In Feierlaune: Gerhard Mayer-Vorfelder nach dem Pokalsieg 1997 Foto: Baumann

Den Erfolg zu verstetigen ist eine Kunst, die in der Bundesliga nur wenige beherrschen. Der VfB hatte schon mehrfach die Möglichkeit. Aber er vergibt alle seine Chancen kläglich.

Stuttgart - Es ist der 17. Mai 1989. Angetrieben von Allgöwer, Sigurvinsson und Klinsmann liefert der VfB Stuttgart dem SSC Neapel einen großen Kampf. Er endet 3:3, das Finale um den Uefa-Cup ist nach dem 1:2 im Hinspiel zwar verloren, aber selten blickt man nach Spielschluss in so viele zufriedene Gesichter. Wer dabei ist, geht mit dem erhabenen Gefühl nach Hause, Teil einer Geschichte zu sein, die womöglich den Anfang einer großen Zukunft markiert. Eine Illusion. Verpasste Chancen reihen sich in der jüngeren VfB-Geschichte aneinander wie Perlen einer Kette. Und fast immer spielen falsche Eitelkeit, unprofessionelle Geschäftspolitik und fehlende Konzepte eine gewichtige Rolle. Eine kleine Zeitreise.

b>1984 - Für welche Werte steht der Club?

1984: Der VfB feiert nach 1950 und 1952 die dritte deutsche Meisterschaft. Über Helmut Benthaus, den Schweizer Trainer, schreiben die Gazetten, dass er die Mannschaft um Hermann Ohlicher, Asgeir Sigurvinsson, Karl Allgöwer und Guido Buchwald mit kühlem Verstand und scharfem Intellekt zum Titel führte. Im Jahr darauf wird die Mannschaft Zehnter, ein paar grob gehobelte Spieler proben den Aufstand gegen Benthaus und finden – wie in den kommenden eineinhalb Jahrzehnten noch häufig – Gehör beim Präsidenten. „Dem ist das Stuttgarter Ballett doch wichtiger als der VfB“, knarzt Gerhard Mayer-Vorfelder. Der Vertrag wird nicht verlängert. „MV konnte nicht ertragen, dass Benthaus mehr Anerkennung genoss als er“, sagt einer, der zum Führungskreis gehört.

Co-Trainer Willi Entenmann übernimmt und führt den VfB ins DFB-Pokalfinale gegen die Bayern (2:5). Ausgerechnet vor dem Endspiel in Berlin erfährt die verblüffte Öffentlichkeit: Der treue Willi muss am Saisonende weichen, neuer Coach wird Egon Coordes. MV will die großen Räder drehen – und verpflichtet einen Mann, der auf dem Klo gesessen haben muss, als die Diplomatie erfunden wurde. Der Co-Trainer vom FC Bayern macht sich schnell so beliebt wie eine Vollsperrung auf der Gaisburger Brücke. Nach einer Spielzeit ist wieder Schluss. Damals wie heute stellt sich die Frage: Welchen Plan hat der VfB, wer trifft die Entscheidungen, für welche Werte steht der Club?

1987 - Haan, Trainer ohne Lizenz

1987: Arie Haan ist ein Glücksfall. Das Team blüht unter dem lebensfrohen Niederländer auf, es spielt begeisternd und zieht 1989 ins Uefa-Cup-Finale ein. Weil Haan aber keine Fußball-Lehrer-Lizenz besitzt und MV als Vorsitzender des DFB-Ligaausschusses darüber wacht, dass kein Coach längere Zeit ohne das Papier arbeitet, ist Knatsch programmiert. Statt wie verabredet die Trainer-Akademie in Köln zu besuchen, pflegt Arie Haan den Kontakt zum weiblichen Teil der Stadtbevölkerung. Der Schwindel fliegt auf. Haan sagt zum Abschied: „Der Fisch stinkt vom Kopf her.“ Wieder springt Entenmann ein.

