Kamil Foto: AFP

Der Pole Kamil Stoch zeit bei der Tournee sein großartiges Potenzial – und das kommt nicht von ungefähr. Der Skispringer kann die Veranstaltung zum zweiten Mal gewinnen.

Garmisch-Partenkirchen - Kamil Stoch ist platt. Er wirft im Pressezentrum von Garmisch-Partenkirchen seinen Blumenstrauß auf einen Tisch, fast wären die gelben Rosen auf einem Laptop gelandet. Dann streckt er seine Beine von sich und setzt an zum letzten Akt eines ereignisreichen Tages: einem Interview auf Polnisch. Endlich kommen mal die Kollegen aus der Heimat heran an Stoch, den großen Helden dieser Vierschanzentournee.

Für Kamil Stoch ist das selbstverständlich. Der Mann, der sich nach seinen Siegen in Oberstdorf und Garmisch anschickt, möglicherweise zum zweiten Mal nach­einander den Tournee-Klassiker zu gewinnen, ist nur ein bisschen müde. Unten im Zielraum war er nicht loszueisen von seinen Fans. Stoch ist einer, der erst geht, wenn der letzte Autogrammwunsch erfüllt und das letzte Selfie-Foto mit ihm geschossen ist. Es dauert mehr als eine halbe Stunde, zur offiziellen Pressekonferenz kommt er zu spät. „Ich verstehe, was ich zu tun habe. Meine polnischen Fans haben eine lange Anreise, da ist es ganz wichtig, ihnen etwas zurückzugeben“, sagt er.

Prima Klima zwischen den Frontmännern

Bei vielen Sportstars wirken solche Nettigkeiten eingeübt und steif – bei Kamil Stoch sind sie ehrlich gemeint. Er ist es auch, der seinen Rivalen Richard Freitag herzlich umarmt, nachdem er diesen schon zum zweiten Mal bei dieser Tournee geschlagen hat – als müsse sich Stoch da für irgendetwas entschuldigen. Es ist dem einwandfreien Charakter des Polen geschuldet, dass das Klima zwischen den beiden Frontmännern der Tournee ein sehr gutes ist. Stoch mag Freitag, Freitag mag Stoch – so einfach ist das. Aber vor allem haben sie jeweils einen riesigen Respekt vor den Fähigkeiten des anderen.

Als sich Richard Freitag in Garmisch zum zweiten Mal bei dieser Tournee geschlagen geben musste, war keine Enttäuschung in seinem Gesicht erkennbar, sondern Bewunderung. Pünktlich zur Tournee zeigt Kamil Stoch, was für ein außergewöhnlicher Athlet er ist. Er steht wie ein Brett in der Luft. Und man hat den Eindruck, dass er unten immer noch ein bisschen mehr herausholen und länger oben bleiben kann. Er ließ sich in Garmisch auch nicht davon irritieren, dass er wegen heftiger Winde lange warten musste, bis er sich die Olympia-Schanze hinunterstürzen konnte. Er machte sein Ding in der ihm eigenen Art: extrem nah an der Perfektion.

Der polnische Volksheld

Kamil Stoch ist in Polen ein Volksheld. 2001 gewann Adam Malysz letztmals für das Land den Vier-Orte-Klassiker, im vergangenen Winter beendete Stoch die Durststrecke und versetzte die Menschen in seiner Heimat in eine grenzenlose Euphorie. Drei Jahre zuvor gewann er bei den Winterspielen 2014 in Sotschi zwei Goldmedaillen, eine von der Großschanze, eine von der normalen. Auch WM-Gold hat er schon sowie stramme 24 Einzelsiege im Weltcup. Alles gewonnen, und mit 30 noch nicht ganz in dem Alter, in dem man ans Aufhören denken muss. Da geht noch ein bisserl was für Kamil Stoch.

In Polen ist der Skispringer mindestens so beliebt und populär wie der Bayern-Kicker Robert Lewandowski. Stoch ist eine Zeit lang zu sehr auf Ehrungen herumgereicht worden, die Dauerpräsenz auf roten Teppichen hätte ihn fast aus dem Konzept gebracht – im letzten Moment hat er sich wieder auf das Wesentliche konzentriert: Training und Schweiß. Natürlich hatte er das Interesse an seiner Person auch genossen. „Ich danke allen, die mich unterstützen, meinen Fans, meiner Familie, meinen Sponsoren“, sagt Stoch, der etwas zu oft allem und allen gerecht werden will. Seine Managerin ist übrigens gleichzeitig seine Ehefrau.

Alles muss perfekt sein im Leben

Die Stochs, sie machen alles sehr professionell – fast so wie der Gatte auf der Schanze von Garmisch. „Die Sprünge waren wirklich gut. Das war ein Wettkampf auf sehr hohem Level“, sagte der Skispringer, der im Wintersportmekka Zakopane geboren wurde. Als sein Trainer, der Österreicher Stefan Horngacher, ihm einmal riet, etwas lockerer zu werden, kam die Antwort: „Ich kann nicht lockerer werden – ich will alles perfekt machen.“

Solch eine Herangehensweise ist sehr beruhigend, zumal Kamil Stoch ja schon seine berufliche Perspektive nach der Sportkarriere plant: Er will Pilot werden. Die Ausbildung ist nur aufgeschoben.

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