Es ist vorbei: Tim Walter ist als VfB-Trainer gescheitert. Foto: Pressefoto Baumann

Der VfB Stuttgart trennt sich nach eingehender Analyse von seinem Trainer – nach nur einem halben Jahr. Ein Nachfolger wird noch gesucht, zu den Kandidaten gehört auch Zsolt Löw.

Stuttgart - Es ist mal wieder so weit. Der VfB Stuttgart trennt sich von einem Trainer. Tim Walter ist am Montagabend offiziell von seinen Aufgaben entbunden worden. Das ist das Ergebnis einer eingehenden Analyse, die der Vorstandsvorsitzende Thomas Hitzlsperger und der Sportdirektor Sven Mislintat mit Walter durchgeführt haben. Auch Markus Rüdt, der an der Seite Hitzlspergers für die Sportorganisation verantwortlich ist, war dabei. Ein Nachfolger steht noch nicht fest.

Stundenlang wurde in den vergangenen Tagen beim VfB diskutiert. Schon nach der Rückkehr aus Hannover am Samstagabend ging es los. Der bisherige Chefcoach sollte Wege aufzeigen, wie er die Mannschaft des Fußball-Zweitligisten aus der sportlichen Misere herausführen will und der Weg anschließend wieder in die Bundesliga führt. Der Aufstieg ist das Maß aller Dinge an der Mercedesstraße. Doch letztlich fehlte der sportlichen Leitung die Überzeugung, dass mit Walter und dessen Spielstil das große Ziel am Saisonende erreicht wird.

Ergebnisoffene Gespräche

Beim VfB legt man jedoch Wert darauf, dass die Gespräche ergebnisoffen geführt wurden. Dennoch: „Es wurde zunehmend deutlich, dass unterschiedliche Ansichten über die Entwicklung des Kaders zur Realisierung unserer sportlichen Ziele bestehen“, sagte Hitzlsperger. Das ist im Grunde keine Überraschung mehr gewesen. Denn das letzte Spiel in diesem Jahr hatte wie eine Zusammenfassung all der kritischen Thesen in den vergangenen Wochen gewirkt.

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Die erste Hälfte beim 2:2 in Hannover war einfach nur schlecht, die zweite aufregend, aber kein klarer Systemfußball. Das bittere Ergebnis: der VfB geht als Tabellendritter in die Winterpause – zwar punktgleich mit dem davor liegenden Hamburger SV, aber er spürt auch den Atem der Verfolger aus Heidenheim und Aue – Mannschaften, die mit weniger Mitteln als die Stuttgarter bislang viel erreicht haben.

Immer mehr Grundsatzfragen

Allerdings wollten Hitzlsperger und Mislintat ihre Einschätzung der Lage nicht nur von einer Partie abhängig machen. Es kam die gesamte Vorrunde auf den Prüfstand, die zuletzt immer mehr Grundsatzfragen aufgeworfen hatte. Über Walter mit seiner polarisierenden Art, über die Entwicklung der Mannschaft und einzelner Spieler, über die Zukunftsfähigkeit eines Projekts, das noch vor einem halben Jahr als große Fußballrevolution ausgerufen wurde.

Neuer Stil mit neuen Gesichtern – so ging der VfB die Saison an. Doch das alles zählt jetzt nicht mehr so viel. „Leistungsfußball unterliegt auch dem Diktat des Ergebnisses“, sagte Mislintat. Fünf Niederlagen haben die Stuttgarter in der Hinrunde schon hinnehmen müssen, nach einem guten Saisonstart zuletzt nur elf Punkte aus zehn Spielen geholt. Zu wenig. In Hannover stand der VfB zudem kurz vor der sechsten Pleite, und vor allem auswärts ergibt sich ein wiederkehrendes Muster: Die Mannschaft gerät früh ins Hintertreffen, läuft gegen defensive Gegner einem Rückstand hinterher und geht verschwenderisch mit ihren Torchancen um.

Walter stolpert auch über sich selbst

Zu wenige Tore erzielt der VfB und schafft es gleichzeitig nicht, Gegentreffer zu verhindern. Das ist die sportliche messbare Seite der Trennung. Allerdings hat auch eine Rolle gespielt, dass sich die Verantwortlichen immer mehr über Walter wunderten. Sein Auftreten, seine Sprüche, seine Einschätzungen. In der HDI-Arena wagte der 44-Jährige nach der vorübergehenden Führung durch Silas Wamangitika ein Tänzchen. Ein paar schnelle Schritte an der Seitenlinie, die sowohl in Körpersprache als auch Mimik in jenem Moment nur eines ausdrückten: Was wollt ihr eigentlich alle? Es läuft doch mit mir!

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Walter verfügt über großes Selbstbewusstsein. Das trägt er auch vor sich her. Genau diesen Charakterzug schätzten Hitzlsperger und Mislintat anfangs an ihm, ebenso wie seine leidenschaftliche Arbeit. Wenn man so will ist der Fußballlehrer in Anlehnung an seine markigen Worte vor wenigen Wochen („Wir können uns in der zweiten Liga nur selbst ein Bein stellen“) auch über sich selbst gestolpert.

Die Nachfolgersuche hat begonnen

Nun soll es ein neuer Mann richten. Und es ist davon auszugehen, dass Mislintat eine Shortlist an Trainerkandidaten zur Hand hat. Dennoch soll er noch keinen konkret kontaktiert haben. Das geht jetzt los. Als eine Überlegung gilt Zsolt Löw, der aktuell als Co-Trainer von Thomas Tuchel bei Paris St. Germain arbeitet. Weshalb es allein aus finanziellen Gründen schwierig erscheint, Löw loszueisen. Die zuletzt gehandelten Markus Anfang und Sandro Schwarz (beide ohne Verein) spielen bei den Zukunftsszenarien des VfB jedoch keine Rolle.

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