Im Winter vor zwei Jahren bereitete sich der VfB Stuttgart schon einmal in der Sonne Portugals auf die Rückrunde vor. Foto: Baumann

Trainer Hannes Wolf nimmt den Verein für Bewegungsspiele wörtlich – und will seinen Spielern im Trainingslager Beine machen.

Stuttgart/LagosCascade - Im Wellness- und Lifestyle-Ressort zu Lagos lässt es sich gewiss aushalten. Auf einer Klippe über dem Atlantik gelegen, bietet das Fünf-Sterne-Haus alles, was das Herz begehrt. Vor zwei Jahren hat der VfB Stuttgart seine Zelte schon einmal am Südwestzipfel Portugals aufgeschlagen und das Ressort seither in bester Erinnerung.

Hier geht’s zum großen Interview mit VfB-Coach Hannes Wolf.

Nur Moritz Leitner wird wohl nie vergessen, wie ihn der damalige Trainer Huub Stevens morgens um sechs mit einem Straftraining im Kraftraum triezte. Doch die beiden sind Geschichte beim VfB. Jetzt macht sich Hannes Wolf daran, seine Mannschaft fit für die Rückrunde und das Ziel Wiederaufstieg zu trimmen. „Wir haben in allen Bereichen noch Luft nach oben“, sagte Wolf, bevor er am Freitag mit seiner Mannschaft von Echterdingen Richtung Lissabon abhebt. Das sind die aktuell größten Baustellen beim Tabellendritten der zweiten Liga:

Defensive

Taktische Variabilität ist gut, Stabilität ist besser – vor allem in der Abwehr. Dort haben dem VfB die vielen Umstellungen in der Hinrunde nicht gutgetan. 21 Gegentore sind zu viel für einen selbst ernannten Aufstiegsanwärter. Vor allem nach Kontern war die Hintermannschaft häufig schlecht sortiert – 32 gegnerische Torabschlüsse sind Ligahöchstwert. Wolf ist noch auf der Suche nach einer Stammformation, ob als Vierer- oder als Dreier- beziehungsweise Fünferkette. Beim jüngsten Testspiel gegen den 1. FC Köln (0:0) lief Kevin Großkreutz als Linksverteidiger auf. Sicher scheint nur der Stammplatz von Timo Baumgartl in der Innenverteidigung – die anderen Puzzleteile sollen sich in Portugal zu einem schlüssigen Ganzen zusammenfügen.

Offensive

Simon Terodde, Takuma Asano, Carlos Mané, Berkay Özcan, Alexandru Maxim, dazu Neuzugang Julian Green und der muskulär wiederhergestellte Daniel Ginczek: Offensiv hat Wolf die Qual der Wahl. Trotz des großen Aufgebots zeichnen sich die Konturen klarer ab als in der Defensive. Vieles hängt an der Frage, inwieweit Stoßstürmer Ginczek der Mannschaft schon eine Hilfe sein und spieltaktisch integriert werden kann. Wolf kann sich eine Doppelspitze mit Simon Terodde auf alle Fälle vorstellen. Das Problem des 25-Jährigen: Konditionell fehlt ihm noch viel. In den Testspielen bis zum Rückrundenstart will Wolf ihn jeweils 45 Minuten aufs Feld schicken. Ansonsten tüftelt der Trainer an einem System für das offensive Mittelfeld mit Carlos Mané in zentraler Position. Das misslang in der Hinrunde zwar meist; Wolf glaubt aber, so weniger ausrechenbar zu sein. Im laufintensiven System des 35-Jährigen ist auch in der Rückrunde kein fester Platz für Alexandru Maxim vorgesehen. Wolf wird ihn aber bei Laune halten müssen – wer weiß, wann er ihn noch benötigt.

Athletik

Der Coach würde in der Vorbereitung gerne herausfinden, warum seine Mannschaft in der Hinrunde meist gut begonnen, im Laufe des Spiels dann aber immer mehr die Kontrolle über Ball und Gegner verloren hat. Noch sieht Wolf nicht ganz klar. Fakt ist, dass seine Schützlinge nach einer guten Anfangsviertelstunde läuferisch oft nachgelassen haben. Was einerseits normal ist, andererseits aber nicht erklärt, warum der VfB darüber die Spielkontrolle verlor. Wie auch immer: Das Wolf’sche Fitnessprogramm wird es in sich haben. Laufintensität, Schnelligkeitsreize, absolutes Tempo lauten die Schlagworte. Nach dem Köln-Spiel bekamen die Spieler einen Vorgeschmack. Statt Auslaufen standen Steigerungsläufe auf dem Programm. Eine von Wolfs Grundthesen besagt: Im modernen Fußball geht es nur noch über Tempo und Athletik – wo mittlerweile im Prinzip jede Mannschaft Pressing und Gegenpressing zum System erhoben hat. Der Verein für Bewegungsspiele soll seinem Namen wieder alle Ehre machen.

Mentalität

Nach dem gruseligen Auftritt beim 0:3 in Würzburg kurz vor der Winterpause keimte sie wieder auf: Die Diskussion über die richtige Einstellung. Mit etwas Abstand relativiert Wolf seine damalige Kritik: „Auch in Würzburg waren die ersten 15 Minuten o. k. – wir sind also mit der richtigen Einstellung auf den Platz.“ Er erinnert daran, dass seine Mannschaft nur in zwei von elf Spielen unter ihm eingebrochen sei – in Dresden und eben in Würzburg. Ansonsten habe das Team nie einen Grund geliefert, an seinem Charakter zu zweifeln. Was nicht heißen soll, dass es nicht noch besser geht. Wolf spricht in diesem Zusammenhang von Kultur und Haltung. Das könne man aber nicht verordnen. „Ich bin gerade mal drei Monate hier, das ist nichts im Fußball“, sagt Wolf. Mit anderen Worten: Eine richtige Mentalität entwickelt sich von alleine – oder auch nicht.

Kader

Den VfB fit für die Zukunft zu machen ist die große Baustelle von Sportchef Jan Schindelmeiser. Dazu soll der Kader zur Trainingsoptimierung verkleinert werden, was durch die Abgänge von Stephen Sama und Philip Heise bereits geschehen ist. Boris Tashchy wurde aussortiert. In der Offensive sind die Kaderplanungen mit Julian Green abgeschlossen, „außer es passiert noch was Verrücktes“ (Wolf). Die Suche nach einem Allrounder fürs defensive Mittelfeld und die Innenverteidigung läuft noch. Mikel Merino von Borussia Dortmund, einer von Wolfs Wunschspielern, wird (auf die Schnelle) aber nicht zu bekommen sein. Der Rest ist Sache von Schindelmeiser. Auch ein Sportchef braucht im Trainingslager noch Herausforderungen.

VfB Stuttgart - 2. Bundesliga

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