Bei der Betreuung von Kleinkindern sollen Tagesmütter eine wichtige Rolle spielen. Jeden fünften Betreuungsplatz will das Land mit ihrer Hilfe abdecken. Doch die Zahl der Erzieher in Heimarbeit geht stetig zurück. Foto: dpa

Obwohl man im Land im Jahr bis zu 1000 Kräfte ausbildet, sinkt Interesse am stressigen Nebenjob.

Stuttgart - In etwas über einem Jahr soll bei der Betreuung von Kleinkindern eine neue Zeitrechnung anbrechen: Der bundesweit gültige Rechtsanspruch auf einen Hortplatz wird auf alle Sprösslinge ab einem Jahr ausgedehnt. Bisher kommen die Eltern von Kindern ab drei Jahren in den Genuss einer Ganztagsbetreuung für ihren Nachwuchs – das Land Baden-Württemberg hat mit dem Bund vereinbart, dass bis 2013 wenigstens 34 Prozent der Dreijährigen in einer ganztägig geöffneten Einrichtung unterkommen. Zum Start des neuen Kindergartenjahrs im August 2013 soll dieser Service auch für alle jüngeren Kinder gelten.

Was sich auf dem Papier gut liest, sorgt in der Praxis für erhebliches Kopfzerbrechen. Denn neben Kinderkrippen und den altersgemischten Gruppen im Hort will die Politik auch auf die fast 7000 Tagesmütter im Land setzen. Ausdrücklich ist im Gesetzestext von einer „dritten Säule“ die Rede, um Eltern bei der Suche nach Betreuung auch eine echte Wahlmöglichkeit zu eröffnen. 20 Prozent der Sprösslinge, so sieht es die Kinderförderung von Bund und Ländern vor, sollen von einer Tagesmutter bekocht und betreut werden.

Besonders gravierend ist der Schwund in der Region Stuttgart

Das Problem: Um ein Fünftel der infrage kommenden Kinder zu versorgen, gibt es viel zu wenig Tagesmütter. „Diese Quote ist eine absolute Utopie und wird nie erreicht werden“, betont Heide Pusch, Geschäftsführerin des Landesverbands für die Tages-mütter in Stuttgart. Nach der aktuellsten Auswertung wären landesweit fast 12.000 Erzieherinnen nötig, um die gesetzliche Vorgabe bei der Betreuung zu erfüllen.

In der Realität aber interessieren sich gerade mal 6942 Tagesmütter für den schlecht bezahlten Job, ein großer Teil der jährlich bis zu 1000 ausgebildeten Kräfte springt im Südwesten schon nach kurzer Zeit wieder ab. Während die Zahl der betreuten Kinder steigt und steigt, befindet sich die Zahl der Tagesmütter auf dem Sinkflug: Vor zwei Jahren wollten noch 7010 Personen im Land mit der Kinderbetreuung ein paar Euro verdienen, inzwischen ist die Zahl der Hilfskräfte vor allem in Ballungsgebieten deutlich gesunken. Zuwachs gibt es vor allem in ländlich geprägten Gebieten wie dem Kreis Heidenheim oder dem Hohenlohekreis. Die Zahl der versorgten Kinder stieg von 15.741 im Jahr 2010 auf 18.567 in diesem Jahr – unterm Strich kümmern sich weniger Tagesmütter um mehr anvertraute Zöglinge.

Besonders gravierend ist der Schwund in der Region Stuttgart: Im Kreis Esslingen beispielsweise waren vor drei Jahren noch 470 Tagesmütter aktiv – inzwischen sind es nur noch 393. Der Kreis Göppingen musste seit 2010 einen Rückgang von 200 auf 113 Kräfte verschmerzen, im Kreis Böblingen sank die Zahl im gleichen Zeitraum um 23 auf 273 Personen. Der Landkreis Ludwigsburg hatte vor drei Jahren mit 402 Tagesmüttern den höchsten Stand. Inzwischen wollen sich nur noch 305 Pflegekräfte um die Kleinen kümmern. Und auch in der Landeshauptstadt Stuttgart selbst klaffen Lücken: Statt sich mit Blick auf die Betreuungsaufgaben zu vergrößern, ging die Zahl der Tagesmütter von 289 auf 258 Personen zurück.

Lokale Präsenz der Ansprechpartner scheint sich auf stabile Personalzahlen auszuwirken

Noch am besten sieht es im Rems-Murr-Kreis aus: Seit 2009 verzeichnet die Statistik einen stattlichen Zuwachs von 246 auf 416 Personen, aktuell sind noch 404 Tagesmütter im Einsatz. Für die auf den ersten Blick überraschende Sonderstellung spielen gewachsene Strukturen eine Rolle: Während in Esslingen längst fünf Vereine zu einer kreisweit tätigen Organisation verschmolzen sind, kümmern sich an Rems und Murr nach wie vor sechs verschiedene Tagesmütter-Vereine um die Betreuung der Betreuer. Die lokale Präsenz der Ansprechpartner scheint sich auf stabile Personalzahlen auszuwirken – auch wenn der Landesverband es lieber sehen würde, wenn zur Vermeidung von Doppelstrukturen pro Landkreis auch nur ein Tagesmütter-Verein existiert.

Schließlich geht es um viel Geld: Allein der Ludwigsburger Tagesmütter-Verein hat bisher 160.000 Euro pro Jahr aus der Kreiskasse erhalten. Beteiligt am Budget waren außerdem die Kommunen mit 60.000 Euro und das Land mit 94.000 Euro. Wer diese Zahlen auf die Region hochrechnet, kommt rasch auf Millionenbeträge. Finanziert wird mit dem Zuschuss die 160 Stunden dauernde Ausbildung neuer Tagesmütter. Auch für die Vermittlung der nach Betreuungsplätzen suchenden Eltern sind hauptamtliche Kräfte nötig. Die Tagesmütter selbst erhalten laut der Empfehlung der kommunalen Spitzenverbände einen Stundensatz von 4,50 Euro für Kinder über drei Jahren. Für die Kleinkindbetreuung gelten 5,50 Euro als Regelsumme. Mehr als 1000 Euro monatlich verdient laut Heide Pusch vom Landesverband kaum eine Tagesmutter – ein Grund, weshalb viele interessierte Frauen den stressigen Job schnell wieder an den Nagel hängen.

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