Der Blick in Fabrik zeigt: die Papiermaschinen sind gigantisch. Foto: Voith

Turbinen für das Kraftwerk an den Niagarafällen, Aufträge auch China und Russland: der Maschinenbauer Voith, der 150 Jahre alt wird, hat sich frühzeitig auf dem Weltmarkt getummelt. Für Mitarbeiter war dies zeitweise herausfordernd.

Heidenheim - Die industrielle Revolution ist im 19. Jahrhundert im vollen Gange. Es ist die Zeit der Pioniere. Friedrich Krupp hat 1811 in Essen seine Fabrik zur Herstellung von Gussstahl gegründet. 1835 ist die erste Eisenbahn zwischen Nürnberg und Fürth gefahren. Carl Zeiss hat 1846 in Jena seinen Optikkonzern ins Leben gerufen. Rund 40 Jahre später haben Carl Benz, Robert Bosch und Gottlieb Daimler Weltkonzerne gründeten.

Heidenheim war das Wirtschaftszentrum auf der Ostalb. Im 16. Jahrhundert war es das Erzvorkommen, das für Wohlstand sorgte, später war es der Flachsanbau. Hauswebereien siedelten sich an, Garnsiedereien und Färbereien. Um 1830 sollen in Heidenheim mehr als 600 Arbeiter in 15 Fabriken tätig gewesen sein, ist im Internet-Lexikon Wikipedia nachzulesen. meist seien es Textilfabriken gewesen. Die Wartung dieser Maschinen sicherte vielen Handwerksbetrieben das Überleben.

Johann Matthäus Voith hat Wasserräder repariert

Johann Matthäus Voith hatte die Schlosserei 1825 von seinem Vater geerbt – und konzentrierte sich auf die Reparatur von Wasserrädern und Papiermühlen. Er beteiligte sich zudem am Bau einer Papiermaschine – bis heute ein wichtiger Bereich des Maschinenbaukonzerns. Johann Matthäus Voith, der in seiner Werkstatt bereits 1825 fünf Mitarbeiter beschäftigte, ist denn auch der Namensgeber des Konzerns. Doch diese handwerklichen Anfänge ignorieren die Heidenheimer. Als offizielles Gründungsjahr gilt vielmehr 1867; deshalb wird Voith in diesem Jahr 150. Das ganze Jahr über gibt es bereits Festivitäten an den verschiedenen Standorten. Die zentrale Feier mit Bundesfinanzminister Wolfgang Schäuble und Ministerpräsident Winfried Kretschmann findet am 4. Juli in Heidenheim statt.

1867 war es, als Friedrich Voith, der Sohn von Johann Matthäus, den Betrieb mit 35 Beschäftigten übernommen hat. Friedrich Voith war gut auf diese Aufgabe vorbereitet worden. Als 13-Jähriger war er zunächst zwei Jahre Lehrling in der elterlichen Werkstatt, später studierte er – gemeinsam mit Gottlieb Daimler – an der Polytechnischen Schule in Stuttgart Ingenieurwesen. Bevor er im elterlichen Unternehmen Verantwortung übernahm, sammelte er noch in anderen Firmen reichlich Erfahrung.

Innovationen haben sich ausgezahlt

Es hat sich ausgezahlt. Mit Innovationen wie dem Holzschleifer und dem Raffineur – einer Feinwalze, um Papierfasern eine feinere Struktur zu geben – hat Voith dazu beigetragen, dass Papier zum Massengut wurde. Früh hat Voith auch den Weltmarkt für sich entdeckt. 1881 lieferte der Maschinenbauer die erste komplette Papiermaschine aus; 1899 kam eine Order aus dem russischen Zarenreich. Seit 1870 fertigte Voith Turbinen für Wasserkraftwerke. 1903 wurde die damals größte Turbine der Welt für das Wasserkraftwerk an den Niagarafällen in Nordamerika geliefert. 1910 bauten die Heidenheimer dann das erste Wasserkraftwerk in China.

