Statt in der Innenverteidigung spielt Benjamin Pavard derzeit hinten rechts. Foto: Baumann

Der Spielmacher als Linksaußen, der Offensivmann in der Defensivzentrale: Viele Spieler des VfB Stuttgart müssen derzeit auf fremdem Terrain überzeugen. Für Trainer Hannes Wolf eine Frage der Flexibilität – aber nicht nur.

Stuttgart - Es gab Zeiten, da war der Fußball eine recht simple Geschichte. Der Spielmacher ist Spielmacher, und wenn er mal nicht Spielmacher ist, dann sitzt er eben draußen und wartet, bis er wieder Spielmacher sein darf. Diese Zeiten sind lange vorbei. Vor allem beim VfB Stuttgart.

Der Club kämpft in diesen Tagen um die Rückkehr in die Bundesliga, am Montag (20.15 Uhr/Sport 1) geht es gegen Union Berlin. Der Trainer Hannes Wolf neigt zwar nicht dazu, den Fußball zur Wissenschaft zu erheben, klar ist aber auch: Wer nur die einfachen Lösungen mag, ist beim gebürtigen Bochumer an den falschen geraten. Bestes Beispiel: die Sache mit dem Spielmacher.

Wenn also beim VfB der Spielmacher mal nicht Spielmacher ist, kann es sein, dass er Linksaußen ist – oder defensiver Mittelfeldspieler. Als Spielmacher spielt dann einer, der sonst lieber auf den Halbpositionen unterwegs ist. Und wenn die beiden Innenverteidigerpositionen besetzt sind, muss der gelernte Abwehrrecke von der Mitte eben nach rechts ausweichen. Flexibilität – auch persönliche – ist alles. Oder was sagt Wolf dazu? Dies hier: „Verantwortung ist wichtiger als Flexibilität.“

Jeder hat seine ganz bestimmte Aufgabe

In den vergangenen beiden Spielen gegen Karlsruhe (2:0) und in Bielefeld (3:2) hat der 36-jährige Trainer gleich vier Spieler nicht auf ihrer angestammten Position eingesetzt. Benjamin Pavard verteidigt rechts in der Viererkette, dabei fühlt er sich in der Innenverteidigung viel wohler. Christian Gentner übernimmt die zentrale Position hinter den Spitzen, obwohl er eher auf den Halbpositionen im Mittelfeld zu Hause ist. Berkay Özcan besetzte das defensive Mittelfeld, bislang aber galt der junge Türke als Offensivspieler. Alexandru Maxim gibt nicht den Regisseur, sondern den Linksaußen. Und nach seinen Einwechslungen betätigte sich der Vollblutstürmer Daniel Ginczek zuletzt eher als Vorbereiter hinter Torjäger Simon Terodde. „Oft ist es doch gar nicht so wichtig, auf welcher Position ein Spieler das Spiel beginnt“, sagt dazu Kapitän Christian Gentner. Viel wichtiger, ergänzt Trainer Hannes Wolf, ist, was der Spieler aus seinen Einsatzzeiten macht. Und ob er die Aufgabe, die ihm zugedacht ist, auch wirklich erfüllt.

Gentner zum Beispiel ist auf dem Papier einer offensiven Rolle mit vielen Freiheiten zugeordnet. In Wirklichkeit aber ist es „eine meiner Hauptaufgaben, den Gegner früh unter Druck zu setzen“. Somit ist der Spielführer im Prinzip der erste Verteidiger.

Oder Alexandru Maxim: Der wird derzeit zwar als Flügelspieler geführt, Wolf aber sagt: „Er soll ja nicht da außen festkleben.“ Stattdessen habe der rumänische Techniker, „Freiheiten, sich in den Räumen zu bewegen“. Maxim soll auch in die Mitte ziehen, hat bei Ballbesitz des Gegners aber auch wichtige Defensivaufgaben. Der Positionswechsel war seiner Leistung zuletzt alles andere als abträglich.

Der Teamgedanke steht über den Einzelinteressen

„Ich würde es auch nicht akzeptieren, wenn einer murrt, nur weil er nicht auf seiner angestammten Position zum Einsatz kommt“, sagt Christian Gentner und bestärkt damit seinen Trainer in dessen Einschätzung. Wolf nämlich geht es nur bedingt um bedingungslose Positionstreue. Vielmehr sollen sich seine Spieler für einen gewissen Raum auf dem Spielfeld und eine entsprechende Aufgabe verantwortlich fühlen. „Wir versuchen, die Verantwortlichkeit der Spieler zu stärken“, beschreibt er seine eigene Aufgabe und die seines Trainerteams. Um das gemeinsame Ziel Aufstieg zu erreichen, ist ein Zögern oder Zaudern auf vermeintlich fremdem Terrain keine Option. „Es geht darum, wo jeder Spieler dem großen Ganzen am besten hilft“, sagt Gentner. Taktische und geistige Flexibilität ist ohnehin längst eine Grundvoraussetzung für moderne Fußballprofis. Was nicht heißt, dass es auch in Gegenwart und Zukunft den einen oder anderen Spezialisten geben wird. Auch für diese These ist der VfB Stuttgart im Jahr 2017 ein gutes Beispiel.

Vorne drin spielt ein echter Stürmer auch wirklich als Stürmer. Doch auch Simon Terodde hat eine Verantwortung. Für Tore.

VfB Stuttgart - 2. Bundesliga

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