Kein Glück mit seinen Ideen: VfB-Trainer Alexander Zorniger Foto: dpa

Schon nach sieben Spieltagen ist klar: Der Wunsch nach einer sorgenfreien Saison des VfB Stuttgart geht nicht in Erfüllung. Das Team benötigt Sicherheit und Siege – Trainer Alexander Zorniger wohl einen korrigierten Ansatz.

Stuttgart - Man benötigt keine Ausbildung zum Fußball-Professor, um zu erkennen: Die Lage des VfB Stuttgart ist mehr als nur ernst. Nach sieben Spielen der Bundesligasaison steht gerade einmal ein Sieg zu Buche, es setzte sechs Niederlagen – und wer dann noch den Blick in die jüngere Vergangenheit wagt, der sieht: Das ist die Zwischenbilanz eines Absteigers. Mehr noch: Alle zehn Clubs, die in den vergangenen fünf Jahren am jeweiligen Saisonende den Gang in Liga zwei antreten mussten, hatten nach sieben Spieltagen bereits mehr als drei Zähler auf dem Konto.

Schon jetzt ist also der Punkt erreicht, an dem Gewissheit ist, was unbedingt hätte vermieden werden sollen: Dass die VfB-Saison erneut ein Ritt auf der Rasierklinge wird. Faktisch sind bis zur Winterpause zwar noch 30 Punkte zu vergeben, weshalb eine gute Ausgangslage fürs zweite Halbjahr theoretisch noch erreicht werden kann. Wer Realitätssinn als seinen treuen Begleiter sieht, wird aber zugeben: Die Chancen des VfB gegen den FC Bayern, den VfL Wolfsburg, Borussia Dortmund und Bayer Leverkusen sind eher geringer Art. Weshalb am Ende der Hinserie die Ausbeute ähnlich mager sein könnte wie in der Saison 2010/2011: Damals waren es zwölf Punkte, Trainer Bruno Labbadia hatte gerade übernommen und schaffte dank einer starken Rückrunde knapp noch den Klassenverbleib. Vier Trainer-Amtszeiten später heißt der verantwortliche Chefcoach Alexander Zorniger.

Der kam zu Saisonbeginn und brachte zwar eine neue Spielphilosophie, aber weder Glück noch Erfolg mit nach Stuttgart. Das Gegenteil ist der Fall – weshalb sich die Zweifel mehren, ob der 47-Jährige richtig liegt mit dem, was er tut. „Ich glaube nicht, dass der Trainer unser Problem ist“, sagt Sportvorstand Robin Dutt, „er ist vielmehr unsere Lösung.“ Das klingt ehrenwert und ruhig – dabei schrillen auf dem Wasen längst die Alarmglocken. Denn klar ist: Wie bisher darf die Saison nicht weitergehen.

Die Innenverteidigung ist oft überfordert

Bisher – das war die neue Philosophie von Alexander Zorniger, die viel Mut und Offensivgeist erfordert, dabei viel Unterhaltung bietet, aber eben auch Risiken birgt. Die dann zutage treten, wenn eine Mannschaft nicht in der Lage ist, das System mit viel Klasse zu interpretieren.

Was bringen zahlreiche Torchancen, wenn kaum eine genutzt wird? Was nutzt das offensive Verteidigen, wenn anderswo Lücken klaffen? Was hilft die Überzeugung von Trainer und Sportvorstand, wenn die Mannschaft schon wieder derart verunsichert ist, dass einfachste Dinge nicht mehr gelingen? Die Antwort auf all diese Fragen: wenig bis nichts – weshalb Zorniger dringend Lösungen anbieten muss. Nach den Erfahrungen der ersten sieben Spiele jedenfalls scheint zumindest eine gründliche Anpassung seines eigentlich „alternativlosen“ Kurses zwingend erforderlich. Weil er von dieser Mannschaft derzeit einfach nicht konsequent genug umgesetzt werden kann.

Die Balleroberungen funktionieren zwar zahlreich, im Bemühen um ein schnelles Umschalten jedoch ist das Passspiel schlampig. Die mangelhafte Chancenverwertung hat nicht nur mit fehlendem Glück zu tun, sondern auch damit, dass aufgrund anderer Anforderungen im Abschluss Ruhe und Konzentration fehlen. Das propagierte Angriffsspiel durchs Zentrum wird von den Spielern oft umgangen, weil zahlreiche Bälle auf Filip Kostic gespielt werden. Der Serbe pflegt auf links sein Flügelspiel, fällt nun aber verletzt aus. Einen Gegenpart auf rechts gibt es nicht, da Daniel Didavi stets in die Mitte drängt. Zu all dem kommt die oftmals überforderte ­Innenverteidigung.

Zornigers Idee vom Fußball steht über allem

Ist die erste Verteidigungsreihe überspielt, braucht es in Zornigers System schnelle Abwehrspieler mit herausragendem Stellungsspiel – beide Qualitäten gehen Timo Baumgartl und Toni Sunjic derzeit ab, so kommt Torhüter Przemyslaw Tyton mehr als erwünscht in die Bredouille und wirkt unsicher. Über Abräumer Serey Dié fliegen die Bälle meist hinweg, da die VfB-Gegner längst erkannt haben, dass die Roten mit langen Pässen und klugen Spielverlagerungen verletzbar sind. Somit ist dem Ivorer seine Wirkung als Stabilisator genommen.

All das zeigt: Dem VfB-System fehlt Stabilität an vielen Ecken und Enden – und die Zweifel am Sinn der Radikalkur für eine verunsicherte Mannschaft, die dem Abstieg nur knapp entronnen ist, wachsen. Der Verweis auf Spektakuläres und die vielen Torchancen bringt die Roten jedenfalls nicht mehr weiter. Alexander Zorniger gilt durchaus als Sturkopf, seine Idee vom Fußball steht über allem („Ich kann gar nicht anders“). Langjährige Beobachter des Trainers versichern aber auch: Vor ­kleineren Kurskorrekturen schreckt er nicht zurück, einen Plan B hat er im Repertoire.

Höchste Zeit, dass er ihn herauszieht.

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