Schlüsselmoment: der Bayern-Torwart Sven Ulreich hält den Foulelfmeter von VfB-Stürmer Chadrac Akolo in der Nachspielzeit. Foto: Getty

Nach der 0:1-Niederlage ist Chadrac Akolo die tragische Figur beim VfB Stuttgart – und Sven Ulreich der Held beim FC Bayern.

Stuttgart - Noch 15 Minuten nach dem Abpfiff stand Chadrac Akolo auf dem Rasen des Stuttgarter Stadions. Mittlerweile allein. Zuvor waren ja alle aus der Mannschaft des VfB zu ihm gekommen. Um ihn wieder aufzurichten, ihm Mut zuzusprechen oder ganz einfach mit einer Umarmung zu trösten. Es waren Szenen des Zusammenhalts, die sich abspielten. Keiner wollte einen Vorwurf daraus konstruieren, dass sich Akolo in der Nachspielzeit den Ball genommen hatte, um diesen Elfmeter zu schießen. Nicht einmal die gegen den FC Bayern besonders emotionalisierten Fans. Denn aus der Cannstatter Kurve erhob sich plötzlich ein Chor, der tausendstimmig Akolo-Rufe anstimmte.

Der Kongolese hob noch einmal müde den Arm, zum Dank an die Anhänger – und verschwand anschließend im Kabinengang. „Er trägt jetzt alles Leid dieser Welt auf seinen Schultern“, meinte der Sportchef Michael Reschke mitfühlend. Aus den Tiefen seiner Seele entschuldigte sich Akolo später bei Mitspielern und Fans und ließ via Instagram wissen, dass „ich heute Abend Schwierigkeiten haben werde einzuschlafen, da ich leider den Ausgleich per Penalty verschossen habe“.

Holger Badstuber übt Selbstkritik

Auf einen Schuss hatte sich diese Begegnung zwischen den alten Südrivalen verdichtet. Strafstoß in der 94. Minute – 0:1 oder 1:1? Der 22-jährige Akolo hatte nicht gezögert, sich die Chance zu nehmen. Obwohl auch der noch jüngere Josip Brekalo schießen wollte. Von den erfahrenen VfB-Spielern war jedoch nichts zu sehen. Kein Christian Gentner, kein Holger Badstuber. Vor der Ausführung suchte Badstuber noch den Blickkontakt mit dem Schützen. „Er hat klar gewirkt“, sagte der Abwehrspieler. Im Nachhinein merkte er selbstkritisch an: „Ich selbst muss mir vorwerfen, dass wir diese Verantwortung einem jungen Spieler aufgebürdet haben.“

Akolo war dem Druck schließlich nicht gewachsen. Sein Elfmeter war ein Schüsschen, das ihm selbst den Boden unter den Füßen wegzog, gleichzeitig aber einen anderen emporschnellen ließ: Sven Ulreich sicherte den Münchnern in letzter Sekunde den Sieg. Der Schiedsrichter Patrick Ittrich pfiff die Partie gar nicht mehr an, und die Bayern-Fans feierten ihren neuen Elfmeterhelden.

Sven Ulreich verspürt keine Genugtuung

„Dieses Drehbuch kann man eigentlich nicht besser schreiben“, sagte Ulreich. In aller Ruhe sagte es der 29-Jährige aus Schorndorf. Ohne Genugtuung, wie er betonte. Dabei hatte der frühere Stuttgarter die VfB-Ultras im Rücken und die ständigen Schmähungen im Ohr, als er nach rechts unten tauchte. „Es ist schon traurig, so empfangen zu werden, wenn man 17 Jahre lang die Knochen für den VfB hingehalten hat“, sagte Ulreich, der sich wie immer mit seinem Torwarttrainer Toni Tapalovic auf ein solches Szenario vorbereitet hatte.

Für Jupp Heynckes war der Stuttgarter Schlussakt dann aber nur ein weiterer Beleg dafür, dass sich Ulreich seit dem erneuten Ausfall von Manuel Neuer im September zu einem „sehr guten Torwart“ entwickelt hat. So gut, dass der Trainer dem Bundesliga-Spitzenreiter empfohlen hat, den Vertrag der eigentlichen Nummer zwei zu verlängern. Doch Ulreich selbst überlegt noch, ob er bleiben soll. Denn er will jetzt spielen und merkt an, dass es ihm schwer fallen wird, sich nach Neuers Rückkehr wieder brav auf die Bank zu setzen.

„Für mich steht noch nicht fest, was ich im Sommer machen werde“, erklärte Ulreich, der sich vor dem Pokalspiel am Mittwoch gegen Borussia Dortmund aber einer Sache gewiss sein kann: Kommt es zum Elfmeterschießen, vertraut ihm der große FC Bayern. Denn schon im Supercup gegen den BVB hatte Ulreich zwei Elfmeter gehalten und auch im Duell mit RB Leipzig hatte er das letzte Wort – mit dem parierten Elfmeter gegen Timo Werner.

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