Wie herausfordernd die Zeit war, lässt sich am Beispiel des Voith-Ingenieurs Karl „Cary“ Mustière ablesen. Er hat den Bau und die Montage von Turbinen eines Wasserkraftwerks in der chinesischen Provinz Yunnan überwacht – dabei stand er auch vor persönlichen Herausforderungen. „Ein lediger Mann über 30 gilt in China als unmoralisch und so hilft alles nichts: Mustière muss heiraten – zumindest auf Zeit. Er vermählt sich mit einer Chinesin aus gutem Haus“, ist im Voith-Archiv nachzulesen. Zwei Jahre funktionierte diese arrangierte Ehe, dann kehrte der Ingenieur in die Heimat zurück – alleine. Dies war nicht die einzige Aufregung im Leben von Mustière. Ein Montageauftrag führte ihn auch nach Russland – dort geriet er prompt in die russische Revolution – und anschließend ins Gefängnis.

1913 hat Voith schon 3000 Mitarbeiter

Als Friedrich Voith 1913 starb, übergab er seinen drei Söhnen Walther, Hermann und Hanns ein Unternehmen mit 3000 Mitarbeitern. Die beiden Weltkriege haben das Unternehmen einerseits belastet, andererseits soll es aber auch von der Rüstungsproduktion und der Ausbeutung der Zwangsarbeiter profitiert haben. Die anschließende Wirtschaftswunderzeit nutzte dem Maschinenbauer.

Schwierig wurde die Zeit zu Beginn der 1990er Jahre. Die Familienstämme Hermann und Hanns Voith (Walther Voith war kinderlos gestorben) bekriegten sich drei Jahre lang heftig wegen unterschiedlicher Ansichten über die Entwicklung des Unternehmens. „Denver und Dallas auf der Ostalb“ – schrieb damals die Stuttgarter Zeitung. Erst die Trennung konnte den Streit um „Geld, Macht, Einfluss und Intrigen“ (Stuttgarter Zeitung) beenden. Die Erben von Hermann Voith stiegen aus – und erhielten einen Großteil der Finanzbeteiligungen sowie die Sparte Werkzeugmaschinenbau. Die Nachfahren von Hanns Voith behielten die Stammgeschäfte Papiermaschinen, Antriebstechnik sowie Turbinen- und Schiffstechnik.

Probleme gibt es immer wieder

In den folgenden Jahren gab es immer wieder neue Probleme. Weil die Konjunktur lahmte, baute das Unternehmen Arbeitsplätze ab. Immer wieder schwierig war über Jahre hinweg das Geschäft mit Papiermaschinen. Knapp 4,3 Milliarden Euro setzten die 19 000 Beschäftigten im Geschäftsjahr 2015/2016 (30. September) um. Nach Steuern wurde ein Gewinn von 29 Millionen Euro erzielt, nach minus 93 Millionen Euro im Jahr zuvor. Voith rüstet Wasserkraftwerke mit Turbinen und Pumpen aus, baut Papiermaschinen und baut Getriebe und Kupplungen, die in Bergwerken, der Erdöl- und Erdgasförderung, der Windkraft, in der Schifffahrt und in Zügen eingesetzt werden.

Das Land der Tüftler

Das unbestritten älteste Industrieunternehmen in Baden-Württemberg hat seinen Sitz in Aalen – mehr als 650 Jahre sind die Schwäbischen Hüttenwerke (SHW) mittlerweile alt. Die Gründungsurkunde stammt von Karl IV. Früher waren Erze das Geschäft, mittlerweile ist SHW unter anderem Autozulieferer und Werkzeugmaschinenhersteller. SHW ist eine Ausnahme. Die Gründungswelle erlebte der Südwesten erst Ende des 19. Jahrhunderte, sagt Jutta Hanitsch, die Direktorin des Wirtschaftsarchivs Baden-Württemberg. Damals stand erstmals Strom zur Verfügung. Die Wurzeln des Versorgers EnBW reichen in diese Zeit zurück.

Ende des 19. Jahrhunderts wurde die Autoindustrie begründet – Daimler, Bosch, aber auch Eberspächer stammt aus dieser Zeit. Der Südwesten war führend bei Textilien, viele Firmen sind mittlerweile verschwunden – Calwer Decken (gegründet 1650), Merkel & Kienlin (Esslinger Wolle, 1830) oder Bleyle (1889). Groz-Beckert (1852) liefert bis heute Industrienadeln. Das Land beheimatete Nahrungsmittelhersteller – Birkel (1874), Eszet (Schokolade, 1857) und Kessler Sekt (1826). Und auch Instrumentenbauer gab es – Hohner (1857) oder die Klavierfabrik Schiedmayer (1809).

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