1990 - Daum, himmelhochjauchzend

1990: Ulrich Schäfer ist bedient. „Jetzt muss ich schon unterm Weihnachtsbaum mit Spielern für die nächste Saison verhandeln“, grantelt der ehemalige Bürgermeister – und zieht sich nach 14 Jahren an der Seite des Präsidenten zurück. Der Geschäftsführer beim VfB heißt fortan Manager und kann einen Computer bedienen. Dieter Hoeneß feuert Entenmann – und bekommt Christoph Daum als neuen Coach. Bis heute erzählt man sich die Geschichte, dass Margit Mayer-Vorfelder eine Mammutsitzung der Trainerfindungs-Kommission im Cannstatter Muckensturm mit den Worten beendete: „Gerd, den nehmen wir!“ Eine bis dahin unbekannte Variante der Personalplanung.

1992: Der Temperamentsbolzen aus dem Revier haucht der Truppe wieder Leben ein. Die Mannschaft wird 1992 zum vierten Mal deutscher Meister. Die Experten sind sich einig: auch deshalb, weil sie in Dortmund und Frankfurt zu doof dafür waren.

Weil sich der Trainer nach dem Triumph in Leverkusen mit der Meisterschale, aber ohne Manager ablichten lässt, kommt es zu ersten atmosphärischen Störungen, die in ein Zerwürfnis münden, als Daum im Europapokal der Landesmeister ein peinlicher Wechselfehler unterläuft. Der VfB scheidet nach einem Wiederholungsspiel aus. Konsequenzen? Erst mal keine! Der Präsident und seine Frau sind dem Trainer treu ergeben. Der hat die Mannschaft aber längst verloren, hält sich in quälenden Wochen noch bis Dezember 1993. Dann wird er entlassen. Dieter Hoeneß darf erst mal weitermachen. Er holt als Coach Jürgen Röber, verpflichtet Carlos Dunga (1993 bis 1995), Giovane Elber (1994 bis 1997) und Krassimir Balakov (1995 bis 2003). Weil Hoeneß gerne Golf spielt, seinen Terminkalender suboptimal verwaltet, aber viel öffentliche Aufmerksamkeit genießt, wirft ihn MV 1995 raus. Röber auch.

Ulrich Schäfer kehrt der Not gehorchend an seine alte Wirkungsstätte zurück. Es ist, als wolle man mit einem Drei-Gang-Rad noch mal die Tour de France gewinnen. Schäfer trauert tief gekränkt den alten Zeiten nach: „Das ist nicht mehr meine Welt.“ Er bedient noch häufiger als sonst das „Stasi-Fon“ (interner Sprachgebrauch auf der Geschäftsstelle), eine Sprechanlage, die nur in eine Richtung funktioniert, und lässt unter Einsatz deftigen Vokabulars seinen Frust in den Büros aus. „Sie A...!“ Ein bis heute gern zitierter Beitrag zur VfB-Betriebskultur.

Schäfer holt den Schweizer Trainer Rolf Fringer. Er ist von ihm überzeugt, MV eher nicht. Es gibt rasch Probleme: Der Experte für Viererketten und ballorientierte Raumdeckung verbietet dem Boxfan Axel Kruse, frühzeitig die Weihnachtsfeier zu verlassen, um den WM-Kampf von Axel Schulz gegen Françis Botha in der Schleyerhalle anzuschauen. Kruse darf dann doch gehen. MV hatte ihm ja eigens zwei Tickets besorgt. Dann spricht Thomas Berthold gegen Ende einer durchwachsenen Saison (Rang zehn) im Ministerium vor. „Der Trainer ist nicht mehr tragbar.“ Wenige Wochen später, vier Tage vor dem Start in die neue Spielzeit, sieht es MV auch so. Glück braucht der Mensch: Fringer bekommt ein Angebot als Schweizer Nationaltrainer. Und geht.

1996 - Winnie Schäfer, zu Tode betrübt

1996: Sein Co-Trainer wird in der Not zum Chef befördert – Joachim Löw. Eine Erfolgsgeschichte: Er macht den VfB 1997 zum DFB-Pokalsieger (2:0 gegen Energie Cottbus), 1998 unterliegt die Mannschaft mit dem magischen Dreieck (Balakov, Bobic, Elber) im Europacup-Finale in Stockholm mit 0:1 gegen den FC Chelsea. Die Mannschaft landet auf Rang vier, zieht in den Uefa-Cup ein. Löw muss trotzdem gehen. Er hat das von Balakov geforderte Upgrade auf dem Heimflug aus dem Trainingslager nicht verhindert. Geschätzte Mehrkosten: 15 000 Euro. Schäfer tobt, MV tönt: „Wir brauchen einen Schmied, kein Schmiedle.“

