Der VfB und der Fußball unter Doping-Verdacht Foto: Naeblys - Fotolia

Systematisches Anabolika-Doping im deutschen Profifußball? Der VfB Stuttgart sieht sich mit schweren Vorwürfen konfrontiert. Die damaligen Spieler des Bundesligisten reagieren genauso überrascht wie der Physiotherapeut aus der früheren Zeit.

Stuttgart - François Caneri wundert sich: „Diese Beweise würde ich gerne sehen“, sagt der Physiotherapeut des VfB Stuttgart aus den Jahren 1976 bis 1982. Ohne ihn ging damals in der medizinischen Abteilung des VfB gar nichts. Er vermittelte die Spieler zum umstrittenen Sportmediziner Armin Klümper und begleitete sie auch in dessen Praxis nach Freiburg. „Ich selbst habe mit den Spielern die Medikamente in der Apotheke eingekauft. Ich weiß, was in den Tüten war“, erklärt Caneri. Viele Medikamente, Tabletten, Nahrungsergänzungsmittel, aber keine unerlaubten Mittel, behauptet er. „Doping hat es beim VfB nicht gegeben – das hätte ich gewusst“, sagt Caneri. „Ich war sechs Jahre lang mit den Spielern jeden Tag zusammen, so etwas hätte man ihnen angesehen – an der Haut, an den Augen, am Muskelzuwachs, am Reaktionsvermögen“ ergänzt er. Caneri kann seine Hand aber nicht für jeden einzelnen Fußballer ins Feuer legen: „Grundsätzlich ist alles möglich, die Spieler verraten einem nicht alles.“

Das Thema ist hochbrisant: Denn erstmals gibt es offenbar im deutschen Profifußball Beweise für systematisches Anabolika-Doping. Neben dem VfB sieht sich auch der SC Freiburg mit schweren Vorwürfen der Evaluierungskommission Freiburger Sportmedizin konfrontiert. In den späten 1970er und frühen 1980er Jahren habe beim Bundesligisten VfB „in größerem Umfang“ sowie in kleinerem Umfang beim damaligen Zweitliga-Club aus Freiburg Doping eine Rolle gespielt. Nicht nur Physiotherapeut Caneri, auch die Spieler, die zur damaligen Zeit das Trikot mit dem Brustring trugen, wehren sich gegen die Vorwürfe: „Wegen eines Achillessehnenabrisses war ich 1979 ein halbes Jahr lang alle 14 Tage bei Professor Klümper. Er hat mir wieder auf die Beine geholfen, aber von Doping habe ich nie etwas mitbekommen“, sagt Helmut Dietterle. Er und seine Teamkollegen gaben sich in Klümpers Praxis die Klinke in die Hand. „Es ging nur darum, schnell gesund zu werden. Doping war nie ein Thema“, sagt Bernd Förster. Sein Bruder Karlheinz hatte sich unlängst in einer SWR-Dokumentation wie folgt geäußert: „Wenn’s Spitz auf Knopf ging, da haben wir gesagt: ’Mensch Professor, ich muss am Samstag wieder ran.’ Da hat man auch mal was Unvernünftiges gemacht.“ Aber Doping? „Das ist absurd. Ich kann mir das überhaupt nicht vorstellen und halte das für völlig ausgeschlossen“ sagt der ehemalige VfB-Trainer Jürgen Sundermann (1976 bis 1979 und 1980 bis 1982). Und der frühere Nationalspieler Karl Allgöwer kritisiert: „Mich stört dieses Pauschalurteil. Ich war auch Patient bei Professor Klümper, aber es ging immer nur darum, gesund zu werden und nicht um Leistungsverbesserung.“

Doping-Einzelfälle hat es in der Geschichte des deutschen Fußballs bereits mehrfach gegeben. Über flächendeckende Vergehen gab es bisher nur Spekulationen aufgrund von Verdachtsmomenten, die aber von den Beteiligten stets bestritten wurden. Nun will die Untersuchungskommission zur Aufarbeitung der Doping-Vergangenheit an der Universität Freiburg jedoch Belege in der Hand haben. Demnach lasse sich Anabolika-Doping „in systematischer Weise“ anhand neuer Aktenbestände „erstmals auch für den Profifußball in Deutschland sicher beweisen“.

Das schreibt Kommissionsmitglied Andreas Singler in einer nicht mit dem Gremium abgestimmten Mitteilung vom Montag. Die Vorsitzende der Kommission, Letizia Paoli, bestätigte in einer eigenen Mitteilung aber die inhaltliche Korrektheit der Doping-Vorwürfe, die sich sowohl gegen den Fußball als auch den Radsport richten. Der Bund Deutsche Radfahrer (BDR) steht im Verdacht, organisiertes Doping mit anabolen Steroiden betrieben zu haben. Singler habe von sich aus mit der Zustellung der Mitteilung seinen Rücktritt aus der Kommission angeboten, teilte Paoli weiter mit.

Der VfB äußerte sich zurückhaltend. Da dem Verein „das angesprochene Gutachten der Evaluierungskommission“ nicht vorliege, könne die Grundlage der Vorwürfe auch nicht nachvollzogen werden. Zudem liegen die angeblichen Vorfälle Jahrzehnte zurück. Daher seien „damalige Abläufe“ schwierig zu rekonstruieren. „Der VfB ist im Sinne eines sauberen Sports an der lückenlosen Aufklärung des Sachverhaltes interessiert.“

Nachforschungen der Kommission zufolge ist indes beim SC Freiburg „eine Anabolika enthaltende Medikamentenlieferung auf Veranlassung“ von Klümper überliefert. Die Freiburger distanzierten sich von dem Vorwurf. „Der SC erteilt jeglichen Maßnahmen zu Medikamentenmissbrauch und unerlaubter Leistungssteigerung eine klare Absage“, schrieb der Verein. Der Sportclub will die Aufklärungsarbeit der Untersuchungskommission „komplett unterstützen und alles dafür tun, damit die Vorgänge der damaligen Zeit aufgeklärt werden können.“

Die neuen Erkenntnisse zum Doping wurden in einem rund 60-seitigen Sondergutachten zusammengefasst, wie Singler weiter mitteilte. Die Kommission werde demnach in den nächsten Wochen darüber beraten, ob sie diesen Text als Zwischenbericht vielleicht noch vor Abschluss sämtlicher Arbeiten veröffentlichen wolle. Es bleibt brisant, und nicht nur François Caneri ist gespannt auf die Beweise.

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