Einmachgläser statt Tüten und Einwegbecher: Wie wäre es, mal auf Plastik zu verzichten? Foto: dpa

In der Fastenzeit stehen Alkohol und Süßigkeiten ganz oben auf der freiwilligen Verzichtliste. Doch es gibt auch andere Möglichkeiten zu fasten: etwa Social Media, Lügen oder Plastik. Wir haben mit vier Menschen von der Filderebene über die Fastenzeit und ihre Vorhaben dazu gesprochen.

Filder - Die Fasnet ist vorbei – und damit auch die Zeit, in der viele Menschen leicht über die Stränge schlagen: zu viele kleine Schnäpse bei Faschingsumzügen, zu viele Krapfen im Büro, zu viele Stunden vor dem Fernseher, wenn Prunksitzungen übertragen werden. Am heutigen Aschermittwoch ist Schluss mit lustig. Die Fastenzeit beginnt. Und nicht nur Christen nutzen diese Zeit für den bewussten Verzicht.

Das Fasten ist in vielen Religionen verankert. Es soll dem Reinigen des Körpers sowie dem Nach-innen-Richten des Blicks dienen. Im Christentum wird von Aschermittwoch bis Gründonnerstag gefastet. Obwohl dies rein rechnerisch nur etwas mehr als sechs Wochen sind, spricht die Kirche meist von sieben Wochen. Auch die Nennung der Anzahl von 40 Tagen ist irreführend: Die Kirche zählt die Sonntage nicht mit, weil sie als Tage des Herrn gelten, an denen auf nichts verzichtet werden muss. Diese 40 Tage sollen an jene 40 Tage erinnern, die Jesus fastend und betend in der Wüste verbrachte.

Laut einer Studie der Krankenkasse DAK wächst die Zahl derer, die Fasten für sinnvoll halten: 2011 waren es 53 Prozent, in diesem Jahr sind es 63 Prozent. Dabei stehen Alkohol und Süßigkeiten ganz oben auf der freiwilligen Verzichtliste. Doch es gibt auch andere Möglichkeiten zu fasten. Wir haben mit vier Menschen von der Filderebene über die Fastenzeit und ihre Vorhaben dazu gesprochen.

Dekan Rainer Kiess: Lügen fasten

Die Evangelische Kirche ruft jedes Jahr eine Fastenaktion aus, „Sieben Wochen ohne“. In diesem Jahr heißt das Motto: „Mal ehrlich! Sieben Wochen ohne Lügen“. Wir haben versucht, Menschen zu finden, die daran teilnehmen und uns davon berichten. Wir haben niemanden gefunden. Stattdessen hörten wir oft, dass Leute, die sonst regelmäßig an den Fastenaktionen teilnehmen, diese jedoch auslassen werden. So haben wir mit Rainer Kiess, dem Dekan des evangelischen Kirchenbezirks Bernhausen, darüber gesprochen, warum diese Fastenaktion anders ist:

„Als ich das Motto der diesjährigen Fastenaktion gehört habe, habe ich zuerst gedacht: Irgendwie passt das nicht richtig. Sieben Wochen auf Koffein, Alkohol oder Süßigkeiten zu verzichten – das sind manifestierbare Dinge, die man gut eingrenzen kann. Aber wie soll ich ‚Sieben Wochen ohne Lügen‘ interpretieren? Darf ich davor und danach dann wieder lügen? Insofern kann ich es verstehen, wenn viele Menschen hier zögern.

Eine Lüge bedeutet: Ich sage etwas anderes als das, was ist. Es gibt viele verschiedene Arten von Lügen, vom Flunkern über die Lüge, von der man sich einen Vorteil verspricht, bis zur Selbstlüge, bei der man sich selbst etwas vormacht. Die nackte, ungeschminkte Wahrheit kann auch wehtun, andere Personen verletzen. Die Kunst ist es, Wahrheit und Liebe miteinander zu verbinden. Wenn man den anderen Menschen so gut kennt, dass man weiß, wie Ehrlichkeit ankommen würde, dann kann man die Fastenaktion als Anlass nehmen. Ich habe einen Freund, der, wenn man ihn fragt, ob er etwas gut oder schlecht findet, manchmal sagt: ‚Interessant.‘ Da weiß ich dann schon, dass ich nicht weiter nachbohren sollte.

Ich finde es wichtig, sich Gedanken darüber zu machen, sich bewusst zu machen, wie oft wir ausweichen. Wie sind wir von dem, auf das wir verzichten, abhängig? Und wie wollen wir damit umgehen, wenn die sieben Wochen vorbei sind?“

Lokalpolitikerin Birgit Popp-Kreckel: Plastik fasten

Für die nächsten sieben Wochen will Birgit Popp-Kreckel auf Plastik verzichten. Die Grünen-Politikerin aus Plieningen hat dafür eine Gruppe gegründet, die sich regelmäßig trifft. Wer mitmachen will, kann sich unter 0174/689 87 74 an sie wenden: „Ich komme aus der Fastenecke und mache das jedes Jahr. Ich verzichte dann zum Beispiel auf Süßigkeiten oder Fernsehen, und derzeit mache ich auch Heilfasten. Ich trinke zehn Tage lang nur Wasser und Tee und einen Teller Brühe am Tag. Das tut mir gut. Das Gefühl, bewusst auf etwas zu verzichten, ist eine spannende Erfahrung. Und der Genuss ist danach umso süßer.

Mit dem Blick auf das Klima will ich ausprobieren, sieben Wochen kein Plastik zu verwenden. Auf Süßigkeiten zu verzichten, ist einfach. Aber auf Plastik? Ich halte das für eine Herausforderung.