Er holt gegen den energischen Rat der VfB-Führungsriege Winfried Schäfer vom Karlsruher SC. Der soll den Schluris um Fredi Bobic und Gerhard Poschner den Marsch blasen. MV befiehlt: „Helm enger ziehen. Ausmisten!“ Erst kurz vor Dienstantritt dämmert dem wilden Winnie im Gespräch mit einem Stuttgarter Journalisten, dass er im Team und bei Teilen der Fans so beliebt ist wie Fußpilz. Schäfer erstaunt: „Darf ich das so der Margit sagen?“ Wenn’s hilft. Kurz vor Weihnachten eskaliert die Situation. Die Fans lachen Schäfer nur noch aus, die Elf spielt gegen ihn. Geschäftsführer Ulrich Schäfer sagt: „Die Bomb’ geht net unter meinem Arsch hoch.“ MV feuert seinen Lieblings-Coach. Margit soll es bedauert haben.

1999 - Chaos perfekt

1999 und 2000: Das Chaos beim VfB ist wieder mal perfekt. MV steht zu Beginn der Jahrtausendwende so heftig im Kreuzfeuer der Kritik wie nie während seiner 25-jährigen Amtszeit. Der Verwaltungsrat begehrt gegen den Präsidenten auf, initiiert ein Misstrauensvotum, das mit Müh und Not abgebogen wird. Ulrich Schäfer kündigt entnervt seinen Rücktritt an. Der VfB ist nicht nur finanziell klamm, er ist auch führungslos. Der Präsident bittet in seiner Not sogar einen Ex-Bayern-Profi: „Herr Breitner, übernehmen Sie!“ Der lehnt lachend ab. Weil die Mannschaft auch unter Amateurcoach Rainer Adrion nicht in Tritt kommt, übernimmt im Mai 1999 der aus Ulm herbeigeeilte Ex-VfB-Jugendkoordinator Ralf Rangnick. Er verhindert mit der Mannschaft den Abstieg, ist aber im zerstrittenen und führungslosen Verein nach kurzer Zeit überfordert. Co-Trainer Peter Starzmann singt vor Spielen zur Gitarre, Mental-Trainer zünden in der Kabine Böller und lassen Eisen biegen. Schöne Geschichten.

MV verabschiedet sich erst aus der Politik, dann vom VfB. Hansi Müller ist nicht schnell genug auf dem Baum und wird Vorstandsmitglied für Öffentlichkeitsarbeit und Marketing. Karlheinz Förster wird Teambetreuer. Dann werden beide wieder entlassen. Übergangspräsident Manfred Haas (2000 bis 2003) klagt: „Wenn ich nicht bald einen Manager bekomme, trete ich zurück.“

Er bekommt Rolf Rüssmann, der Fernando Meira holt, Rangnick durch Felix Magath ersetzt und schließlich Krach mit Vorstandsmitglied Achim Egner kriegt. Der Debitel-Chef kritisiert den Transfer von Meira, weshalb Rüssmann und Magath auf der Rückreise aus dem Trainingslager im Elsass nicht in der Schwarzwald-Residenz von Egner vorbeischauen. Es kommt zum Krach, der um ein Haar vor Gericht endet. Egner droht, die Tantiemen aus dem Sponsoring-Vertrag einzufrieren. Und Haas bekommt kalte Füße. Aufsichtsratschef und Wirtschaftskapitän Dieter Hundt feuert Rüssmann und meint, dass der VfB eh keinen Manager braucht: „Das macht bei mir der Pförtner.“ 2003: Erwin Staudt wird Präsident, und Dieter Hundt bietet ihm an, den umstrittenen Finanzchef Ulrich Ruf zu ersetzen. Staudt, der von den Interna der Branche aber so viel versteht wie ein Nashorn vom Bogenschießen, lehnt ab. Heute sagt Staudt: „Das war mein größter Fehler.“ Später nennt Ruf den Präsidenten „Verbal-Erotiker“. Sexy ist dagegen: Der VfB zieht mit Magath und den jungen Wilden zweimal in die Champions League ein. Jedes Mal fließen rund 15 Millionen Euro in die Kasse. Aber damit konnte ja niemand rechnen. Weil der VfB weder einen Plan hat noch einen Manager, aber noch immer einen knausrigen Finanzchef, verliert Magath die Lust. Dass sich Staudt mit Fachliteratur über moderne Trainingslehre eingedeckt hat, beeindruckt ihn wenig. „Der hat vom Fußball keine Ahnung.“ Außerdem locken die Bayern. Aus Dortmund kommt der ewig schlecht gelaunte Matthias Sammer. Er scheitert. Dann schwärmt Staudt: „Habemus Mister.“ Ein Coup: Sogar Staudts Frau kennt Giovanni Trapattoni – aus der Joghurtwerbung. Als dem Präsidenten nach einer Tour durch die Fettnäpfchen des Geschäfts dämmert, dass IBM und VfB zwei Paar Stiefel sind, macht er Horst Heldt zum Manager. Der feuert Trapattoni und verpflichtet Armin Veh. Frau Trapattoni findet die geliehenen Möbel von VfB-Sponsor Hofmeister toll – und nimmt sie mit nach Italien. Habemus Sofa! Eine offene Rechnung.

