Von den Einschnitten betroffen ist auch der Standort Ravensburg – hier im Bild Foto: dpa

Der Industriekonzern Voith reagiert mit einer Schrumpfungs-Strategie auf kommende Herausforderungen des Internetzeitalters. 1600 Stellen sollen gestrichen und ein Geschäftsfeld mit 18 000 Mitarbeitern verkauft werden.

Heidenheim - Der Heidenheimer Voith-Konzern rechnet im laufenden Geschäftsjahr mit roten Zahlen. Sowohl zum Halbjahr als auch zum Geschäftsjahresabschluss gehe man von einem „negativen Jahresüberschuss“ aus, sagte Voith-Chef Hubert Lienhard am Dienstag in Heidenheim. Grund sind nach Angaben Lienhards Sondereffekte wie Rückstellungen. Operativ – also aus den laufenden Geschäften – plane man allerdings mit „einem positiven Ergebnis für alle Konzernbereiche“, sagte Lienhard.

Um einer jahrelangen Auftragsflaute in wichtigen Konzernfeldern entgegenzutreten, krempelt das Heidenheimer Familienunternehmen derzeit seine Aktivitäten radikal um. Weltweit will das für Maschinen und Anlagen bekannte Unternehmen, das 1867 gegründet wurde, 1600 Stellen streichen, 870 davon in Deutschland. In Baden-Württemberg sollen nach Angaben eines Konzern-Sprechers rund 600 Stellen wegfallen. Insgesamt arbeiten im Bundesland etwa 7400 „Voithianer“.

Außerdem will sich das Unternehmen von der Sparte Industriedienstleistungen – hier wartet Voith Produkte vom Aufzug bis zur Lok im Kundenauftrag – trennen. 18 000 Voith-Beschäftigte arbeiten dort, was rund der Hälfte der Gesamtbelegschaft entspricht. Der Voith-Aufsichtsrat habe den Plänen in einer Sitzung am Dienstag zugestimmt, sagte Konzern-Chef Lienhard. Er bezeichnete die Maßnahmen als „teilweise schmerzhaft, aber notwendig“.

Die Geschäfte bei Voith laufen seit mehreren Jahren nicht mehr ganz rund. Der Voith-Gewinn ist von 114 Millionen Euro im Geschäftsjahr 2011/12 auf rund 41 Millionen Euro im gerade abgeschlossenen Geschäftsjahr 2013/14 eingebrochen. Die Umsätze sind im selben Zeitraum von rund 5,7 auf etwa 5,3 Milliarden Euro zurück gegangen.

Besonders zu schaffen macht dem Unternehmen eine jahrelange Flaute im Geschäft mit Papiermaschinen. Dieses trägt rund ein Viertel zu den Gesamtumsätzen des Familienunternehmens bei. Der operative Gewinn lag hier zuletzt aber nur bei rund neun Millionen Euro. Besonders sehr große und hochwertige Papiermaschinen verkaufen sich nicht mehr. Seit drei bis vier Jahren lägen keine Bestellungen mehr vor, sagte der Voith-Chef am Dienstag. Allerdings halte man weiter am Papiermaschinenbereich fest. „Wir bleiben Schlüssellieferant in allen Feldern“, versicherte Lienhard.

Dennoch ist es die Papier-Sparte, die am härtesten vom Konzernumbau betroffen ist. „Wir werden alle Papieraktivitäten am Standort Heidenheim bündeln“, kündigte der Manager an. In Krefeld in Nordrhein-Westfalen und in Neuwied in Rheinland-Pfalz werden komplette Standorte dicht gemacht. In Ravensburg wird die Fertigung geschlossen, am Standort Heidenheim der Stahlbau und die mechanische Fertigung eingestellt. Auch in Österreich fallen Jobs weg. Insgesamt sollen bei Voith Paper nun 1000 Stellen gestrichen werden. Ab Herbst 2016 will Voith so rund 250 Millionen Euro jährlich einsparen.

Auch der Verwaltungsbereich soll kleiner werden. Von seinen rund 5000 Verwaltungsstellen – einige davon auch im Papier-Sektor – will Voith 720 streichen. Dazu werden auch betriebsbedingte Kündigungen nötig sein. Anderes zu versprechen, wäre „nicht seriös“, sagte Lienhard. Die bislang mit den Arbeitnehmervertretern laufenden Gespräche würden nun „intensiviert“, sagte er und fügte an: „Das werden keine einfachen Gespräche sein.“ Die Mitarbeiter erfuhren von den Details der Einschnitte am Montag bei einer Betriebsversammlung am Heidenheimer Stammsitz.

Nach Worten Lienhards trage der Umbau dem Trend zu immer vernetzteren und auf IT-Technologie fußenden Produkten Rechnung, der auch als Industrie 4.0 bezeichnet wird. Man brauche viel bessere Kompetenzen in Software, Sensorik und Algorithmen, sagte Lienhard. „Wir müssen besser mit Daten umgehen. Dort müssen wir aufrüsten.“ Eine zentrale Herausforderung sei es nun, Fachkräfte für Software-Themen zu finden, sagte der Voith-Chef.

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