Wir treffen uns dafür in einer Gruppe einmal in der Woche und geben uns Tipps. Vielleicht schauen wir uns einen Film an oder laden einen Experten ein. Wir reden dann auch darüber, ob die Alternative wirklich eine klimafreundlichere ist. Das ist eine ganz spannende Frage. Ich arbeite zum Beispiel im Stuttgarter Westen, und auf meinem Weg nach Hause liegt der Unverpacktladen Schüttgut. Aber andere müssen womöglich mit dem Auto irgendwohin fahren, um unverpackte Sachen zu kaufen. Das muss man immer zusammen betrachten.

Keine Trinkhalme zu benutzen, ist einfach. Ich kann auch Milch in der Glasflasche kaufen. Aber wenn ich an Nudeln denke, weiß ich nicht, wo ich die ohne Packung und mit akzeptablem Aufwand herbekomme. Und bei Kosmetik will ich keine Kompromisse machen.

Wir beginnen die Aktion, indem wir darüber reden, wie wir das machen wollen und was unsere Erwartungen sind. Und dann bekommt jeder einen leeren Gelben Sack. Nach einer Woche gucken wir, wie voll er geworden ist. Es wäre auch spannend, wenn noch jemand Neues dazu kommt. Der Austausch mit anderen bereichert immer.“

Studentin Milena Sager: Social Media fasten

Milena Sager ist Public-Relation-Studentin an der Hochschule der Medien in Vaihingen. In ihrem Studiengang ist es unerlässlich, über Twitter, Instagram und Facebook mit anderen zu kommunizieren. Für sieben Wochen geht die 21-Jährige aber offline:

„Machen möchte ich das deshalb, weil ich gemerkt habe, wie unglaublich viel Zeit Social-Media-Plattformen in Anspruch nehmen. Morgens, wenn ich aufwache, stehe ich auf, und der erste Handgriff geht zum Smartphone. Gerade in den Ferien, in denen ich ausschlafen könnte, wacht man morgens auf und öffnet Facebook, schaut sich ein paar Videos an, und schon ist eine halbe Stunde vorbei.

Meistens sind es dann auch noch Videos, die man sowieso schon einmal gesehen hat. Ich möchte die Zeit, die ich für die Social-Media-Plattformen aufbringe, einfach mal wieder sinnvoll nutzen und mal wieder bewusst ein Buch lesen, mich mehr mit Freunden treffen und die Realität so wahrnehmen, wie sie ist.

Es ist nämlich auch so, dass man sich manchmal auch mit anderen Leuten, die man gar nicht kennt, über die sozialen Medien vergleicht und man sich denkt: „Oh wie cool, was die anderen gerade machen.“ Also Momente, in denen man sich denkt, dass man da jetzt auch gerne wäre. Keiner lädt ein Bild von sich mit Jogginghose im Bett hoch und bekommt dafür große Aufmerksamkeit.

Immer dieses ständige Vergleichen mit anderen Personen macht einen auch anfälliger für Depressionen, meinte einer unserer Dozenten an der Hochschule. Jetzt werde ich erst einmal alle Social-Media-Apps auf meinem Handy löschen, und ich hoffe einfach, dass ich nach dieser Abstinenz mein Konsumverhalten bewusster kontrollieren kann.“

Kindergärtnerin Vanessa Böhmerle: Süßigkeiten und Handy fasten

Im katholischen Kindergarten St. Gabriel im Stadtteil Stetten von L.-E. spielt der Glaube eine große Rolle. Das Team um Vanessa Böhmerle will den 99 Kindern spielerisch und mit Geschichten zeigen, dass man nicht immer alles haben kann: „In diesem Jahr werden die Kinder auf Süßigkeiten verzichten. Da wir immer auf gesunde Ernährung achten und die Kinder sowieso keine Schokolade essen dürfen, achten wir zum Beispiel besonders auf gesüßte Joghurts, die sie von zu Hause mitbringen. Es gibt kein Nutella, keine Marmelade, keinen Honig und auch keine Kekse. Wenn wir einen Geburtstag feiern, gibt es natürlich trotzdem einen Kuchen. Dann aber ohne Zuckerglasur. Wir verzichten auch auf den Nachtisch. Die Kinder haben zum Beispiel Wackelpudding sehr gern. Bei uns gibt es sieben Wochen lang aber nur Obst.

Die Kinder verzichten auch auf Ausmalbilder. Da gibt es zum Beispiel vorgedruckte Feen oder Logos von Fußballvereinen oder Pferde. Das ist eigentlich schön bunt und hilft den Kindern, in Kontakt mit der Mal-Ecke zu kommen, wo sie kreativ sein können. Da die Ausmalbilder aber ein regelrechter Hype geworden sind, wollen wir bis Ostern darauf verzichten.

Wie jedes Jahr haben wir auch wieder unser Jesus-Projekt. Wir wollen den Kindern den Glauben nahe bringen, und sie wissen dann auch, dass am Ostern nicht nur der Osterhase kommt, sondern dass Jesus auferstanden ist. Zwei- bis dreimal in der Woche erzählen wir eine Geschichte, und der Anfang ist immer Jesus im Tempel.

Unsere Eltern kriegen zudem ein Handyverbot bei uns im Kindergarten. Ich habe mir das in einer anderen Einrichtung abgeguckt. Wir haben nämlich oft Eltern, die telefonieren oder auch mal E-Mails schreiben, wenn sie ihre Kinder abgeben oder abholen und dadurch ihre Umwelt gar nicht wahrnehmen. Sie sehen dann auch nicht, dass ihre Kinder sich freuen, dass sie wieder da sind. Irgendwann freuen sich die Kinder auch gar nicht mehr, weil sie keine Reaktion bekommen.“

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