Die Marienstraße war von Gewaltausbrüchen besonders stark betroffen. Foto: Leif Piechowski/Leif Piechowski

Citymanager Sven Hahn fordert zur Gewaltprävention eine Wiederbelebung der Stadt: „Eine belebte Stadt wirkt wie eine soziale Kontrolle auf die Menschen, die zuletzt wüteten.“ Er selbst wird diese Thesen an einem Runden Tisch der Stadt Stuttgart vertreten.

Stuttgart - Die Polizei beziffert den Schaden der Gewaltnacht auf einen Betrag, der zwischen einer sech- und siebenstelligen Summe liege. City-Manager Sven Hahn ist indes davon überzeugt, dass die Zerstörungswut in der Nacht vom Samstag auf den Sonntag spielend die Millionenmarke knackt. „Immerhin sind insgesamt 40 Läden beschädigt und neun Geschäfte ausgeplündert worden“, sagt Hahn, „da bin ich ganz schnell bei einem Millionenbetrag“.

Um seine Rechnung zu veranschaulichen, nennt der City-Manager das Beispiel eines kleinen Tabakladens in der Marienstraße. Dort beläuft sich die Schadenssumme auf rund 100 000 Euro – ungeachtet der Einnahme-Ausfälle durch die nun wochenlangen Reparaturarbeiten. „Und dies ist ein kleiner Laden“, meint Hahn, „aber die Großen wie etwa das Gerber oder Breuninger beklagen ebenso Schäden“. Die Württembergische als Eigentümerin des Einkaufscenters Gerber bestätigt: „Durch die Krawalle in Stuttgart in der Nacht vom 20. auf den 21. Juni 2020 sind auch zwei Immobilien der Württembergischen Versicherungen in Mitleidenschaft gezogen worden. Dies betrifft sowohl zwei Ladengeschäfte in der Königstraße 40 als auch das Stadtkaufhaus Gerber.“ Bei beiden Objekten wurden mehrere Glasscheiben stark beschädigt. Die Schadenssumme dürfte sich auf einen fünfstelligen Eurobetrag in mittlerer Höhe belaufen.

Hoher Imageschaden

Viel größer dürften allerdings die Folgeschäden sein. Die durch den Lockdown ohnehin geschwächte Innenstadt steht nun durch den Imageschaden der Gewaltnacht zusätzlich unter Druck. Hahn rechnet daher damit, dass die Insolvenzquote in der City auf einen Wert über 20 Prozent steigt. „Für die lokale Wirtschaft kommen die Folgen dieser Nacht zu einem denkbar schlechtesten Zeitpunkt.“ Nun, da sich alle Händler, Dienstleister und Gastronomen eigentlich von den Umsatzeinbrüchen durch die Coronakrise erholen wollten, seien die Bedingungen noch schlechter geworden. Hahns dringlicher Appell an alle Verantwortlichen lautet daher: „Es muss wieder öffentliches Leben in der Stadt stattfinden.“ Sonst setze sich das fort, das Hahn eine „Geisterstadt“ nennt. Denn ohne Kultur, Veranstaltungen oder Club- und Partyszene „flachen die Besucherzahlen ab 16 Uhr extrem ab“. Natürlich fehlten auch die Magneten wie etwa das Trickfilm-Festival, die Jazz Open oder das Weindorf. „Alleine das Weindorf bringt uns zwei Millionen Leute in die Stadt“, sagt Sven Hahn, „das sind Leute, die uns fehlen und die Stadt im besten Sinne nutzen“. Daher fordert er: „Wir müssen die Innenstadt wieder in verträglichem Maße mit Leben füllen.“

Runder Tisch sucht Lösungen

Dieses Leben bilde nach Ansicht des City-Managers auch einen natürlichen Schutz vor einer Wiederholung der Gewaltexzesse und Plünderungen. „Eine belebte Stadt wirkt wie eine soziale Kontrolle auf die Menschen, die zuletzt wüteten.“ Er selbst bemüht sich daher um Kooperationen wie etwa mit dem Club Kollektiv Stuttgart e.V., der seit 2013 der Interessenverband von Clubs und Veranstaltern aus Stadt und Region ist. Hierbei lautet Hahns Motto: „Ich kümmere mich um den Tag, ihr gestaltet die Nacht.“ In eine ähnliche Richtung denkt offenbar auch die Stadt Stuttgart. Am Mittwoch tagte zum ersten Mal ein Runder Tisch, der die Gewaltnacht aufarbeiten und die richtigen Schlüsse daraus ableiten soll.

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