Nach dem Training an den Computer. VfB-Profi Daniel Didavi büffelt in seiner freien Zeit für das Abitur Foto: VfB

Immer mehr Bundesligaspieler wie Daniel Didavi vom VfB Stuttgart haben die Karriere nach der Karriere im Blick. Und unter den VfB-Profis ist Didavi nicht der einzige, der abends noch am PC büffelt.

Stuttgart - Das VfB-Trainerteam um Armin Veh verlangt seinen Profis auf dem Trainingsplatz in diesen Tagen alles ab. Es geht darum, die konditionellen Grundlagen für die kommende Spielzeit zu schaffen. So sehr die Spieler ihren Beruf lieben – wenn die schweißtreibenden Einheiten vorbei sind, ist auch niemand traurig, wenn er die Beine hochlegen kann.

Bei Daniel Didavi verhält es sich ein wenig anders. Er hat neben seinem Job als VfB-Profi noch eine andere Aufgabe vor der Brust – das Abitur. Der 24-Jährige büffelt seit Februar bei der Studiengemeinschaft Darmstadt (SGD), einer der größten Fernschulen Deutschlands, für die Hochschulreife. „Ich hole nach, was ich vor ein paar Jahren versäumt habe, als ich kurz vor dem Abi wegen der Fußballkarriere hingeschmissen habe“, sagt der Nürtinger.

Diese Entscheidung hat er inzwischen bereut. Aber noch ist es ja nicht zu spät, den Fehler auszubügeln. Auch wenn ein Fern-Abi kein Zuckerschlecken ist. Am Anfang fiel Didavi das Lernen ganz schön schwer: „Wenn man drei, vier Jahre draußen ist, braucht man eine Zeit, um wieder reinzukommen.“ Gerade in Mathe und Deutsch, die nicht zu seinen Lieblingsfächern zählen. Geschichte und Religion interessieren ihn schon mehr.

„Natürlich macht man das vor allem für die Zeit nach der Karriere. Es ist aber auch kein Fehler, schon jetzt was für seinen Kopf zu tun und nicht nur Fußball, Fußball, Fußball zu sehen“, sagt der Mittelfeldspieler, der in der vergangenen Saison großen Anteil am Klassenverbleib der Stuttgarter hatte und jetzt als Mann für die Zukunft gilt.

Ein bis zwei Stunden pro Tag brütet Didavi über Goethe, Geometrie und chemischen Formeln. Das meiste läuft über das Internet. Alle drei Monate kommt ein Paket mit Lernheften und Selbsttestfragen. Nach 32 Monaten stehen die Abiturprüfungen an. Da die Fernschule ihren Sitz in Darmstadt hat, handelt es sich um das gewöhnliche hessische Abitur. Die Kosten bewegen sich zwischen 4400 und 5800 Euro.

„Wir haben immensen Zulauf“, erklärt Barbara Debold von der SGD. Unter den Schülern seien auch viele Profisportler. Wer, das kann und will sie nicht verraten: „Schließlich kennen wir die Karrieren hinter den Schülern meist gar nicht.“

Nach Schätzungen studiert jeder fünfte Profi nebenher

Dass Profifußballer wie Daniel Didavi abseits des Trainingsplatzes den zweiten Bildungsweg einschlagen, ist nach Angaben der ­Spielergewerkschaft VDV nicht nur löblich, sondern inzwischen auch weit verbreitet. Frank Günzel, Laufbahnberater bei der Vereinigung der Vertragsfußballspieler, schätzt, dass rund 20 Prozent aller Fußballprofis heute das Abi nachmachen oder studieren. Die meisten kommen allerdings nicht aus der Bundesliga, sondern aus den Ligen zwei bis vier. Dennoch: In den 80er oder 90er Jahren sei so etwas noch undenkbar gewesen, sagt Günzel. Die VDV, aber auch die Liga und der Deutsche Fußball- Bund (DFB) machen den Profis schon früh klar, dass sich das Fußballerleben um mehr drehen sollte als um Tore, Tricks und teure Autos. „Die meisten Jungen haben das inzwischen auch schon ganz gut verinnerlicht“, meint Günzel,„sie wissen, dass nicht jeder auf dem Mond landen kann.“

Neben Fernschulen und Fernunis schneiden auch vermehrt normale Bildungseinrichtungen ihr Studienangebot auf die Bedürfnisse von Profisportlern zu. Die Uni Tübingen zum Beispiel. An der Partneruni des Olympiastützpunkts Stuttgart gibt es eigens Tutoren, die den Stundenplan der Fachschaften mit den Trainingsplänen koordinieren und auch sonst alles tun, um den Profis das Leben auf dem Campus so unbeschwert wie möglich zu gestalten. Die meisten Studenten, die parallel dem Spitzensport nachgehen, kommen nicht aus dem Fußball, sondern aus dem Handball, Basketball oder den olympischen Sportarten. „Wir hatten noch keine einzige Anfrage aus der ersten, zweiten oder dritten Liga im Fußball“, sagt Ansgar Thiel, der Leiter des Instituts für Sportwissenschaft, „vermutlich liegt das daran, dass sich Profifußballer am ehesten ein Fernstudium leisten können.“ Was sicher ein Stück weit bequemer ist. Beim VfB haben William Kvist und Daniel Schwaab diesen Weg eingeschlagen. Beide im Bereich Wirtschaft. Kvist sagt: „Ich möchte nicht nur den Körper trainieren.“ Der Däne formuliert sogar schon seinen späteren Berufswunsch: Finanzmanager.

So weit ist Daniel Didavi noch nicht: „Was genau ich später machen möchte, das weiß ich noch nicht.“ Bei aller schulischer Vernunft möchte er seinen Fokus weiter in erster Linie auf den Fußball legen. Er hat mit dem VfB schließlich noch einiges vor. Und wofür entscheidet er sich im Zweifel: ein wichtiges Spiel oder eine wichtige Prüfung? „Ende vergangener Saison im Kampf gegen den Abstieg habe ich mich für den Fußball entschieden“, sagt Didavi, „aber ich bin sicher, dass ich in diesen Zwiespalt nicht mehr kommen werde.“

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