2007 bis heute

2007: Der VfB wird mit „Übergangs-Trainer“ (Dieter Hundt) Armin Veh Deutscher Fußballmeister. Auch, weil sich der FC Bayern eine Pause gönnt.

2008: Veh wird entlassen. Das trifft sich gut. Er hat eh keinen Bock mehr. Yildiray Bastürk, sein Lieblingsspieler, kostet den Verein zehn Millionen Euro. Er spielt erst fast nicht, dann gar nicht. Muskelfaserriss und so. Zu schnell aus dem Bus ausgestiegen. Ein anderer Plan ist: Ciprian Marica. Ihn holt der VfB, weil sonst kein Stürmer mehr auf dem Markt ist. Wie immer ist Heldt zu spät dran, weil er erst Spieler verkaufen muss. Ulrich Ruf will das so, der Aufsichtsrat auch. Veh sieht Marica in einem 15-Minuten-Video. Dann ist der acht Millionen Euro teure Rumäne verpflichtet. Jahresgehalt: 3,5 Millionen Euro. Irgendwie geht es immer so weiter. Allein die Rückkehr des untrainierten Alexander Hleb verschlingt alles in allem rund 20 Millionen Euro. Im Lauf der Jahre verbrennt der VfB durch seine planlose Transferpolitik rund 100 Millionen Euro.

2009: Staudt baut das Stadion zur Fußballarena um, wundert sich aber, dass es ihm die Fans nicht danken, als der VfB unter Coach Markus Babbel in Abstiegsgefahr schwebt. Die Fans brüllen „Vorstand raus“ und drohen mit dem Sturm auf die Geschäftsstelle. Staudt ist ein bisschen beleidigt, er muss aber noch nach einem neuen Hauptsponsor suchen. Weil er auch mal mit Porsche redet, was alles so möglich wäre, sind die Aufsichtsräte Schmid und Hundt empört. Danach ist klar: Staudt wird nicht mehr zum VfB-Chef vorgeschlagen. Der kann es verschmerzen, er plant die Karriere als Leonberger Antwort auf Tiger Woods.

2011: Joachim Schmid soll neuer Präsident werden, er hat auch Interesse. Daimler-Chef Dieter Zetsche winkt ab: „Den brauche ich noch.“ Mangels Plan B zeigt Dieter Hundt auf den Ex-Porsche-Manager Gerd Mäuser. Gremiums-Kollege Eduardo Garcia poltert: „Herr Mäuser, Sie sind eine fatale Fehlbesetzung.“ Der Mann ist ein Hellseher.

2013 bis 2015: Mäuser muss gehen. Im September übernimmt Bernd Wahler. Er entlässt die Trainer Bruno Labbadia und Thomas Schneider. Auf Huub Stevens folgt Armin Veh. Zwischendurch kommt Sportvorstand Fredi Bobic abhanden, jetzt hisst Veh die weiße Fahne beim Club der roten Lichter. Wahler sagt: „Ich habe hier eine Aufgabe. Die werde ich erfüllen.“ Er hat Humor.

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