Die Filderstädterin Ruth Hönig (2. von links) mit ihrer Au-pair-Familie. In den drei Monaten in San Francisco blieb auch Zeit für eine Fahrt mit dem Cable Car... Foto: privat

Ruth Hönig ist als Ruheständlerin für 90 Tage in die USA geflogen und hat getan, was sonst vor allem junge Menschen tun: Die Filderstädterin hat als Au-pair einen kleinen Jungen betreut.

Filderstadt - Wenn Ruth Hönig von ihrem 90-tägigen Aufenthalt als Granny-Au-pair in San Francisco berichtet, strahlen ihre Augen. Von den dort gesammelten Erfahrungen ist sie derart positiv beeindruckt, dass sie sicher ist: „Das mache ich wieder.“ Doch wie kam es dazu?

Die 65-Jährige wollte schon immer ins Ausland

Der Zufall half nach. „Ich wollte schon immer mal für längere Zeit ins Ausland“, sagt Hönig, die 2017 nach mehr als 40 Jahren als Lehrerin an der Sielminger Grundschule in den Ruhestand gegangen ist. Bis im vergangenen Jahr fehlte der heute 65-Jährigen aber der Impuls, um den Schritt zu wagen. „Im Fernsehen habe ich dann erfahren, dass man als Granny im Ausland Kinder betreuen kann“, sagt Hönig.

Die Möglichkeit, fernab der Heimat als Granny-Au-pair tätig zu sein, ließ sie nicht mehr los. Sie meldete sich im Internet bei www.granny-aupair.de an, und schon bald hatte sie Kontakt zu Familien aus aller Welt – und damit auch die Qual der Wahl, wo es hingehen sollte. „Schanghai, Kuwait oder Chicago standen zuerst zur Auswahl“, berichtet Hönig. Dann meldete sich über die Vermittlungsplattform im Internet eine Familie aus San Francisco. Schon nach wenigen E-Mails und Telefonaten wusste Hönig: Das ist ihre Familie.

Viele Freunde waren anfangs skeptisch

Ohne Zustimmung ihrer eigenen Kinder und ihrer 87-jährigen Mutter wollte sie das Abenteuer allerdings nicht wagen. „Meine Tochter war gleich ganz begeistert“, erzählt Ruth Hönig. Auch ihr Sohn habe die Sache interessant gefunden. Und sogar ihre Mutter, die zunächst eher zurückhaltend war – „weil sie noch immer Angst um mich hat“ – habe am Ende dazu geraten. Sie habe gesagt: „Wenn du meinst, du kannst das, mach’ es.“ Viele Freunde, denen sie eröffnete, dass sie bald für drei Monate weg sei, hätten zunächst skeptisch reagiert und gemeint: „Dass du dich das traust?!“ Sie selbst habe es jedoch nie so empfunden, „als ob ich was Riskantes mache, ich hatte nie Bedenken“. Und siehe da: Inzwischen will es ihr eine Freundin nachmachen, sobald sie im Ruhestand ist.

In San Francisco hat Ruth Hönig von Anfang September bis Ende November vergangenen Jahres den Jungen einer Familie betreut, der damals kurz nach ihrer Ankunft ein Jahr alt geworden war. „Ich war mit ihm in der Krabbelgruppe, beim Sport und viel spazieren“, erzählt Hönig. „Er hat mit mir das Laufen gelernt.“

Auf dem Highway Number One bis fast nach L.A.

Obwohl die Filderstädterin Englisch spricht, sei die Verständigung zunächst nicht leicht gewesen – „wegen des kalifornischen Slangs“. Mit der Familie habe sie aber viel Glück gehabt. Nicht nur, weil sie während ihres Aufenthalts ein eigenes kleines Appartement und jedes Wochenende frei hatte. Sondern auch weil die Familie auch ihre Tochter, als diese zu Besuch kam, bei sich wohnen ließ. Und sie durfte während dieser Zeit frei nehmen. „Wir sind mit dem Auto auf dem Highway Number One fast bis nach Los Angeles gefahren“, berichtet Hönig. Wegen der Feuersbrunst, die in dieser Zeit Kalifornien heimsuchte, mussten Mutter und Tochter aber kurz vor L.A. wieder umdrehen.

Überrascht war sie von der Ungezwungenheit der Familie. Es hieß gleich: „Fühl dich wie zu Hause.“ Und sie habe sofort das Gefühl gehabt, angekommen zu sein. Heimweh habe sie nie verspürt. Einzig nach dem Besuch der Tochter habe sie sich zum Schluss hin wieder auf daheim gefreut. Als ihre Freunde sie bei der Rückkehr am Flughafen mit Sekt empfingen, war ihr klar: Ihre Heimat sind die Filder.

Von San Francisco begeistert

Ruth Hönig ist begeistert von San Francisco. Sie hat die Stadt ausgiebig mit dem Fahrrad und zu Fuß erkundet. Überrascht ist sie, wie viel sie sich zugetraut hat. Sie ist dort selbst mit einem großen Auto gefahren und hat die Golden-Gate-Bridge mit dem Rad überquert. Weil sie abends oft in ihrem Appartement war und gelesen hat, bekam sie von ihrem Sohn den Rat, „einmal in die schlimmste Bar zu gehen, die ich finde“, erzählt sie schmunzelnd. Das habe sie getan – und einen tollen Abend verbracht. „Man muss ich nur trauen und offen sein.“

Der Kontakt zu der Gastfamilie in San Francisco besteht weiter, und Ruth Hönig will die Familie wieder besuchen. „Vielleicht kommt sie aber auch bald mal nach Deutschland“, sagt die 65-Jährige. Falls es sie erneut als Granny-Au-pair ins Ausland ziehe, könnte sie sich vorstellen, nach Schanghai zu gehen. „Auch Spanien wären nicht schlecht“, sagt Hönig, die gerade Spanisch lernt und ihre Sprachkenntnisse dann im Umgang mit Kindern verbessern könnte. Oder aber es geht doch nochmals in die USA: Denn von ihrer Au-pair-Familie hat sie inzwischen das größtmögliche Kompliment erhalten: „Sie meinten: Komm zurück, wir vermissen dich“, sagt Hönig und ist sichtlich gerührt.

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