Die Proteste aus der Fankurve des VfB Stuttgart gegen den Präsidenten Wolfgang Dietrich nehmen zu. Foto: Pressefoto Baumann

Die erste Halbzeit war ansprechend, doch der VfB Stuttgart hat gegen RB Leipzig wieder nicht gepunktet. So wird die Stimmung bei den Fans in der Cannstatter Kurve immer gereizter.

Stuttgart - Es gibt auch im Fußballgeschäft diverse Möglichkeiten, sich elegant in die Tasche zu lügen. Die Zuschauerzahl etwa bietet so eine Chance, die man beim VfB an diesem sonnigen Samstagnachmittag anlässlich des Heimspiels gegen RB Leipzig nicht verstreichen lassen wollte. Auf 46 072 Zuschauer also summierte sich die Zahl derer, bei denen sich der Verein via Stadionsprecher für ihren Besuch bedankte.

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Dies stand allerdings im krassen Gegensatz zum Szenario auf den Rängen, wo an ­diversen Stellen, vor allem in der Untertürkheimer Kurve, die leeren roten Sitzschalen allmählich die Oberhand gewinnen. 46 072 Gäste hatte der VfB gegen Leipzig niemals, doch Schönreden gehört hier mittlerweile chronisch zum Geschäft, da die 30 000 Dauerkartenbesitzer immer mitgezählt werden. Ob sie nun kommen – oder nicht.

Tatsächlich passt diese kleine Schummelei bei der Besucherzahl dieser Tage irgendwie gut zu den Krisenreaktionen beim Verein für Bewegungsspiele. Schließlich stand auch die interne Stimmung rund um Trainer und Mannschaft diesmal im krassen Gegensatz zum Ergebnis – der VfB hat sich mit dem 1:3 gegen Leipzig die vierte Niederlage im fünften Rückrundenspiel eingefangen – und sie stand auch äußerst konträr zum aktuellen Tabellenstand, wo die Stuttgarter weiter auf dem Relegationsplatz 16 rangieren.

Die Stimmung bei den VfB-Spielern ist relativ gut

Die Stimmung nämlich bei den Spielern rund um ihren Interimskapitän Mario Gomez, den emsigen Dauerläufer Alexander Esswein oder den Trainer Markus Weinzierl, sie war relativ gut. Gemessen an der äußerst prekären Lage, in der sich der Verein zwölf Spiele vor Saisonschluss befindet, war sie sogar blendend. „Ich bin felsenfest davon überzeugt, dass wir den Abstieg verhindern, wenn wir so weitermachen“, sagte etwa ­Gomez, dem dieses Spiel „viel frische Kraft“ gegeben hat, während Esswein hervorhob, dass sich die Mannschaft gegen Leipzig „richtig den Arsch aufgerissen“ habe.

Auch Markus Weinzierl hatte vermeintliche Symptome des Aufbruchs erkannt. „Wir haben ein anderes Gesicht gezeigt“, sagte der Chefcoach, der sich damit auf die Leistung seiner Elf zwischen der fünften und 68. Minute bezog. Denn da hatte zunächst Steven Zuber per Handelfmeter die frühe Führung durch den RB-Profi Yussuf Poulsen (5.) ausgeglichen (16.). Und ja, der VfB hätte anschließend sogar 2:1 führen können, hätte Ozan Kabak vor der Pause per Kopf oder Santiago Ascacibar nach dem Wechsel dicht vor dem Tor getroffen.

„Keine Glanzleistung“ – aber für den VfB reicht’s

Am Ende allerdings hatte der VfB mal wieder verloren, und zwar gegen eine Leipziger Elf, welcher deren Trainer Ralf Rangnick „keine Glanzleistung“ attestierte. Doch für den VfB hatte es durch Tore von Marcel Sabitzer per Freistoß (68.) und erneut Poulsen (74.) allemal gereicht, weshalb die aufgeräumte interne Stimmung bei den Stuttgartern schon ein wenig verwunderte. Und dies, obwohl die Stuttgarter in puncto Spielgeschwindigkeit, Zweikampfverhalten und Selbstvertrauen tatsächlich eine ihrer besten Halbzeiten gespielt hatten.

Und trotzdem stand diese „So kann es weitergehen“-Atmosphäre im Club („Die Basis ist gut. Der Trainer bleibt“, sagte der neue Sportvorstand Thomas Hitzlsperger) in extremem Widerspruch zur aktuellen Lage. Denn der VfB sitzt vor dem Spiel am Freitag (20.30 Uhr) bei Werder Bremen in Wirklichkeit auf einem Pulverfass mit erhöhter Explosionsgefahr. Unmittelbar nach dem Abpfiff hatte es einen kurzen Einblick in das Szenario gegeben, welches dem Club spätestens nach dem nächsten Heimspiel gegen Hannover 96 in zwei Wochen ins Haus stehen könnte, sollte bis dahin kein weiterer Dreier eingefahren sein.

„Wie viele Bauernopfer braucht es noch, bis der Sonnenkönig endlich geht?“, war eine der Botschaften auf einem großen Banner in der Cannstatter Kurve an den VfB-Präsidenten Wolfgang Dietrich, der sich vor seiner Loge im Beisein des Bundestrainers Joachim Löw lautstarke „Dietrich raus!“-Rufe anhören musste. Zwar fordert der auf die Bank verbannte Kapitän Christian Gentner die eigene Fanschaft dazu auf, einen kühlen Kopf zu bewahren. „Meine persönliche Meinung ist, dass der Präsident mehr Lösung als Problem des Ganzen ist“, sagte er.

Der Protest der Cannstatter Kurve reißt nicht ab

Tatsächlich aber, und auch dies gehört abseits aller Schönmalerei zur Realität, fokussiert sich der Unwillen der VfB-Anhängerschaft immer stärker auf den Präsidenten, der für viele nach dem Abgang von Manager Michael Reschke nun allein die große Reizfigur ist. „Neben Timo Werner hat sich die Kurve den VfB-Präsidenten ausgeguckt“, das war auch Leipzigs Coach Ralf Rangnick nicht verborgen geblieben.

Mit einem Punkt aus den vergangenen sieben Ligaspielen bei 7:20 Toren liest sich die Bilanz des VfB seit Mitte Dezember verheerend. Viel Zeit bleibt dem Traditionsclub vom Cannstatter Wasen nicht mehr, um die deutliche Trendwende einzuleiten. Gelingt sie nicht, muss der Trainer Weinzierl als Nächster gehen – und für den Präsidenten Dietrich wird es richtig ungemütlich.

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