Phase von "Dogville" und "Manderley" leben "Antichrist" und "Melancholia" von jener nahezu unheimlichen Ästhetik, die schon das Frühwerk von Trier bestimmte.

Science-Fiction bringt den Rückenschauer

Gleichzeitig sind die neuen Filme aber auch keine vollständige Absage an das Dogma 95, denn die nervöse Handkamera ist geblieben. Damit findet eine perfide Symbiose statt: das Unheimliche im dokumentarischen Gewand. Diese Grundidee machte schon Horrorfilme wie "Blair Witch Project" so fesselnd, und bei "Antichrist" war das Unheimliche Horror-Anleihen zu verdanken.

Bei "Melancholia" bringt Science-Fiction den Rückenschauer. Wie hier zu Beginn die exklusive Hochzeitsgesellschaft von der wackligen Handkamera begleitet wird, erinnert an Promi-Reality-TV. Dieser Authentizitätszauber macht den Zuschauer folgsam - und als dann der unglaubliche Planet am Horizont auftaucht, traut er seinen Augen.

Früher lag Triers Filmen häufig die Gewissheit zugrunde, dass das Hässliche sich in sein Gegenteil verkehrt, wenn es ordentlich ästhetisiert wird. Diesmal hat Trier das Schöne einfach schön ausgeleuchtet. Angeblich ist ihm das erst so richtig im Nachhinein bewusst geworden. Jedenfalls hat Trier persönlich eine Stellungnahme veröffentlicht, in der er sich von "Melancholia" distanziert. Der Film sehe aus wie ein "Frauenfilm", und das Ganze goutiere sich wie "Schlagobers auf Schlagobers". Subversive PR oder echte Peinlichkeit? Trost mag darin liegen, dass die Schönheit eine gequälte ist und am Ende ausgelöscht wird.

Wer "Melancholia" einfach genießen möchte, kann Wagner, Nietzsche und alle anderen Referenzen getrost vergessen. Dieser Film ist aus dem Stoff, aus dem die Träume sind: Surrealität. Dieses Kino triumphiert über das Denken.

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