Schnelligkeit ist sein großer Trumpf: Jerome Kiesewetter im Spiel für den VfB Foto: Baumann

Mit 22 Jahren hat Jerome Kiesewetter zuletzt zweimal bei den Profis des VfB Stuttgart reingeschnuppert. Jetzt hofft er auf weitere Chancen – auch weil er jetzt weiß, worauf es ankommt.

Stuttgart - Hertha, ausgerechnet Hertha. So ein Bundesligadebüt ist ja an sich schon eine aufregende Sache. Für Je­rome Kiesewetter kam hinzu, dass er seinen Einstand gegen den Club aus der Hauptstadt feierte – in der er geboren ist, in der bis heute seine Eltern und seine Schwester leben und in der er als Fußballer groß geworden ist, eben bei Hertha BSC. Da würde der eine oder andere womöglich Nerven zeigen – aber nicht Kiesewetter. „Fußball bleibt Fußball“, sagt er, „ob dritte Liga oder Bundesliga und egal, gegen wen es geht.“

Diese Unbeschwertheit ist nicht gespielt. Schließlich ist Jerome Kiesewetter kein Jüngling mehr. Mit seinen 22 Jahren hat er einiges erlebt, nicht nur Positives. Davon, so scheint es, profitiert er jetzt.

Im Sommer 2012 kam er zum VfB II – und tauchte gleich ab. Ein Ermüdungsbruch im Schienbein legte ihn monatelang flach. Als er endlich spielte, flog er gleich mit Rot vom Platz. „Ich habe mir die Chance durch eigene Dummheit kaputt gemacht“, sagt er. Nach seiner Sperre versauerte er auf der Ersatzbank, geriet in einen Teufelskreis. Neue Stadt, neuer Verein – und er allein in seiner Wohnung in Korb. „Da sind viele negative Dinge zusammengekommen“, sagt er, „das hat mich belastet. Ich bin immer unzufriedener geworden.“

Nicht nur der Körper schiebt die Karriere an - der Kopf muss mitmachen

Die Lösung: eine Ausleihe zurück zur Hertha. Dort setzte er sich in der zweiten Mannschaft durch, kehrte zum VfB zurück – seither ist er Stammspieler in der U 23. „Wir mussten ihm nach vorne helfen, was Einstellung und Arbeitsmoral betrifft“, sagt VfB-II-Trainer Jürgen Kramny, „als er aus Berlin zurückkam, hatte er sich geändert.“ Er war reifer. Kiesewetter wusste endlich, was wirklich zählt im Leben eines Profis: Nicht nur der Körper schiebt eine Karriere an, auch der Kopf muss mitmachen.

Von seinen Anlagen her ist Jerome Kiesewetter weit vorne. Seine größten Trümpfe sind seine Dynamik und seine Schnelligkeit, die ihm zuweilen noch die Übersicht im Spiel raubt. Kiesewetter, der einen Profivertrag bis 2016 hat, macht Dampf über den rechten Flügel, und wenn er in die Mitte zieht, wird es brandgefährlich. Zuletzt hat er in fünf Spielen für den VfB II drei Elfmeter herausgeholt – die Gegner wussten sich nur durch Fouls zu behelfen. „Er lebt von seiner Schnelligkeit“, sagt Sportvorstand Robin Dutt, „jetzt ­versucht er, den Rhythmus in der Bundesliga zu finden.“ Dank Huub Stevens.

"Ein junger, unbekümmerter Typ"

Im Februar hat ihn der Cheftrainer ins Training der Profis befördert. Als Martin Harnik nach seiner Roten Karte in Hannover ausfiel, schlug Kiesewetters Stunde. „Je­rome ist ein junger, unbekümmerter Typ“, sagt Robin Dutt, „gegen Hertha hatte er eine tolle Aktion. Wenn die anderen im Strafraum besser antizipiert hätten, hätte das zu einem Tor führen können.“ So war es wieder eine vertane Chance für den VfB. Aber nicht für Jerome Kiesewetter.

Er spürt, er ist jetzt nah dran. Beim VfB. Und in der U-23-Auswahl der USA. Für die darf er spielen, weil sein Vater Amerikaner ist. Nächste Woche geht es in Kopenhagen gegen Dänemark und in Sarajevo gegen Bosnien. Zwei wichtige Tests, es geht um den Sprung in den Olympiakader 2016. „Das ist eine Riesenmotivation“, sagt Kiesewetter.

Wobei – ein Einsatz an diesem Samstag (15.30 Uhr/Sky) gegen Eintracht Frankfurt wäre auch nicht ohne. Das wird erst einmal schwer, weil Martin Harnik nach seiner Rotsperre zurückkehrt. Aber im Kader stehen will Kiesewetter auf jeden Fall. „Dieses Gefühl, ein Teil der Bundesliga zu sein, will ich jetzt immer wieder haben. Für mich wäre es eine Enttäuschung, wenn ich nicht im Kader wäre“, sagt er. Keine Frage, da hat einer Feuer gefangen. Spät, aber noch nicht zu spät.

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