Tobias Werner will sich in Lagos aufdrängen. Foto: Baumann

Tobias Werner hat beim VfB Stuttgart nach seiner Verpflichtung im Sommer schwierige Monate erlebt. Doch nach einem persönlichem Schicksalsschlag und einer hartnäckigen Verletzung kämpft er nun um einen Platz in der Mannschaft.

Lagos - Tobias Werner legt gerne mal den Arm um die Schultern eines geknickten Mitspielers. Er neigt dann den Kopf hinüber und redet mit dem Kollegen. Nicht laut, sondern klar. Nicht aufgesetzt, sondern natürlich. Nicht aufdringlich, sondern aufmunternd.

Wie nach einem Trainingsspielchen in Lagos, als Matthias Zimmermann ziemlich mürrisch davon stapfen wollte. Doch Werner hat ihn nicht so einfach gehen lassen. „Matthias ist auf dem Platz manchmal zu ruhig. Er kann aber mehr Verantwortung übernehmen. Das habe ich ihm gesagt“, erzählt der Mittelfeldspieler des VfB Stuttgart während des Trainingslagers in Portugal – und ist mittendrin in seiner Rolle.

Werner genießt große Anerkennung im Team und bei Trainer Hannes Wolf. Obwohl der 31-Jährige sich sportlich eigentlich noch gar nicht so richtig einbringen konnte beim Fußball-Zweitligisten. „Für einen Spieler gibt es ja nichts Schlimmeres als neu zu einem Verein zu kommen und gleich drei Monate lang verletzt auszufallen“, sagt Werner. Ihm ist es so ergangen. Anfang August für eine halbe Million Euro vom FC Augsburg geholt, kam der Flügelspieler noch nicht in Schwung.

Doch dann schlug das Schicksal erbarmungslos zu

Doch seine hartnäckigen Adduktorenprobleme während der Vorrunde bilden nur den einen Teil des schwierigen Starts in Stuttgart ab – den körperlichen. Die seelische Belastung durch die Totgeburt seines Kindes die andere. Und das unmittelbar nach seiner Unterschrift beim VfB. Am nächsten Tag sollte die Neuverpflichtung der Öffentlichkeit vorgestellt werden. Der Termin stand, die Einladungen waren verschickt.

Doch dann schlug das Schicksal erbarmungslos zu. Der Manager Jan Schindelmeiser gewährte Werner daraufhin Sonderurlaub – solange er ihn nötig habe. Er blieb einige Tage bei Familie und Freunden, die ihn und seine Frau auffingen. Aber schon bald kehrte er in den Trainingsalltag zurück und sprach wenig später offen über die „dunkelsten Wochen seines Lebens“.

Auch jetzt ist das sensible Thema nicht tabu. Werner schaut einen geradeheraus an, wenn man danach fragt. Er hat seinen Umgang dazu gefunden oder zumindest eine passende Formulierung: „Dieses Thema werde ich nie ganz verarbeitet haben und es wird immer ein Teil von mir sein.“ Einen tieferen Einblick in sein Innerstes gewährt der Typ mit dem kahlen Schädel nicht. Muss er auch nicht, zumal er nach dem tragischen Vorfall darum gebeten hatte, seine Privatsphäre zu respektieren.

Doch es sind solche Momente, die einen Eindruck davon vermitteln, warum die Mitspieler Werner mögen, warum der Trainer seine Teamfähigkeit schätzt, und warum der Manager ihn als einen Charakterspieler sieht. Ein Spieler, der Qualität und Geschwindigkeit für die Außenbahnen mitbringt. Aber auch ein Spieler, der Persönlichkeit einbringt – unabhängig davon, ob er zum Einsatz kommt oder nicht.

„Ich will es dem Trainer schwer machen, mich nicht aufzustellen“

Viel gespielt hat Werner in seinem ersten halben Jahr für den VfB jedenfalls nicht. Auf sechs Pflichtspieleinsätze oder 306 Minuten bringt er es. Gemessen an den eigenen Ansprüchen zu wenig. 12. Bundesligaspiele (23 Tore/24 Vorbereitungen) hat er für den FC Augsburg absolviert, zuvor den Aufstieg mitgemacht und auch die emotionalen Europacup-Auftritte.

In Stuttgart haftete der bisherigen Teilzeitkraft erst einmal das Etikett an, ein Luhukay-Transfer zu sein. Ein Mann, den der Ex-Trainer Jos Luhukay unbedingt haben wollte. Doch Werner ist auch ein Schindelmeiser-Transfer. Der VfB-Sportchef führte die Verhandlungen mit dem FCA-Manager Stefan Reuter, um den Mittelfeldspieler loszueisen. Und jetzt ist Werner vor allem ein Spieler, der eine neue Chance sucht. „Die Linksaußen-Position ist schon meine bevorzugte“, sagt Werner, „aber ich weiß ja, dass der Trainer Flexibilität erwartet“.

Also spielt er auch rechts, wo sich wohl eher eine Lücke für ihn auftun könnte. Denn über links flitzt Takuma Asano nach vorne, über rechts eigentlich Carlos Mané. Doch der Portugiese könnte ins Zentrum rücken. Bliebe noch der frisch verpflichtete Julian Green als Mitbewerber. Oder später der ebenfalls lange verletzte Daniel Gin­czek für weitere Offensivvarianten.

Doch die Konkurrenzsituation treibt Werner nicht um. „Bei uns gibt es eben nur wenige gesetzte Spieler und ich will es dem Trainer schwer machen, mich nicht aufzustellen“, sagt er. Zumal ihm Egoismen fremd sind, aus seinen acht Jahren in Augsburg bringt er die Erkenntnis mit, dass es im Team nur gemeinsam geht. Und wenn er sieht, dass sich ein Spieler über die Mannschaft erhebt, wird Werner nicht den Arm um den Kollegen legen. Sondern als starker Typ „dazwischen grätschen“.

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