Der Stress treibt ihn an: Giannis Athanasopoulos, Trainer des Volleyball-Bundesligisten Allianz MTV Stuttgart. Foto: Baumann

Warum der Meistermacher der Stuttgarter Volleyballerinnen seit Monaten ein Leben auf der Überholspur führt.

Stuttgart - Das Lieblingscafé von Giannis Athanasopoulos liegt in Cannstatt, in der Fußgängerzone am Bahnhof. Im „Tsimpo“ gibt es griechische Spezialitäten. Kaffee, Süßes, Herzhaftes. Und die Möglichkeit, kurz das Tempo zu drosseln. Herunterzufahren. Abzuschalten. Das ist wichtig, auch für einen Vollgastrainer wie Giannis Athanasopoulos (41). Denn seit diesem Jahr führt der Grieche ein Leben auf der Überholspur.

Bereits in der zweiten Saison als Chefcoach des Volleyball-Bundesligisten Allianz MTV Stuttgart fuhr Athanasopoulos seinen ersten großen Titel ein. Doch Zeit, um mit seinen Spielerinnen die Meisterschaft zu feiern, blieb nicht. Zwei Tage später begann die nächste große Reise – als neuer Nationaltrainer von Tschechien. Es ist ein Trip ins Unbekannte gewesen, der letztlich sehr erfolgreich war. Aber auch viel Kraft gekostet hat. Zu viel Kraft? „Nein“, sagt der Rastlose, „ich fühle die Müdigkeit nur, sobald ich mal ein, zwei Tage ausspanne. Wenn ich etwas zu tun habe, dann habe ich viel Energie. Der Stress treibt mich an.“ Das muss auch künftig so sein. Denn in Stuttgart gibt es einiges zu tun.

Neun neue Spielerinnen

Vom Meisterteam ist nicht mehr viel übrig. Neun Profis gingen, neun Neue sind gekommen. Zwei, die geblieben sind, führen die Mannschaft nun an. Krystal Rivers, wertvollste Spielerin der vergangenen Saison, ist jetzt auch die Kapitänin, die aktuell am Rücken verletzte Pia Kästner ihre Stellvertreterin. Beide nimmt Athanasopoulos bewusst in die Pflicht. Sportlich gehen sie vornweg, das weiß er. Nun sollen sie auch außerhalb der Halle mehr Verantwortung übernehmen. „Wir müssen ein Team werden“, sagt der Trainer vor dem Saisonstart am Samstag (19.30 Uhr) beim USC Münster, „sonst werden wir diese Saison nichts gewinnen.“ Und das wäre eine herbe Niederlage – nicht zuletzt für die Verantwortlichen beim Meister.

Die eine oder andere Spielerin hätten Sportchefin Kim Renkema und ihr Coach schon gerne gehalten, zum Beispiel die Mittelblockerinnen Molly McCage und Paige Tapp. Andere Verträge wurden bewusst nicht verlängert, um die Chance zu nutzen, noch stärker zu werden. Die individuelle Klasse, daran haben sie beim MTV keine Zweifel, ist hoch, ziemlich sicher sogar höher als in der vergangenen Saison. Nun gilt es, die PS auch auf die Straße zu bringen. „Wir haben uns dafür entschieden, ein komplett neues Team zu formen“, sagt Kim Renkema, „wir wissen, dass dies eine große Herausforderung ist. Aber wir wissen auch, dass wir einen Trainer haben, der für diese Aufgabe genau der richtige ist.“

Im tschechischen Team kannte der Trainer nur eine Spielerin

Giannis Athanasopoulos gilt nicht nur als harter Arbeiter, brillanter Analytiker und gewissenhafter Antreiber. Alle, die mit ihm zu tun haben, schwärmen auch von seinen menschlichen Qualitäten. Von der Fähigkeit, auf die Spielerinnen einzugehen. Sie zu verstehen. Auf und neben dem Feld. „Für mich ist vor allem wichtig, was jede Einzelne der Gruppe geben kann“, sagt er, „denn das zählt am Ende.“ Egal, um welche Mannschaft es geht.

In Tschechien hat Athanasopoulos im Mai sogar von Null begonnen. Er war neu, das Team auch. Er kannte nur Michaela Mlejnkova, außer der Ex-Stuttgarterin kannte niemand ihn. „Am Anfang war es eher zäh“, sagt der Coach, „doch dann wurde es immer besser und besser.“ Und am Ende sogar richtig gut. Tschechien gewann die European Golden League, kam in Peru ins Finale des Challenger-Cups, unterlag dort nach einigem Verletzungspech gegen Kanada knapp mit 2:3, und überzeugte auch bei der Olympia-Qualifikation in China, obwohl alle drei Spiele verloren gingen. „Wir haben einen richtig starken Sommer gespielt“, sagt Athanasopoulos, „eigentlich waren wir nur in einer Partie schlecht – bei der klaren Niederlage gegen Deutschland.“ Das 0:3 in China wurmte ihn, schließlich stand ihm Felix Koslowski gegenüber, sein Schweriner Rivale aus der Bundesliga. „Da habe ich an das DM-Finale zurückgedacht“, sagt Athanasopoulos und lacht, „so war es leichter zu ertragen.“

In Stuttgart ist Geduld gefragt

Auch in der nächsten Saison wird es zwischen Allianz MTV Stuttgart und dem Schweriner SC zu brisanten Duellen kommen, zudem dürfte der Dresdner SC wohl wieder ins Rennen um die Titel eingreifen. Was der Meister will, ist logisch: die Schale verteidigen, um den Pokal kämpfen, in der Champions League erneut überraschen. „Unsere Ziele sind ambitioniert“, meint Sportchefin Renkema, „aber klar ist auch, dass sie am Ende der Saison liegen.“ Oder anders gesagt: Es wäre ein Fehler, zu schnell die Geduld zu verlieren.

Auch Athanasopoulos erklärt, Zeit zu benötigen, um die Puzzleteile zu einem stimmigen Bild zusammenzufügen. „In Münster werden wir mit Sicherheit noch nicht auf dem höchsten Level sein, vielleicht ist es sogar erst nach Weihnachten soweit“, sagt er, „Pflicht ist, unser bestes Volleyball zu spielen, wenn es darauf ankommt. Die Qualität dazu haben wir.“

Der Rest ist harte Arbeit. Mit dem Fuß auf dem Gaspedal. Aber auch die Fähigkeit, im richtigen Moment zwischen den Terminen in Meisterschaft, Pokal und Champions League das Tempo kurz mal zu drosseln. Und sei es nur auf einen griechischen Kaffee in der Cannstatter Fußgängerzone.

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